Frankfurt - Mario Gomez könnte sich schon etwas einsam fühlen. Der Mann vom FC Bayern München ist momentan der einzige echte Stürmer im 20-köpfigen Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft. Er ist in Zeiten von "falschen Neunern" fast schon ein Exot. Denn auch Bundestrainer Joachim Löw liebäugelt immer stärker mit einer Taktik ohne Stoßstürmer, mit der Spanien im vergangenen Sommer immerhin Europameister geworden war.

Auch beim WM-Qualifikationsspiel am Freitag um Mitternacht Ortszeit in Astana gegen Kasachstan (ab 18:45 Uhr im Live-Ticker) auf ungewohntem Kunstrasen sei das sogenannte spanische System "eine Option", sagte Assistenztrainer Hansi Flick am Dienstag in Frankfurt. Man müsse jetzt aber erst einmal "die Trainingseinheiten abwarten, um dann zu entscheiden, wer vorne in der Spitze spielt".

Das Training am Dienstag brachte indes zunächst eine Schrecksekunde, wenngleich nicht im Sturm: Mittelfeldspieler Sami Khedira verletzte sich ohne Fremdeinwirkung am Sprunggelenk, eine genaue Diagnose stand zunächst aus.

In der Offensive, so Flick derweil, sei auch Gomez "eine Überlegung". Zumal der 27-Jährige beim 3:0 am 12. Oktober 2010 in Kasachstan, wo ebenfalls auf Kunstrasen gespielt worden war, "durchaus zu glänzen wusste und auch ein Tor gemacht hat".

Sturm ohne echten Stürmer?



Allerdings würde gerade der Untergrund in Astana für eine Taktik ohne Gomez, der beim Rekordmeister seit Wochen nur noch zweite Wahl ist, sprechen. Auf Kunstrasen sind normalerweise technisch beschlagene Akteure wie Mesut Özil, Mario Götze oder Andre Schürrle im Vorteil.

"Ich beschäftige mich schon lange mit dem Gedanken, dass Spieler abwechselnd in die Spitze stoßen. Sie müssen natürlich auch torgefährlich sein, den Abschluss suchen", sagte Löw zu dem Thema. In Marco Reus fehlt in Kasachstan jedoch eine weitere Alternative wegen einer Gelbsperre.

Es müsse "nicht unbedingt immer ein großer, bulliger Zentrumsstürmer auf dem Platz stehen, sondern kleine, wendige Spieler, die auf engstem Raum die richtigen Lösungen finden und den manchmal etwas unbeweglichen Spielern in der Innenverteidigung Probleme bereiten. Diese Flexibilität kann den Gegner überraschen", führte der 53-Jährige weiter aus.

Bundestrainer experimentiert



Auch deshalb verzichtete Löw erneut auf Bayer Leverkusens Top-Torjäger Stefan Kießling, den derzeit treffsichersten deutschen Angreifer, in seinem Aufgebot für die Partien in Astana und am kommenden Dienstag in Nürnberg erneut gegen Kasachstan - obwohl auch der 34 Jahre alte Klose (126 Länderspiele/67 Tore) wegen einer noch nicht ausgeheilten Knieverletzung erneut nicht zur Verfügung steht.

Schon in Frankreich (2:1) behalf sich Löw in der zweiten Hälfte nach der Auswechslung von Gomez (58 Länderspiele/25 Tore) mit dem spanischen System, als er die Mittelfeldspieler Reus, Özil, Toni Kroos und Schürrle abwechselnd stürmen ließ. Beim 0:0 im November 2012 in den Niederlanden probierte er es mit Götze ganz vorne.

Borussia Dortmunds Jungstar (20) ist überzeugt, dass man "mit einer spielenden 'Neun' sehr flexibel sein kann. Man hat offensiv viele Möglichkeiten". Er selbst habe das bisher nicht so häufig gespielt, "an diese Position muss man sich gewöhnen, die Unterschiede sind aber nur Nuancen".

Götze statt Gomez in vorderster Front?



Flick, der sich mit den Begrifflichkeiten wie "falsche Neun" nach eigener Aussage "ein bisschen schwer tut", sieht in Götze "eine Möglichkeit, ihn da vorne spielen zu lassen. Er ist torgefährlich, behauptet sich auf engstem Raum mit dem Ball, hat eine enge Ballannahme, ist ballsicher und hat ein gutes Kombinationsspiel".

Alles Eigenschaften, die auf Kunstrasen gefragt sind. Zur Eingewöhnung trainierte die DFB-Auswahl, die sich am Montagabend in Frankfurt traf, am Dienstagabend erstmals am Riederwald auf dem ungewohnten Untergrund, der annähernd den Gegebenheiten in Astana entsprechen soll.

Auf dem Programm für Philipp Lahm und Co. standen einfache Pass- und Spielformen, "um den Spielern den Platz nahezubringen", so Flick: "Wir müssen präziser spielen. Der Kunstrasen kommt aber einer technisch sehr guten Mannschaft entgegen." Auch Löw sieht "für unsere technisch beschlagene Mannschaft vielleicht sogar einen Vorteil".

Löw verzichtet auf Nachnominierungen



Trotz der Absagen von Lars und Sven Bender sowie von Kroos verzichtete der Bundestrainer am Dienstag auf Nachnominierungen. Leicht angeschlagen waren noch Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger.

Podolski plagen immer noch Probleme am Knöchel. Laut Flick ("Wir müssen auf ihn achten") werde der Legionär vom FC Arsenal genauso wie der Münchner Schweinsteiger intensiv behandelt. Einem Einsatz der beiden am Freitag stehe aber nichts im Weg.

Die Nationalelf fliegt am Donnerstag nach Astana. Da das Spiel wegen der Übertragungszeit im deutschen TV erst um 0 Uhr Ortszeit angepfiffen wird, bleibt der DFB-Tross in Kasachstan trotz der fünfstündigen Zeitverschiebung im "europäischen Modus" und fliegt direkt nach Ende des Spiels nach Nürnberg, wo die Mannschaft gegen 5 Uhr am Samstagmorgen landen wird.