Tourrettes/Frankreich - In der Nacht zum Sonntag lagen die Bayern-Nationalspieler noch weinend auf dem Rasen in München, ab Freitag sollen die paralysierten Bastian Schweinsteiger und Co. in Tourrettes die Mission EM-Titel anführen: Die Niederlage von Bayern München im Finale der Champions League gegen den FC Chelsea hat einen dunklen Schatten auf die EM-Vorbereitung geworfen und die Arbeit von Bundestrainer Joachim Löw um ein Vielfaches schwerer gemacht. Im französischen Trainingslager ist Löw nun als Psychologe gefordert, um die Münchner Profis bis zum ersten EM-Spiel am 9. Juni wieder aufzurichten.

Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff hat schon am Sonntag mit der psychologischen Arbeit begonnen. "Wir haben keinen Zaubertrank, der alle sofort wieder aufbaut. Das ist ein Prozess, wir müssen den Spielern ein paar Tage gönnen", sagte Bierhoff mit Blick auf die Niederlage der Münchner im Elfmeterschießen: "Wir werden die Jungs wieder aufbauen. Die Luftveränderung wird ihnen gut tun. Mit uns können sie ja noch einen Titel gewinnen."

Deutsche Elf zitterte mit



Die 17 in Frankreich versammelten Nationalspieler hatten sich die Partie gemeinsam mit der kompletten Delegation und dem Trainerstab im Mannschaftsraum des Teamhotels angeschaut. Nach dem Abpfiff herrschte gedämpfte Stimmung, der Raum leerte sich zügig. "Es war eine große Stille und Betroffenheit da", berichtete Bierhoff, der erst am Montag Kontakt mit den Münchnern aufnehmen will.

Wie Bierhoff stärkte auch Löw den Bayern-Spielern, die am Dienstag mit ihrem Klub noch die umstrittene Partie gegen die Niederlande absolvieren müssen (Bierhoff: "Den Sinn dieses Spiels habe ich nie gesehen"), verbal den Rücken. "Die Bayern-Spieler brauchen ein paar Tage, dann werden sie ein neues Ziel vor Augen haben. Sie werden ihre Rolle einnehmen, sie können den Schalter umlegen - das haben sie schon oft bewiesen", sagte Löw dem ZDF.

Kein Kopf für die EM



Trösten konnte Löw die Münchner Nationalspieler Schweinsteiger, Philipp Lahm, Manuel Neuer, Jerome Boateng, Holger Badstuber, Toni Kroos, Thomas Müller und Mario Gomez damit aber kaum. Vor allem der nach seinem verschossenen Elfmeter am Boden zerstörte Schweinsteiger und der konsternierte Kapitän Lahm waren gedanklich noch meilenweit von der Nationalmannschaft entfernt. "Daran denke ich noch keine Sekunde, dafür habe ich keinen Kopf", sagte Lahm.

Auch die Bayern-Verantwortlichen glauben nicht, dass die Profis das Erlebte schnell aus den Kleidern schütteln können. "So eine Niederlage kann man nicht an einem Abend abstreifen, das wird die Spieler lange verfolgen", äußerte Sportdirektor Christian Nerlinger. Trainer Jupp Heynckes sorgte sich vor allem um Schweinsteiger: "Wenn so ein renommierter Nationalspieler verschießt, muss er es erstmal verkraften. Das wird dauern."

Özil sieht keine Probleme



Mesut Özil, der am Sonntagabend genau wie sein Real-Teamkollege Sami Khedira in Tourrettes ankam, glaubt nicht an eine nachhaltige Schwächung wegen der Bayern-Pleite. Der Spielmacher sagte, Schweinsteiger und Co. müssten nach vorne schauen und nun Europameister werden: "Ich bin überzeugt, dass wir das schaffen können."

Wie genau die Bayern-Spieler in den Kader integriert werden, ist noch offen. Wie Bierhoff will auch Löw am Montag den Kontakt nach München aufnehmen und dann entscheiden, ob die Bayern-Profis sogar noch später als ohnehin schon geplant zur Nationalmannschaft stoßen. "Wenn ich das Gefühl habe, dass der ein oder andere Spieler eine längere Pause braucht, dann wird er sie bekommen. Es macht keinen Sinn, die Spieler möglichst schnell integrieren zu wollen", sagte der Trainer auf der DFB-Homepage.

Wohl ohne Bayern-Stars gegen Schweiz



Die Bayern-Spieler sollten am Freitag ins Trainingslager nach Südfrankreich reisen. Schon jetzt steht fest, dass kaum ein Münchner Spieler am Länderspiel am Samstag in der Schweiz (18.00 Uhr/ZDF) teilnehmen wird. "Ich glaube nicht, dass es viele sein werden", sagte Bierhoff.

Obwohl Erinnerungen an das Jahr 2002 wach wurden, glaubt Bierhoff nicht an allzu große Auswirkungen der Bayern-Niederlage auf die EM-Endrunde. "Ich bin überzeugt, dass die Köpfe frei sein werden, wenn wie EM beginnt", sagte der Europameister von 1996. Vor zehn Jahren hatte auch Bayer Leverkusen das "Vize-Triple" geholt. Fünf Leverkusener Spieler wurden anschließend bei der WM auch Vize-Weltmeister.

Auch wenn die Bayern-Niederlage das beherrschende Thema war, ging gleichzeitig der Kampf um EM-Tickets innerhalb des Teams richtig los. Löw, der am Sonntagabend Mesut Özil und Sami Khedira von Real Madrid im Trainingslager begrüßen konnte, vergeudete mit Blick auf die Nominierung seines endgültigen Kaders am 29. Mai zu Beginn der zweiten Vorbereitungs-Phase keine Zeit. An den ersten drei Tagen in Tourrettes standen gleich vier Einheiten auf dem Programm.