Danzig/Hamburg - In der zweiten Halbzeit der Partie gegen Polen wurde Bundestrainer Joachim Löw dann schon mal lauter. Da gestikulierte er am Spielfeldrand oder winkte einzelne Spieler, wie zum Beispiel Dortmunds Mario Götze, zu sich, um ihnen Anweisungen zu geben.

Nach dem Schlusspfiff war Löw von der Anspannung während des Spiels kaum noch etwas anzumerken. Auch das glückliche 2:2 durch ein Tor in letzter Sekunde von Stuttgarts Cacau schien ihn nicht mehr sonderlich zu interessieren.

Klose und Podolski verpassen die Führung

"Ich bin dankbar, dass wir solche Spiele machen können. Und dankbar, dass uns noch das Tor zum Ausgleich gelungen ist. Aber vor allem bin ich auch dankbar, dass wir nicht jedes Spiel gewinnen", meinte er etwas kryptisch. Dabei hätte Deutschland das Spiel beim Co-Gastgeber der EURO 2012 schon in den ersten Minuten für sich entscheiden können. Vor allem die beiden gebürtigen Polen Lukas Podolski und Miroslav Klose hatten Chancen gleich für mehrere Spiele.

"Man hat gesehen, dass nach der geglückten EM-Qualifikation ein bisschen Konzentration fehlte. Besonders bei meinen Chancen wurde das deutlich", haderte Klose. "Wir hatten schon in der ersten Halbzeit einige gute Möglichkeiten. Wenn wir die Tore machen, sieht es hier anders aus", meinte Podolski. Doch mit zunehmender Spieldauer verpuffte in der Danziger PGE-Arena die Überlegenheit der vergangenen Gala-Auftritte gegen Brasilien und Österreich. Die Polen kauften dem DFB-Team den Schneid ab und ließen die Defensive der Gäste immer wieder alt aussehen.

Abstimmung fehlte

Aber das hatte Gründe. Denn Löw nutzte den Auftritt beim Nachbarn dazu, ein anderes Spielsystem zu testen. Er ließ in einem 4-1-4-1 agieren und brachte im Vergleich zum 6:2 gegen Österreich gleich sieben neue Spieler. Simon Rolfes agierte als einziger defensiver Mittelfeldspieler und in der Verteidigung blieb lediglich Philipp Lahm erneut in der Startelf - Torhüter Tim Wiese, Christian Träsch, Jerome Boateng und Per Mertesacker komplettierten die Abwehr.

"Dass manche Dinge nicht so funktionieren, liegt auch in meiner Verantwortung - wenn man so viele Wechsel vornimmt", erklärte Löw, ergänzte aber: "In einem Testspiel muss auch nicht alles funktionieren, aber es bringt viele Erkenntnisse für die Trainer." So fehlte es zum Beispiel sichtbar an der Abstimmung zwischen den Innenverteidigern mit dem "Sechser" Rolfes. Die offensive Viererkette mit Podolski, Mario Götze, Toni Kroos und Andre Schürrle ließ die polnischen Mittelfeldspieler zu oft zu leicht gewähren.

Müller ist "Spieler des Spiels"

Der Doppelaussetzer von Boateng und Wiese bei der Elfmetersituation in der ersten Minute der Nachspielzeit kann passieren, die nötige Sicherheit für ein Großturnier gewinnt man so aber nicht. Und dem Dortmunder Götze sind die Schuhe des Mesut Özil noch etwas zu groß, um das Spiel nachhaltig zu lenken. Am Ende war es WM-Torschützenkönig Thomas Müller zu verdanken, dass die Polen nicht zum ersten Sieg gegen Deutschland im 17. Aufeinandertreffen kamen. Denn Müller holte nach seiner Einwechslung erst fulminant den Strafstoß zum 1:1 heraus und bereitete den Treffer von Cacau mit aller Ruhe und Übersicht mustergültig vor.

"Wir haben ziemlich offensiv agiert, defensiv haben wir ab und zu nicht so gut gestanden. Mit dem 2:2 können wir insgesamt leben, ein 1:2 hätte mir nicht so gut gefallen. Wichtig ist aber, was der Trainer sieht und dass wir die Philosophie umsetzen. Das Ergebnis ist zweitrangig", sagte der "Spieler des Spiels". Das Experiment war also auch ohne Sieg erfolgreich. Das sah auch Löw so. "Dass wir nach zweimaligem Rückstand wieder zurückgekommen sind, zeigt mir, dass wir noch andere Möglichkeiten haben."

Michael Reis