Braunschweig - Seit drei Partien ist Eintracht Braunschweig ungeschlagen. Eine solche Serie hat der Aufsteiger in dieser Saison noch nie hingelegt. Erst am vergangenen Wochenende hatte Braunschweig den Europa-Leauge-Anwärter Wolfsburg am Rande einer Niederlage.

Man merkt, dass die Eintracht in der Bundesliga angekommen sein. Obwohl die Löwen gute Leistungen bringen, stehen sie immer noch auf dem letzten Tabellenplatz. Im Interview mit bundesliga.de spricht Trainer Torsten Lieberknecht über den Kräfte zehrenden Aufwand, den er und sein Team betreiben, über das Schalke-Spiel (Samstag, ab 15 Uhr im Live-Ticker) und darüber, wie und wobei er versucht hin und wieder abzuschalten.

bundesliga.de: Herr Lieberknecht, die Eintracht ist nicht ganz unerwartet Tabellenletzter, dieser Tabellenrang ist aber nur die halbe Wahrheit...

Torsten Lieberknecht: Es ist ohne Frage eine Entwicklung bei uns und damit jetzt auch eine Nähe zu den anderen Mannschaften zu sehen, die ebenfalls im Abstiegskampf stecken. Aktuell sind wir immerhin seit drei Spielen ungeschlagen. Es passt also einerseits, was Sie sagen. Andererseits sind wir weit davon entfernt, die Lage rosarot zu sehen. Denn Fakt ist nun mal, dass wir Tabellenletzter sind. Aber wir haben den sportlichen Ehrgeiz, die Abstiegszone noch zu verlassen (Tabelle).

bundesliga.de: Gerade im ersten Saisondrittel musste Ihr Team seiner Unerfahrenheit Tribut zollen; gab es Momente, in denen Sie befürchtet haben, aus dem Abenteuer Bundesliga könnte ein Trauma für die Eintracht werden?

Lieberknecht: Nein, solche Befürchtungen hatte ich nicht. Aber ich wusste selbstverständlich um die Wichtigkeit eines Erfolgserlebnisses, um so spüren zu können, dass das, was man unter der Woche vorbereitet hat, am Wochenende auch greift. Auf diese Erfolgserlebnisse haben wir zunächst lange warten müssen, bis zum achten Spieltag und dem Sieg in Wolfsburg oder dem ersten Punkt zuhause, beim Unentschieden gegen Nürnberg. So hat die Mannschaft nach und nach das Gefühl dafür bekommen, dass unser Weg trotz der schwierigen Anfangsphase passt.

bundesliga.de: Waren die Siege in Wolfsburg in der Hin- und gegen den HSV in der Rückrunde so etwas wie Reifeprüfungen für Ihr Team?

Lieberknecht: Das kann man sicher so sehen, wobei es auch noch einige andere Spiele gab, die ich nennen möchte. Ganz wichtig war für uns auch das letzte Heimspiel vor der Winterpause, der Sieg gegen Hoffenheim. Denn wir wollten unbedingt mit einem guten Gefühl in die Pause und damit in die Vorbereitung auf die Rückrunde gehen. Besonders wichtig an diesem Sieg war, dass er uns gelungen ist, obwohl eine ganz Reihe vermeintlicher Stammspieler ausgefallen ist. Das hat den Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft noch einmal enger und dichter gemacht.

bundesliga.de: Wie belastend ist es aber, wenn man in jedem Spiel an die Grenze gehen muss, als Spieler, aber eben auch als Trainer?

Lieberknecht: Wenn man sich ordentlich ernährt und die Regeneration Ernst nimmt, dann kann man damit durchaus vernünftig umgehen. Außerdem muss man die Dinge sehr sachlich betrachten und verstehen, dass wir für den Erfolg immer an unsere Belastungsgrenze gehen müssen. Trotzdem ist es richtig, dass jeder Bundesligaspieltag sehr viel Kraft kostet, auch den Trainer. Und man lässt buchstäblich Haare, wie meine Frau bei mir bemerkt hat (lacht).

bundesliga.de: Wie Regeneration bei Spielern aussieht weiß man, wie aber versuchen Sie zu entspannen?

Lieberknecht: Ich versuche irgendwie abzuschalten, wobei das natürlich nicht so leicht ist, weil nach dem Spiel immer auch vor dem Spiel ist. Trotzdem gibt es Möglichkeiten. Wie Anfang dieser Woche. Da hat es in einer Blues-Bar hier in Braunschweig ein kleines, aber feines Konzert gegeben. Und das sind die Momente, in denen ich wirklich abschalten und damit auch regenerieren kann.

bundesliga.de: Mittlerweile müssen weit höher eingeschätzte Teams wie Dortmund, Gladbach oder Wolfsburg erkennen, wie schwer es ist in Braunschweig zu gewinnen oder wenigstens nicht zu verlieren. Trotzdem hat man immer noch den Eindruck, dass sich Ihre Mannschaft zu selten für den geleisteten Aufwand belohnt; ist das eine Qualitäts- oder eine Mentalitätsfrage?

Lieberknecht: Weder noch! Wir bringen eine großartige Mentalität mit in jedes Spiel, und das ist gleichzeitig auch eine große Qualität dieser Mannschaft. So zu arbeiten, wie das die Jungs in diesem Jahr machen und sich auch nach Rückschlägen und bitteren Niederlagen wie in Nürnberg immer wieder aufzuraffen, das zeigt extreme Leidenschaft und großes Herzblut. Die Zuschauer kämen nie auf die Idee, eine Mentalitäts- oder Qualitätsdiskussion zu beginnen. Denn sie wissen sehr genau um unsere Möglichkeiten und die anderer Vereine. Umso mehr honorieren Sie, dass diese Mannschaft jede Woche alles dafür tut, über sich hinauszuwachsen.

bundesliga.de: Stichwort "Rückschlag": Wie schwer ist es, das Team wieder aufzurichten, wenn man trotz großer Leistung feststellen muss, dass der Abstand zum rettenden Ufer wieder größer geworden ist?

Lieberknecht: Es wäre fatal, mit dem Gedanken daran immer wieder in einen Spieltag zu gehen. Denn nicht nur selbst alles abrufen zu müssen, sondern immer auch noch darauf zu hoffen, dass die anderen für uns spielen, das würde allzu viel Kraft kosten. Davon möchte ich meine Mannschaft befreien. Der Fokus liegt immer nur auf dem nächsten Spiel und damit auf dem Versuch, sich für die Arbeit zu belohnen. Was den Punkteabstand betrifft: Der war schon mal größer als jetzt, und es waren schon weniger Mannschaften, die mit uns gegen den Abstieg spielen. Aktuell hat sich der Rückstand nur um einen einzigen Punkt vergrößert, dafür aber sind es gefühlt zwei Teams mehr, die nun mit uns im Abstiegskampf stecken.

bundesliga.de: Wenn Sie von diesem einen Punkt sprechen, bedeutet das dann, dass Ihr Ziel in erster Linie die Relegation bleibt?

Lieberknecht: Das wäre für uns ein Riesenerfolg! Es mag für den einen oder anderen seltsam wirken, dass wir "nur" die Relegation als oberstes Ziel ausgeben. Aber ich halte das für eine realistische und auch gesunde Betrachtungsweise. Für andere Teams mag das Abrutschen auf den Relegationsplatz ein Zeichen dafür sein, dass die Saison katastrophal verläuft. Für uns aber ist das der Rettungsanker, den wir werfen wollen.

bundesliga.de: Jetzt müssen Sie zu Schalke 04 (Vorschau-Fakten); hoffen Sie darauf, dass den Königsblauen der Spagat zwischen Real Madrid am Dienstag und Braunschweig am Samstag nicht gelingen könnte?

Lieberknecht: Das spielt für uns überhaupt keine Rolle! Die Partie auf Schalke am Samstag ist unser Real-Madrid-Spiel und die Veltins Arena wird für uns zum San Bernabeu!

Das Gespräch führte Andreas Kötter