Leverkusen - Sven Bender gilt – wie sein Zwillingsbruder Lars auch – als Musterprofi, der buchstäblich dorthin geht, wo es weh tut. Kein Wunder, dass der ehemalige Dortmunder und jetzige Leverkusener die meisten Verletzungen überhaupt aufweist. Ebenso wenig überrascht bei einem wie ihm aber, dass er nach jedem noch so herben Rückschlag zu alter Stärke zurückgefunden hat. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der 28-jährige über die Dringlichkeit seines Wechsels zu Bayer 04 Leverkusen, über sein enges Verhältnis zu seinem Bruder, über Körpersprache und Demut im Fußball, und über Lucas Alario und Robert Lewandowski.

bundesliga.de: Herr Bender, Sie sind etwa drei Monate bei Bayer 04. Wie erleben Sie nach der schwierigen vergangenen Saison die Stimmung in der Mannschaft?

Sven Bender: Ich habe anfangs schon gespürt, dass die vergangene Saison an der Mannschaft genagt hat. Die Jungs waren zwar von Beginn an gut drauf, aber man hat gemerkt, dass sich der eine oder andere in bestimmten Situationen einen Kopf macht. Der Glaube an die eigene Stärke schien ein wenig verloren gegangen zu sein. Vielleicht fällt einem das auch nur auf, wenn man von außen dazu kommt, wie das bei mir der Fall war. In den vergangenen Wochen ist es aber Schritt für Schritt besser geworden. Ich habe jetzt das Gefühl, dass die Jungs wieder an sich glauben und um die große Qualität wissen, die jeder einzelne bei uns hat.

bundesliga.de: Was hat Ihnen Ihr Bruder Lars über Bayer 04 erzählt, als ein möglicher Wechsel im Raum stand?

Bender: Lars hat mir gesagt, dass Bayer 04 ein hoch professionell geführter Club ist. Ein Verein mit all den Strukturen, die ein Profi benötigt, um auf dem Platz Topleistungen bringen zu können. Und so, wie Lars es mir beschrieben hat, habe ich alles vorgefunden. Wir haben hier in jeder Hinsicht beste Bedingungen.

„Lars ist für mich ein Seelenverwandter“

bundesliga.de: Sie haben kürzlich erzählt, dass die Aussicht auf eine Familienzusammenführung nicht der Grund für Ihren Wechsel war. Trotzdem die Frage: Was gibt es Ihnen, nach acht Jahren wieder mit Ihrem Bruder im selben Team zu stehen?

Bender: Es macht unglaublich Spaß, mit Lars zusammen zuspielen. Wir haben selbstverständlich auch in den vergangenen acht Jahren oft über Fußball gesprochen und uns ausgetauscht. Dabei haben wir immer wieder festgestellt, dass wir über all die Jahre hinweg noch immer nahezu dieselbe Auffassung vom Fußball haben – und das betrifft nicht nur das Geschehen auf dem Platz, sondern auch die vielen Abläufe abseits des Rasens. Und selbst, wenn wir einmal nicht einer Meinung sind, ist es beeindruckend zu sehen, wie intensiv Lars sich mit den Dingen beschäftigt. Er ist für mich ein Seelenverwandter. Und trotz unseres mittlerweile höheren Fußballer-Alters lodert das Feuer bei uns noch immer.

Video: Bayers Remis gegen Schalke

bundesliga.de: Beharrlichkeit und Vereinstreue verbindet Sie beide. Lars kommt auf zwei Vereine in elf Profi-Jahren, Sie auf drei. Wo aber gibt es Unterschiede?

Bender: Das ist schwierig zu sagen! Natürlich sind wir beide nicht in jedem Punkt immer völlig einer Meinung. Dann versuchen wir klar und sauber darüber zu diskutieren, um dennoch zu einer Lösung zu kommen, die uns vorwärtsbringt. Wo deutliche Unterschiede liegen, das vermag ich nicht zu sagen. Wir setzen beide immer alles daran, uns für Verein und Mannschaft voll einzubringen.

© imago / Uwe Kraft

bundesliga.de: Der Grund für Ihren Wechsel war nach eigener Aussage vor allem der Wunsch, wieder mehr Spielzeit zu bekommen...

Bender: Beim BVB ist im Sommer zwar ein neuer Trainer gekommen, so dass die Karten neu gemischt worden sind. Aber ich hatte dennoch das unbedingte Gefühl, dass ich mich verändern muss. Mir ist natürlich bewusst, dass ich in der Vergangenheit die eine oder andere Verletzung hatte. Selbst wenn ich aber fit war, habe ich während der beiden vergangenen Jahre nicht zwangsläufig gespielt. Ich war mir einfach nicht mehr sicher, ob ich in Dortmund noch einmal Stammspieler werden würde. Wissen Sie, ich denke oft daran, wie es war, als ich noch ein Kind war. Damals ging es einzig und allein darum, so oft wie möglich auf dem Platz zu stehen.

bundesliga.de: Eine Startelf-Garantie dürfte man Ihnen aber auch bei Bayer 04 kaum gegeben haben...

Bender: Das ist richtig. In unserem Beruf gibt es keine Einsatzgarantie. Aber ich habe mir gesagt: Ich komme als neuer Spieler und bin bei Bayer 04 nicht mehr der Spieler, der schon lange beim Verein ist. Nicht mehr der, mit dem alles passt und der sich nie beschwert und alles akzeptiert, wie das in Dortmund der Fall war. Mir war klar, dass ich bei Bayer 04 meine Leistung von Anfang an abrufen muss. Es liegt hier einzig und allein an mir und an keinem anderen, ob ich spiele oder nicht. Als bereits erfahrener Spieler wird von mir erwartet, dass ich eine wichtige Rolle spiele. Aber dieser Rolle muss man erst einmal gerecht werden. Das ist die Herausforderung, und ich möchte mir einfach noch einmal beweisen, dass ich das kann. So wie ich mir in Dortmund nach Verletzungen oft genug bewiesen habe, dass ich hart gegen mich selbst bin und auf das alte Niveau zurückkommen kann. Kurz gesagt: Ich will es einfach noch einmal wissen.

„Gerade im Fußball können positives Denken und eine positive Körpersprache Berge versetzen“

bundesliga.de: In den ersten zwei, drei Spielen hatten Sie wie die ganze Mannschaft einige Startschwierigkeiten, spätestens seit der Partie gegen Freiburg läuft es aber sehr ordentlich....

Bender: Ich habe bis auf die zweite Halbzeit beim FC Bayern am ersten Spieltag jede Minute auf dem Platz gestanden. Das ist okay. Aber ich bin selbstkritisch und weiß, dass das nur der Anfang sein kann.

bundesliga.de: Nach dem Spiel auf Schalke wurde von Experten wie Matthias Sammer über die Körpersprache einiger Bayer 04-Spieler diskutiert. Eine überflüssige Diskussion, so lange das Ergebnis stimmt?

Bender: Ich glaube schon, dass die Körpersprache Aussagekraft hat. Wenn man etwa dadurch, dass man den Kopf hängen lässt, signalisiert, dass der Glaube an ein erfolgreiches Spiel nicht mehr da ist, hat man bereits verloren. Mit der Körpersprache kannst du deinem Nebenmann, aber gerade auch dem Gegner und nicht zuletzt den Fans zeigen, dass du noch immer an den Erfolg glaubst. Wenn der Gegner spürt "die haben zwar gerade einen Treffer kassiert, aber das scheint die gar nicht zu beeindrucken, die ziehen ihr Ding trotzdem gnadenlos durch“, kann das Wirkung zeigen. Gerade im Fußball können positives Denken und eine positive Körpersprache Berge versetzen.

© imago / Revierfoto

bundesliga.de: Ist Körpersprache aber nicht auch eine Frage des Naturells?

Bender: Völlig richtig. Das ist ein Stück weit auch vom Typ abhängig. Dem einen gelingt es leichter, nach einem Gegentreffer eine positive Reaktion zu zeigen, dem anderen fällt das eher schwer. Trotzdem darf sich niemand völlig runterziehen lassen. Jeder, ob er nun eher extrovertiert ist oder nicht, sollte so viel Selbstvertrauen haben, dass er immer noch daran glaubt, etwas bewegen zu können.

bundesliga.de: Wie kann ein erfahrener Spieler, der wie Sie oder Ihr Bruder ohnehin immer vorangeht, einem unerfahrenen, jungen Spieler in einer solchen Situation helfen? Reicht da schon der ominöse Klaps auf die Schulter?

Bender: Es sind tatsächlich Kleinigkeiten wie ein Klaps, wie ein paar aufmunternde Worte oder auch nur ein kurzer Blickkontakt, die den anderen mitnehmen und ihm signalisieren "Komm’, es geht weiter, gemeinsam schaffen wir das noch!“ Man darf in einer solchen Situation keinen außen vorlassen und muss immer dafür sorgen, dass alle an den Erfolg glauben.

© DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Alexander Scheuber

bundesliga.de: Stichwort "junge Spieler“: Ihr Bruder hat in einem Interview gesagt, dem einen oder anderen gehe es zu gut im Profi-Fußball. Sehen Sie das ähnlich?

Bender: Ja. Vieles ist sehr bequem geworden für uns Profis. Manchmal sollte man vielleicht mehr ‚back to the roots’ gehen und sich auf die Grundtugenden im Fußball besinnen. Alles, was heute gerade außen herum zum Fußball gehört, ist sehr angenehm. Natürlich gehören diese Annehmlichkeiten heute längst dazu. Auf dem Platz aber helfen sie dir überhaupt nicht. Ich vermisse bisweilen ein wenig Demut davor bzw. Dankbarkeit dafür, was in einem Top-Klub wie Bayer 04 für uns Spieler tagtäglich von so vielen Menschen geleistet wird. Das sollte man sich von Zeit zu Zeit immer wieder einmal klarmachen. Ich selbst bin sehr dankbar dafür, was ich im Laufe meiner bisherigen Profi-Karriere alles erleben durfte. Und ich weiß, dass nichts im Leben selbstverständlich ist.

bundesliga.de: Rührt dieses Selbstverständnis auch daher, dass Sie der am häufigsten verletzte Spieler der Bundesliga sind, auch wenn Ihr Bruder in diesem Ranking nicht weit von Ihnen entfernt ist?

Bender: Ich denke, dass man einen genaueren Blick auf diese Statistik werfen muss, denn sie täuscht ein Stück weit. Es ist richtig, dass ich in Dortmund sehr viele Verletzungen hatte. Aber es gab darunter auch eine ganze Reihe, mit denen ich gar nicht ausgefallen bin. Nach meinen Nasenbeinbrüchen habe ich zum Beispiel kein einziges Spiel verpasst. Wenn ich auf der Bank gesessen habe, war die allgemeine Wahrnehmung häufig „dann muss er verletzt sein“. Aber das war nicht immer der Fall. Trotzdem lässt sich natürlich nicht wegdiskutieren, dass ich und auch Lars viele Verletzungen hatten.

bundesliga.de: Dennoch sagen Sie beide: „Wir tun einfach alles, um jedes Drecksspiel zu gewinnen. Da denkst du nicht über deine Spielweise nach". Das hat etwas von Sisyphos...

Bender: Richtig. Aber das ist nun mal so. Klar hätte ich es auch gerne anders. Irgendwie gehört das aber wohl zu unserer Karriere, und wir mussten auf unserem bisherigen Weg viele Hürden überspringen und schwierige Phasen durchstehen – wobei ich fest davon überzeugt bin, dass uns gerade diese Phasen viel stärker gemacht haben.

© gettyimages / Maja Hitij

bundesliga.de: Sie sind 28. Wo stehen Sie auf heute diesem Weg?

Bender: Ich denke, dass der Weg noch lange nicht zu Ende ist. Heute kann ich diese schwierigen Situationen besser einschätzen und verstehe es, sie gar nicht mehr so sehr an mich herankommen zu lassen. Lars und ich, wir sind positive Menschen, und positives Denken kann Vieles zum Guten verändern.

„Ich denke schon, dass Lucas ein ähnlicher Stürmertyp ist wie Robert“

bundesliga.de: Lassen Sie uns gegen Ende noch über Bayer 04s neuen argentinischen Stürmer Lucas Alario sprechen, der von sich sagt, er habe sich viel bei Robert Lewandowski abgeschaut. Als ehemaliger Team-Kollege von Lewandowski müssten Sie das beurteilen können...

Bender: Das ist super, dass Sie das sagen. Ich hatte bereits in den ersten Trainingseinheiten den Eindruck, dass Lucas mich an die Zeit erinnert, als Robert Lewandowski damals zum BVB kam. Ich denke schon, dass Lucas ein ähnlicher Stürmertyp ist wie Robert. Natürlich steht er noch am Anfang, aber er bringt alles mit, was einen Top-Stürmer auszeichnet.

Video: Lucas Alarios Traumdebüt

bundesliga.de: Der nächste Gegner heißt nun Wolfsburg. Der VfL befindet sich in einer ähnlichen Gefühlslage wie Bayer 04, worauf kommt es in einem solchen Spiel besonders an?

Bender: Wir spielen zuhause, und dieses Spiel ist für uns richtungsweisend. Mit einem Sieg können wir uns vielleicht wieder im vorderen Bereich der Tabelle etablieren. Das ist unser Anspruch und unser großes Ziel. Allerdings wissen wir, dass Wolfsburg ein unangenehmer Gegner ist. Ich erwarte ein hochintensives Spiel – hoffentlich mit dem besseren Ende für uns.

Das Gespräch führte Andreas Kötter