München - Mit "Vizekusen" kennt sich kaum jemand so gut aus wie Carsten Ramelow. Ganze Vier Mal wurde er mit Bayer Leverkusen Tabellenzweiter, dazu war er DFB-Pokal- und auch Champions-League-Finalist. Zu einem Titel hat es nie gereicht, doch auf den spektakulären Fußball, den das Team seinerzeit gespielt hat, kann der heute 38-Jährige stolz zurückblicken.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Ramelow über die aktuelle Form der "Werkself", die Nationalmannschafts-Ambitionen von Kießling und Castro - und was ein weiterer 2. Vizetitel für Leverkusen bedeuten würde.

bundesliga.de: Herr Ramelow, der Leverkusener Lars Bender hat am vergangenen Wochenende gesagt, dass die Leverkusener die "Schleicher" der Bundesliga sind. Niemand hatte Bayer so richtig auf dem Schirm, auf einmal steht das Team auf Platz 2. Hat er Recht?

Ramelow: Absolut. Auch ich muss sagen, dass ich positiv überrascht bin von dem, was die Mannschaft in den letzten Wochen gezeigt hat. Sie ist nicht ganz so gut in die Saison gestartet und hatte ein paar Probleme. Aber sie hat sich dann gefangen. Auch um das Trainerteam gab es einige Diskussionen. Da ist jetzt Ruhe eingekehrt. Durch die konstanten Leistungen der letzten Wochen und dadurch, dass andere Mannschaften ein bisschen geschwächelt haben, hat Leverkusen sich relativ lautlos vorne eingefunden.

bundesliga.de: Liegt der "Werkself" diese Verfolgerrolle mehr, als vorne wegzumarschieren?

Ramelow: Es war bekannt, dass Bayer Qualität hat. Sie spielen einen schönen Fußball und sind taktisch sehr gut eingestellt. Doch die Saison ist zwar noch lange, aber dass Leverkusen letztendlich unter den ersten Clubs einlaufen wird, war wohl klar. Ich habe auch schon vor der Saison gesagt, dass die "Werkself" auf jeden Fall ein Europa-League-Kandidat ist. Ob es für die Champions League reicht, muss man abwarten. Jetzt hat sich die Mannschaft erstmal ein gutes Polster erarbeitet.

bundesliga.de: In den direkten Duellen gegen die Bayern oder Schalke hat die Mannschaft auch gezeigt, dass viel Substanz in ihr steckt.

Ramelow: Genau. Aber auch die internationalen Aufgaben hat Bayer gut verkraftet. Entscheidend ist auch, dass Stefan Kießling regelmäßig trifft und in dieser Saison bärenstark spielt. Wenn er nicht vorne im Sturmzentrum stehen würde, sähe es für Leverkusen nicht ganz so gut aus. Auch Gonzalo Castro und Andre Schürrle präsentieren sich in überragender Form. Leverkusen hat jetzt sein Dreieck gefunden, das sehr gut harmoniert und für den Erfolg ausschlaggebend ist.

bundesliga.de: Wären auch Castro und Kießling neben Schürrle Kandidaten für die Nationalmannschaft?

Ramelow: Durchaus. Das Problem für sie ist, dass wir im Moment richtig viele gute junge Spieler haben. Es ist nicht einfach für sie. Mit Gonzalo habe ich selbst noch zusammengespielt. Ich weiß, welche Qualitäten er hat. Vielleicht hat er jetzt den nächsten Schritt gemacht. Dieses Niveau muss er jetzt halten. Ebenso wie Kießling. Schürrle ist zumindest immer dabei. Man hat in Leverkusen immer gehofft, dass er mal durchstartet. Er hat sich am Anfang auch ein bisschen schwer getan.

bundesliga.de: Für viele Experten kommt es auch überraschend, dass das Trainerduo Sami Hyypiä und Sascha Lewandowski so erfolgreich arbeitet. Überrascht es Sie auch, dass die beiden einen derart guten Job machen?

Ramelow: Es gab viel Skepsis, ehrlich gesagt auch bei mir. Ob die Ruhe in diese Diskussion jetzt wirklich so eingekehrt ist, weiß ich nicht. Durch die Siege werden die Diskussionen weniger. Vielleicht haben sie sich auch zusammengerauft. Man sieht in den letzten Wochen, dass Leverkusen taktisch gut eingestellt ist. Auch international und im Pokal sind sie gut dabei. Ob sie das Niveau aber halten können, wird sich zeigen. Jede Mannschaft, gerade solche mit jüngeren Spielern, hat Phasen, in denen nicht so viel zusammenläuft - wie bei Schalke im Moment. Die wird Leverkusen auch noch bekommen.

bundesliga.de: Trauen Sie der Mannschaft auch noch zu, den Bayern noch einmal gefährlich zu werden?

Ramelow: Sollte Leverkusen Zweiter werden, wäre das schon ein großer Erfolg und würde zu "Vizekusen" passen. Das wäre Gold wert. Aber Dortmund, Schalke und der eine oder andere Verein werden sich auch noch oben einfinden. Generell ist die Tabelle sehr eng. Aber die aktuelle Situation kann Bayer Leverkusen auf alle Fälle erst einmal genießen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski