Leverkusen - Stefan Kießling hat sich eindrucksvoll zurückgemeldet. Der dienstälteste Profi von Bayer 04 Leverkusen war beim fantastischen 5:0-Heimsieg der Werkself gegen Borussia Mönchengladbach der gefeierte Held. Mit zwei Toren und zwei Vorlagen verdiente sich der 31-Jährige ein Sonderlob des Trainers, der seinem Goalgetter "absolute Topform" bescheinigte.

Roger Schmidt bewies an diesem besonderen Samstagabend ein feines Gespür für die Situation. Erstmals seit acht Wochen ließ der Trainer von Bayer 04 Leverkusen seinen Mittelstürmer die kompletten 90 Minuten durchspielen. Schmidt wusste, dass Kießling dieses Spiel in vollen Zügen und bis zum Abpfiff auf dem Platz genießen sollte. Dieses Gefühl war dem Publikumsliebling in den letzten Monaten etwas abhanden gekommen.

Das Problem hieß Chicharito

In den fünf Bundesliga-Spielen zuvor waren Kießlings Dienste nur noch als Teilzeitkraft gefragt. In der Startelf hatte er nicht mehr gestanden, nur noch zusammen 82 Minuten mitgewirkt und zuletzt in Berlin gar 90 Minuten auf der Bank geschmort. Das nagte am Selbstvertrauen des Stürmers, der offen bekannte, kein Spieler für die Jokerrolle zu sein. Das Problem des Blondschopfs hieß Chicharito.

Der zum Ende der Transferperiode nach Leverkusen gekommene, quirrlige Mexikaner war im Sturm der Rheinländer gesetzt und rechtfertigte seinen Stammplatz mit Toren am Fließband. Da Roger Schmidt ein System mit einer Spitze favorisierte, musste Kießling trotz seiner großen Verdienste auf die Bank. Doch obwohl Chicharito grandios einschlug, blieb die Werkself hinter ihren Erwartungen. Der K.-o. in der Champions League und das mittelmäßige Abschneiden in der Bundesliga ließen Schmidt nun umdenken. Im rheinischen Derby gegen Mönchengladbach ließ er mit zwei Spitzen agieren.

"Ich fühle mich einfach glücklich"

© imago / Huebner

Die Rechnung ging auf, es kam zur Leistungsexplosion. Kießling traf doppelt, der Superstar aus Mittelamerika sogar dreifach. Zweimal legte der Deutsche seinem Sturmpartner dabei einen Treffer auf. Während dann alle Leverkusener Profis längst in der Kabine waren, nahm Stefan Kießling noch immer im Stadion die Ovationen der Fans gerührt entgegen. Als er sich der schreibenden Zunft stellte, konnte er seine Emotionen nur mühsam unterdrücken. "Ich fühle mich einfach glücklich und bin froh, dass alles so gut funktioniert hat", sagte er.

Nach 747 torlosen Minuten gelang Kießling der Befreiungsschlag, den der Torjäger aber noch nicht überbewerten wollte. "Die Zeit ist immer noch hart", meinte der Franke. "Ich habe jetzt ein gutes Spiel gemacht. Aber jeder weiß doch, wie ich mich gefühlt habe. Ich bin froh, dass ich heute so ein Spiel abliefern und der Mannschaft damit helfen konnte."

Geduld ist gefragt

Kießling zusammen mit Chicharito, das kann also doch passen. Das ist die Botschaft des mit Abstand besten Saisonspiels von Bayer 04. "Wir haben uns beide schwer getan, uns zu suchen", bekannte Kießling im ZDF. "Aber so etwas geht auch nicht von heute auf morgen." Geduld ist gefragt, dann kann das Sturmduo Kießling/Chicharito noch die große Trumpfkarte von Leverkusen im Kampf um die Champions-League-Plätze werden. "So, wie die beiden das heute gemacht haben, kann das eine große Zukunft haben", lobte auch Roger Schmidt.

Und auch von dem Teamkollegen erfährt der Torschützenkönig der Saison 2012/13 große Unterstützung. "Mich freut das extrem auch für 'Kies'. Er hatte es nicht einfach in der letzten Zeit", meinte Kevin Kampl zu bundesliga.de. "Aber man sieht, wie erfahren und was für ein Teamspieler er ist. Wenn du ihn brauchst, ist er sofort da. Er war von der ersten bis zur letzten Sekunde unermüdlich, hat am eigenen Sechzehner gerackert, hat Tore gemacht und vorbereitet. Er ist ein sehr wichtiger Spieler für uns und auch ein Klassetyp."

Sprung in der Torschützenliste

In der ewigen Bundesliga-Torschützenliste schob sich Stefan Kießling mit nun 138 Treffern zusammen mit Mario Gomez auf Platz 16. Der Frankfurter Bernd Nickel ist mit 141 Toren der nächste Torjäger in Reichweite. Der Sprung in die Top 15 sollte für den Leverkusener Dauerbrenner nur noch eine Frage der Zeit sein.

 

Aus Leverkusen berichtet Tobias Gonscherowski