Dortmund - Sicher, es ist eines dieser typischen Klischees. Das trübe, kalte Wetter, das so treffend zur Stimmung passt. Aber in Dortmund warten die Menschen dieser Tage tatsächlich nicht nur auf mildere Temperaturen und Sonnenschein, sie sehnen sich drei Tage vor dem Start in die Rückrunde vor allem nach Toren und Erfolgen ihrer Borussia.

Spätestens seit der verpatzten Generalprobe gegen Fortuna Düsseldorf sind die Sorgenfalten wieder da, ist die Angst vor dem Absturz bei den Anhängern der Schwarz-Gelben in der Stadt wieder greifbar. In Leverkusen soll sie am Samstag eigentlich beginnen, die Aufholjagd aus dem Tabellenkeller. Doch die Skepsis im Umfeld von Borussia Dortmund ist so groß wie die Leidenschaft und die Verbundenheit, die man hier im Ruhrgebiet so gerne so intensiv und so emotional auslebt.

Klopp im Video: "Wir werden richtig stark sein"

Die "Echte Liebe" der Dortmunder Fans, dieser markante Slogan des BVB, wurde in den vergangenen Monaten einer harten Prüfung unterzogen. Und trotz Winterpause, trotz Trainingslagers und drei Testspielsiegen ist zurzeit nicht viel zu spüren von Aufbruchstimmung oder gar Euphorie. Zu groß ist noch immer die Fassungslosigkeit über den fast beispiellosen Absturz, der sich so schwer erklären lässt. Zu groß war die Fallhöhe nach den Erfolgen der letzten Jahre. Und zu tief sitzt jetzt die Verunsicherung (Hintergrund: Diese Top-Elf soll es richten).

Was das im Umkehrschluss bedeutet, ist klar: Jetzt ist die Mannschaft gefordert, jetzt muss der Funke vom Rasen auf die Ränge überspringen. Über Wochen standen die Fans fast bedingungslos hinter ihrem Verein, auch wenn ihre Treue auf eine harte Probe gestellt wurde. Aber jetzt müssen die Spieler liefern. "Wir waren ja auch lange vom Erfolg verwöhnt, da hat die Mannschaft natürlich Kredit. Aber jetzt müssen die Jungs zeigen, dass sie es kapiert haben", meint ein Rentner.

Eine Stadt hält den Atem an

© imago

Der BVB ist überall in der Stadt Thema. Ob beim Bäcker oder beim Arzt, im Bus oder im Büro - es wird geredet, es wird diskutiert, es wird gerätselt. Ob Kevin Kampl den Unterschied machen kann? Ob Mats Hummels endlich zu alter Stabilität findet? Und was wird aus Kagawa (Serie "Die Verbesserer": Kagawa und das doppelte Comeback) und Mkhitaryan?

In den Köpfen der Menschen spukt der BVB vor und zurück, im Stadtbild selbst hingegen ist von Schwarz und Gelb dieser Tage nicht viel zu sehen. Keine schwarz-gelben Amerikaner beim Bäcker, keine Trikots im Straßenbild, keine großen Plakate an den Häuserfronten, wie zuletzt beim Champions-League-Finale oder gar der Meisterschaft.

Es wirkt eher, als halte die Stadt kollektiv den schwarz-gelben Atem an. Voller Sorge um das, was da in den letzten Monaten passiert ist. Und in gebannter Erwartung dessen, was die Rückrunde bringt. Irgendwie scheint ganz Dortmund zu warten auf den befreienden Moment, auf die Erlösung aus dem Abstiegskampf, auf eine Siegesserie in der Liga.

"Wir gehen da gemeinsam raus", hat Jürgen Klopp angekündigt. Genau darauf wartet diese Stadt jetzt - damit der Kummer mit der "Echten Liebe" nicht noch größer wird.

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte