Nach dem enttäuschenden Auftritt der deutschen Nationalmannschaft beim 2:0 in Aserbaidschan werden allerorten Fußball-Floskeln zur Erklärung bemüht. "Für schön spielen gibt es keine Punkte", etwa. Oder: "Mund abwischen, weitermachen!"

Bundestrainer Joachim Löw formulierte es etwas diplomatischer. "Unser Ziel und unser Auftrag war, drei Punkte mitzunehmen. Das haben wir geschafft", bilanzierte er.

Fehlende Wettkampfhärte

Die Art und Weise, wie sich das DFB-Team dieser Aufgabe in Baku entledigt hat, war eines dreimaligen Weltmeisters aber nicht würdig. Vor allem nicht, da der Gegner in der FIFA-Weltrangliste noch hinter Äthiopien auf Rang 137 platziert ist.

Entschuldigend darf ins Feld geführt werden, dass sich die Spieler erst seit wenigen Tagen wieder richtig im Pflichtspielbetrieb befinden. Anders die Aserbaidschaner, die sich zum Großteil schon länger mit den Vereinsmannschaften FK Karabakh und FK Baku durch die Quali-Mühle der Europa League quälen.

Dzavadov narrt die Abwehr

Dieses Plus an Wettkampfhärte machte sich in läuferischer und kämpferischer Hinsicht deutlich bemerkbar. Das erkannte auch Löw: "Niemand unserer Spieler ist jetzt in seiner absoluten Top-Verfassung, das wäre auch ein kleines Wunder. Dafür brauchen sie fünf, sechs, sieben Spiele".

Anders ist es auch nicht zu erklären, dass die einzige nominelle Spitze der Hausherren, Vagif Dzavadov, die deutsche Abwehr ein ums andere Mal narrte. Einzig der desolaten Abschlussschwäche war es zu verdanken, dass Aserbaidschan gegen Deutschland nicht endlich das erste Tor in der WM-Qualifikation geschossen hat.

"Komplett andere Spiele"

Schon tauchen Zweifel auf, ob das DFB-Team mit dieser Leistung im Kampf um den ersten Platz in der Gruppe 4 überhaupt in Moskau mithalten kann. Denn da kommt es am 10. Oktober gegen Russland wohl zum direkten Duell um die Tabellenführung.

Abwehrchef Per Mertesacker möchte das Spiel in Aserbaidschan dahingehend aber nicht überbewerten. "Das sind komplett andere Spiele. Wir können alle noch eine Schippe drauflegen", sagte der Bremer.

Das wird auch vonnöten sein. Denn die Russen werden sicherlich nicht so fahrlässig mit ihren Chancen umgehen, wie die Aserbaidschaner. Sollte sich Deutschland direkt für die WM 2010 in Südafrika qualifizieren, wird aber niemand mehr nachhaken, wie die Punkte zusammengekommen sind. Dann interessiert es nicht mehr, dass es in Baku - nicht nur laut Mertesacker - ein "Pflichtspielsieg" war.

Michael Reis