München - Fragt man erfolgreiche Profis wie Felix Magath oder Jupp Heynckes, die nach ihrer aktiven Zeit auf die Trainerbank gewechselt sind, von welchem ihrer Ex-Trainer sie für den Job am meisten gelernt haben, dann fallen Namen wie Branko Zebec und Ernst Happel (Magath) oder Hennes Weisweiler und Udo Lattek (Heynckes).

Auch Norbert Meier muss nicht lange überlegen. Zehneinhalb seiner zwölf Jahre als Profi hat der gebürtige Hamburger für Werder Bremen gespielt - unter einem einzigen Trainer: Otto Rehhagel.

372 Pflichtspiele unter Rehhagel



Zehneinhalb Jahre hatte es Meier, wenn er zur Arbeit ging, mit Rehhagel zu tun, 372 Mal lauschte Meier, wie ihn der Trainer auf Pflichspiele einstellte. "Ich bin dankbar für zehn Jahre Zusammenarbeit. Es war eine sehr fruchtbare und positive Geschichte. In der Zeit ist Werder in die nationale und internationale Spitze aufgestiegen", erinnert sich der heutige Coach von Fortuna Düsseldorf gern an die gemeinsame Zeit mit dem derzeitigen Trainer von Hertha BSC an der Weser.

1988 feierten die aktuellen Kontrahenten, die sich in der Relegation um den letzten freien Platz in der Bundesliga gegenüberstehen, den ersten Gewinn der Deutschen Meisterschaft für Bremen seit 1965.

Erst als er seine Karriere bei Borussia Mönchengladbach austrudeln ließ, lernte der Bergedorfer das Phänomen Trainerwechsel kennen. Mit Gerd vom Bruch, Jürgen Gelsdorf und Bernd Krauss erlebte der offensive Mittelfeldspieler in nur zweieinhalb Jahren gleich drei Übungsleiter - kaum Zeit, prägenden Eindruck zu hinterlassen.

"Habe viel von Otto mitgenommen"



Wie viel Rehhagel aber steckt in dem Trainer Norbert Meier? "Natürlich habe ich von Otto viel mitgenommen", verriet Meier bundesliga.de nach dem . Überraschen konnte den jungen Trainer der 73-jährige Altmeister in Relegationsspiel eins nicht.

Das ist in der Spielanlage der Rheinländer nicht zu übersehen. Die "kontrollierte Offensive", mit der Rehhagel nicht nur Werder zu zwei Meisterschaften und DFB-Pokalsiegen sowie dem Gewinn des Europapokals der Pokalsieger 1992 führte, sondern sensationell Aufsteiger Kaiserslautern zum Meister 1998 machte und den krassen Außenseiter Griechenland 2004 auf Europas Thron führte, zeichnet auch die Fortunen aus.

Lob von der Konkurrenz



"Das war die coolste Mannschaft, die ich in dieser Saison am Millerntor gesehen habe", lobte St. Paulis Sportdirektor Helmut Schulte die Rheinländer nach deren Gastspiel in Hamburg: "Die taktische Disziplin, das Verständnis untereinander und die technischen Fähigkeiten der Spieler - einmalig."

Fortuna hatte im Spitzenspiel der 2. Bundesliga ein 0:1 aus der 15. Minute bis zur 57. in ein 2:1 gedreht und diese Führung nicht nur souverän verteidigt, sondern auch noch clever abgewartet, bis die Hamburger zwangsläufig offensiver werden mussten, um dann ihrerseits erneut zuzuschlagen und den Gastgebern mit dem 3:1 in der 75. Minute den Todesstoß zu versetzen.

"Die Vorrunde war phänomenal", lobte auch Meier seine Fortunen, die er seit Amtsantritt in der Winterpause 2007/08 aus der Regionalliga Nord an die Spitze der 2. Bundesliga geführt hatte, gibt aber zu, dass das nicht zu erwarten gewesen sei: "So weit sind wir noch nicht."

Glaube an die eigene Stärke



Am Ende mussten die Düsseldorfer, die die Vorrunde als Erster mit fünf Punkten Vorsprung auf Relegationsplatz 3 beendeten, bis zum letzten Spieltag um das Erreichen der Entscheidungsspiele zittern. "Es war nicht mehr die Frage, wie wir die Spiele gewinnen wollen, sondern auf einmal mussten wir gewinnen", beschrieb der Trainer die "nervliche Belastung". Seine Spieler haben sie gemeistert.

Der Glaube an die eigene Stärke ist ein weiteres Attribut, das Meier von "Lehrmeister" Rehhagel übernommen hat. "Wir haben 16 oder 17 mal in der Saison einen Rückstand noch umgebogen", lobte der 53-Jährige die Moral seiner Spieler.

Nur mit diesem Glauben an sich selbst konnte Kaiserslautern dem übermächtigen Verfolger Bayern München 1997/98 ebenso Paroli bieten wie der griechische Underdog bei der EM 2004 den schier übermächtigen Fußball-Großmächten des Kontinents.

Dazu kommt die körperliche Fitness. "Hertha hat zum Ende der Partie konditionell spürbar abgebaut", wunderte sich Thomas Bröker nach dem 2:1-Erfolg im Olympiastadion (). Auch hier mussten die Düsseldorfer einem Rückstand hinterherlaufen.

Mental liegen Welten zwischen Rehhagel und Meier



Unterschiede zwischen Meister Rehhagel und Lehrling Meier werden weniger auf dem Spielfeld als an dessen Rand sichtbar. Hier das emotionale "Rumpelstilzchen" Meier, der den vierten Offiziellen 90 Minuten lang beschäftigen kann und nach einem Kopfstoß als Trainer des MSV Duisburg gegen den damaligen Kölner Albert Streit entlassen und vom DFB für drei Monate gesperrt wurde, dort der in sich ruhende Trainer-Fuchs, den im Fußball kaum noch etwas aufregen kann.

Zuletzt zu beobachten am Donnerstag in Berlin. Während Routinier Rehhagel bei aller Euphorie um ihn herum nach dem 1:0 durch Roman Hubnik seelenruhig auf der Bank sitzen blieb, stürmte Meier nach dem Ausgleich über den halben Platz, um dem Torschützen Bröker in die Arme zu fliegen.

Am Dienstag treffen Meister und Lehrling erneut aufeinander. Für den 73-jährigen Berlin-Coach das wohl letzte Spiel seiner beeindruckenden Karriere. Im "Zauberlehrling" von Johann Wolfgang von Goethe, den Rehhagel gern zitiert, gelingt es dem Meister am Ende, die bösen Geister, die der Zauberlehrling rief, zu bändigen (). Gelingt ihm das auch in Düsseldorf oder macht Meier gegen seinen alten Lehrmeister sein Gesellenstück?

Jürgen Blöhs