Mönchengladbach - Seit sieben Spielen wartet Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga auf einen Sieg. Vor dem Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund spricht Mannschaftskapitän Lars Stindl im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Gründe für die schwierige Situation, über die bisherigen Überraschungsmannschaften dieser Saison und über sein verletztes Fußballer-Herz.

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bundesliga.de: Herr Stindl, nach sieben sieglosen Spielen in Folge steht die Mannschaft in der Kritik, die Führung des Clubs aber bleibt gelassen. Wie sieht die Mannschaft die aktuelle Situation?

Lars Stindl: Wir sehen es ähnlich wie die Führung. Wir alle sind aber nicht so grün, dass wir glauben alles richtig zu machen. Im Gegenteil: Wir setzen uns knallhart mit unseren Leistungen auseinander. Bei dieser Analyse sehen wir aber auch, dass die Leistungen meist ordentlich waren und wir das eine oder andere Spiel durchaus hätten gewinnen können – wenn wir vor dem Tor ein Quäntchen mehr Glück, aber auch ein wenig mehr Effektivität gehabt hätten. Und wir zweifeln nicht, dass wir genügend Qualität besitzen, um die kommenden Spiele erfolgreich bestehen zu können.

bundesliga.de: Sehen Sie keine Gefahr, dass man sich zu lange auf diese fraglos vorhandene Qualität beruft, die Situation dabei aber unterschätzt?

Stindl: Auf gar keinen Fall unterschätzen wir die Situation. Wir sind uns der aktuellen Lage und der Tabelle sehr bewusst und wissen, dass wir in der Bundesliga ein Stück weit hinterherhinken. Platz 13 kann nicht unser Anspruch sein. Der Verein und natürlich auch wir haben andere Ambitionen. Aber wir sehen auch das große Ganze. In der Champions League haben wir eine sehr ordentliche Runde gespielt und sind im kommenden Jahr in der Europa League vertreten. Auch im DFB-Pokal sind wir im Soll. Und zuletzt, gegen den 1. FC Köln und gegen 1899 Hoffenheim, haben wir auch in der Bundesliga ordentliche Leistungen gezeigt. Bloß belohnen wir uns momentan nicht dafür.

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bundesliga.de: Was kann der Kapitän jetzt tun?

Stindl: Wenn mir Dinge auffallen, die nicht so laufen, wie sie laufen sollten, spreche ich oder sprechen wir als Mannschaftsrat (Tony Jantschke, Yann Sommer, Oscar Wendt, Fabian Johnson, Christofer Heimeroth, Lars Stindl; d. Red.) diese Dinge selbstverständlich an. Ich bin aber sicherlich nicht der Typ, der in der Kabine herumschreit. Auf dem Platz versuche ich vorweg zu gehen, indem ich meine Leistung abrufe – wie die anderen auch. Bei uns muss keiner die Last allein tragen. Wir haben eine funktionsfähige Struktur in der Mannschaft mit vielen wichtigen Pfeilern. Wie zum Bespiel Yann Sommer, ein gefestigter Torhüter, wie Oscar Wendt, ein Spieler, der schon unzählige Spiele für Borussia absolviert hat, oder wie Raffael, der ein absoluter Ausnahmekönner ist.

bundesliga.de: Fehlt der Mannschaft dennoch aktuell ein Charakter wie Granit Xhaka, der in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen schon mal sehr deutliche Wort gesprochen hat?

Stindl: Einen Spieler wie Granit Xhaka kann jede Mannschaft der Welt brauchen, weil er einfach ein guter Fußballer ist ...

bundesliga.de: ... und ein Typ, der sich nicht scheut lauter zu werden, wenn es nicht läuft.

Stindl: Keine Frage, Granit hat sich als Typ immer voll eingebracht, und das hat uns sehr gut getan. Dennoch glaube ich, dass wir unsere eigenen Möglichkeiten haben diese Situation zu bewältigen. Wie gesagt: Wir verfügen über einen sehr kompetenten Mannschafsrat, dessen Mitglieder die Situation genau beurteilen können. Wir arbeiten weiter fokussiert, und die Stimmung in der Mannschaft ist nach wie vor sehr positiv.

bundesliga.de: Die Mannschaft spielt sich immer wieder viele Chancen heraus, verwertet zurzeit aber nur einen Bruchteil. Wie lässt sich das verbessern, schließlich kann man die Drucksituation im Spiel im Training kaum simulieren?

Stindl: Sobald die Partie angepfiffen ist, spielst du dein Spiel und bist hundertprozentig fokussiert. Da machst du dir über Druck keine Gedanken mehr. Ich persönlich habe in schwierigen Situationen ebenso schon wiederholt getroffen, wie ich andere Male nicht erfolgreich war. Das passiert eben. Dass jetzt jede vergebene Chance sofort mit der aktuellen Situation in Verbindung gebracht wird, ist nun mal so in diesem Geschäft.

bundesliga.de: Sie glauben nicht, dass ein Zusammenhang besteht?

Stindl: Nein. Mein Eindruck ist vielmehr, dass wir schon über die gesamte Vorrunde hinweg im Angriff nicht so effektiv agieren wie in der Vorsaison und in unserem Defensivverhalten die eine oder andere Kleinigkeit falsch machen. Kleinigkeiten, die aber in den vergangenen Wochen immer umgehend bestraft wurden. Solche Phasen gibt es nun mal im Fußball. Denen muss man sich stellen und konzentriert an den Automatismen arbeiten, damit sich Erfolgserlebnisse einstellen können. Erfolgserlebnisse machen das Ganze wirklich einfacher, aber es gibt sie nun mal nicht geschenkt. Vor allem nicht in der jetzigen Situation.

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bundesliga.de: Auffallend ist auch die Diskrepanz zwischen der ersten und der zweiten Halbzeit. In der Tabelle der ersten Halbzeit wäre Borussia Dritter, in der der zweiten stünde man auf dem Relegationsplatz. Spielt die Dreifachbelastung eine Rolle?

Stindl: Nein. Vor dem Spiel gegen den 1. FC Köln gab es zumindest für die Spieler, die nicht bei ihren Nationalmannschaften waren, eine längere Pause. Und in der vergangenen Saison haben wir gerade auch in der Hinrunde gezeigt, dass wir mit einer Dreifachbelastung durchaus klarkommen.

bundesliga.de: Alle vier Champions-League-Teilnehmer bleiben aktuell aber hinter den Erwartungen zurück, wovon Mannschaften wie Eintracht Frankfurt, der 1. FC Köln, Hertha BSC oder RB Leipzig profitieren. Wer ist für Sie die größte Überraschung?

Stindl: Dass Leipzig kein typischer Aufsteiger sein würde, war zu erwarten. Dass man nach dem 12. Spieltag die Tabelle vor dem FC Bayern München anführen würde, eher nicht. Sehr beeindruckt hat mich bisher aber gerade die Eintracht – vor allem, wenn man bedankt, dass sie vor ein paar Monaten noch in die Relegation musste. Hoffenheim macht ebenfalls einen sehr guten Eindruck und ist neben Leipzig die einzige ungeschlagene Mannschaft. Diese Teams haben sich das verdient mit durchweg starken Leistungen. Das hat alles nichts mit Zufall zu tun.

bundesliga.de: Es gibt Stimmen, die Leipzig einen ähnlichen Weg zutrauen, wie ihn Überraschungsmeister Leicester City in der vergangenen Saison in der Premier League gegangen ist ...

Stindl: Um ganz ehrlich zu sein, halte ich es zum einen für viel zu früh darüber zu spekulieren. Schließlich ist erst rund ein Drittel der Saison gespielt. Und zum anderen: Dass RB nicht nur von der Schwäche der anderen profitiert, sondern auch selbst einen sehr guten Ball spielt, steht außer Frage. Aber am Ende wird der FC Bayern die Nase vorn haben und den Titel holen. Und auch Borussia Dortmund wird noch ein ganzes Stück in der Tabelle klettern.

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bundesliga.de: Befürchten Sie, dass Sie auf Dortmunder mit besonders viel Wut im Bauch nach der Niederlage gegen Frankfurt treffen?

Stindl: So denken wir nicht. Wir fokussieren uns ganz auf uns selbst und auf unseren Plan, den wir durchsetzen wollen, ob beim BVB oder bei welchem Club auch immer. Dass wir in Dortmund auf eine starke Mannschaft treffen werden, ist ja nichts Ungewöhnliches. Diese Mannschaft hat nun einmal sehr viel Qualität. Mag schon sein, dass die Dortmunder vor eigenem Publikum etwas gut machen wollen. Aber darauf sind wir vorbereitet.

bundesliga.de: In der kommenden Woche muss die Borussia beim FC Barcelona im legendären Stadion Camp Nou antreten. Schmerzt es sehr, dass Sie für dieses Spiel gesperrt sind, oder hält sich die Enttäuschung in Grenzen, weil der dritte Platz sicher ist, der zweite aber nicht mehr erreicht werden kann?

Stindl: Camp Nou ist ein Mythos. Ich bin ehrlich genug mir einzugestehen, dass es schmerzt. Ich glaube, dass ein Spieler, der sich in der Region bewegt wie ich es tue, vielleicht einmal in seiner Karriere die Chance bekommt, dort die eigene Mannschaft auf den Platz führen und ein Pflichtspiel absolvieren zu dürfen. Das aber ist mir genommen worden durch eigene Unaufmerksamkeit und Undiszipliniertheit und ein wenig vielleicht auch durch Entscheidungen, die manch einer anders getroffen hätte. Und wenn ich irgendwann einmal auf meine Karriere zurückblicke, wird es wohl immer noch schmerzen, dass mir dieses Erlebnis verwehrt geblieben ist. Das tut einem Fußballer-Herz schon ein bisschen weh.

Das Gespräch führte Andreas Kötter