Köln - Lars Stindl ist bei Borussia Mönchengladbach eine Bank. Auf den Kapitän der Fohlen war und ist selbst noch in den schwierigsten Situationen dieser Saison stets Verlass. Vor dem Spiel gegen Hertha BSC spricht Stindl im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über Borussias wechselhafte Saison mit Chancen und Risiken im Endspurt, darüber, wie er sein Amt versteht, und über die größten Stürmerstars der Bundesliga.

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bundesliga.de: Herr Stindl, Ihr Team hat zunächst eine hervorragende Rückrunde gespielt, seit Ihrer zwischenzeitlichen Verletzung aber läuft es für Borussia nicht mehr richtig rund...

Lars Stindl: Zwischen meiner Verletzung und den letzten, nicht so guten Ergebnissen sehe ich keinen Zusammenhang. Wir haben eine ordentliche Rückrunde gespielt, haben dann aber in Hamburg (1:2; d. Red.) unser Spiel nicht ganz so durchgebracht wie gewohnt. Das folgende Ausscheiden in der Europa League gegen Schalke war sehr unglücklich, und gegen die Bayern haben wir einen mehr als ordentlichen Kampf geboten.

bundesliga.de: Drei Negativ-Erlebnisse in der englischen Woche vor der Länderspielpause, und auch die aktuelle englische Woche hat mit dem glücklichen 0:0 in Frankfurt nicht überzeugend begonnen. Hat sich vor allem das in der Tat sehr unglückliche Ausscheiden in der Europa League im Kopf festgesetzt?

Stindl: Dieses Ausscheiden hat uns wirklich sehr weh getan. Es ist schwer zu verarbeiten, wenn man Unentschieden spielt, aber trotzdem durch einen Platzfehler und eine unglückliche Entscheidung ausscheiden muss. Das soll allerdingsl keine Ausrede sein. Schon im Hinspiel auf Schalke haben wir in der zweiten Halbzeit nicht so gespielt, wie wir uns das vorgestellt haben. Und auch im Rückspiel haben wir nach der Pause nicht zwingend genug agiert. Der Trainer hat uns danach einen Tag länger zur Bewältigung gegeben als geplant. Das hat geholfen, und wir konnten die Situation aufarbeiten. Ich denke, das konnte man schon im Bayern-Spiel deutlich sehen, in dem wir sehr leidenschaftlich verteidigt uns mit aller Macht gegen die Niederlage gestemmt haben.

bundesliga.de: Im Januar Abstiegskampf, dann zwischenzeitlich in allen drei Wettbewerben erfolgreich, nun aber plötzlich doch nur noch vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Ist selbst ein erfahrener Profi wie Sie manchmal noch überrascht, wie eng es in der Bundesliga zugeht?

Stindl: Ich weiß zwar, dass die öffentliche Wahrnehmung so ist, bin aber selbst nicht mehr überrascht. In der Bundesliga ist die Leistungsdichte so groß, dass für viele Mannschaften in beide Richtungen, nach oben, aber auch nach unten immer etwas möglich ist. Klar hatten wir gehofft, uns etwas weiter von den unteren Plätzen abzusetzen, auch weil wir davon ausgegangen sind, dass die anderen Teams nicht so kontinuierlich punkten würden wie das z. B. dem HSV, Werder oder Wolfsburg jetzt gelingt. Trotzdem haben wir noch immer eine sehr gute Ausgangslage und wollen nun in den beiden verbleibenden Spielen der englischen Woche gegen Hertha und in Köln noch so viele Punkte wie möglich sammeln.

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bundesliga.de: Trainer Dieter Hecking hat nach dem Bayern-Spiel gesagt: "Meine frühere Einschätzung, dass wir mit dem Abstieg nichts mehr zu tun haben, muss ich zurücknehmen. Bei fünf Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz ist Wachsamkeit geboten, der Blick muss auch nach unten gehen." Sind Sie ein Typ, der jetzt tatsächlich eher nach unten schaut oder doch blicken Sie noch nach oben, weil mit Siegen gegen Hertha und Köln die Europa League-Plätze wieder greifbar nahe wären?

Stindl: Ich schaue nur auf uns und nur von Spiel zu Spiel. Natürlich können wir die Tabelle lesen und sind gewarnt. Wir wissen, dass das eine schwierige Situation ist, die wir annehmen müssen. Da dürfen wir uns nichts vormachen. Und mit "Was möglich wäre, wenn..." sollten wir uns jetzt auf gar keinen Fall beschäftigen. Vielmehr gilt es erst einmal die volle Konzentration auf Hertha zu richten und nicht auf andere Mannschaften zu schauen. Ich weiß aus der Vergangenheit, dass das der richtige Weg ist.

bundesliga.de: Sie spielen an auf die Saison 2014/2015, als Sie mit drei Treffern in den drei letzten Spielen den drohenden Abstieg von Hannover 96 verhindern konnten. Verfügen Sie über so starke Nerven, dass Sie mit diesen schwierigen Situationen keine Probleme haben?

Stindl: Was heißt schon keine Probleme?! Ich habe aber zumindest die eine oder andere schwierige Situation bereits mitgemacht und versuche mich nicht durch äußere Einflüsse verrückt machen zu lassen, sondern nur auf mich selbst zu schauen. Die Situation in Hannover war damals aber deutlich schwieriger als die jetzt bei Borussia, und trotzdem haben wir sie gemeistert. Umso mehr bin ich überzeugt, dass Borussia nicht bis zu Ende zittern muss.

bundesliga.de: Als Kapitän gehen Sie wie schon in der Vorsaison mit Top-Leistungen stets voran, ob in der Bundesliga, im Pokal oder in der Europa League, wo Sie beim 4:2-Sieg in Florenz ein Feuerwerk abgebrannt haben. Ihr bisher bestes Spiel?

Stindl:Schwer zu sagen. Auf jeden Fall war Florenz mein effektivstes Spiel, denn drei Tore in einer Partie sind mir zuvor noch nie gelungen. Und selbstverständlich versuche ich aufgrund meines Amtes auf dem Platz immer vorneweg zu gehen, ergreife aber auch in der Kabine schon mal die Initiative.

bundesliga.de: Der Typ, der in der Kabine richtig laut wird, sind Sie aber kaum...

Stindl: Ich habe kein Problem damit, meine Meinung zu vertreten und Dinge anzusprechen, die mir auffallen. Ich versuche aber immer das sachlich zu machen, denn ich bin kein Freund von Aktionismus. Aber unabhängig von dem, was ich vielleicht Drumherum mache, zählt vor allem, dass ich auf dem Platz vorangehe. Dort versuche ich meine Erfahrungen aus den vergangenen Jahren in die Waagschale zu werfen. Klar gibt es auch bei mir mal Phasen, in denen es nicht so gut läuft. Dann muss man ruhig bleiben und sich darauf besinnen, was man eigentlich kann. Umgekehrt aber gilt es aber in den Phasen, in denen viel klappt, ebenfalls nüchtern zu bleiben und rational zu analysieren, was man vielleicht noch besser machen könnte. Mit dieser Einstellung bin ich in den vergangenen Jahren gut gefahren und möchte das so an die Gruppe weitergeben.

bundesliga.de: Sie werden auch aus dem Mannschaftskreis sehr gelobt. Oscar Wendt spricht etwa davon, dass Sie "die beste Innenseite der Liga" haben...

Stindl: Ich glaube, Oscar hat sich dabei auf meinen Treffer gegen Freiburg bezogen, in dem ich mit einem Schuss aus 17, 18 Metern ins untere rechte Eck das 1:0 (Endstand 3:0; d. Red.) erzielen konnte. Freiburgs Trainer Christian Streich hat im Anschluss von einem "Stindl-Tor" gesprochen. Solche Abläufe und Abschlüsse trainiere ich bereits seit Ewigkeiten. Deshalb ist das mittlerweile ein Stück weit Routine, aber immer noch auch dem täglichen Training geschuldet. Wobei ich eigentlich eher wenig Tore von außerhalb des Sechszehners schieße.

bundesliga.de: Gibt es einen Spieler, an dem Sie sich dabei orientieren?

Stindl: Ich habe mit 18, 19 Jahren Alexandre Iashvili (ehemaliger georgischer Nationalspieler, der u. a. für den SC Freiburg und den Karlsruher SC spielte; d. Red.) bewundert, mit dem ich zusammen beim KSC gespielt habe. Das war ein Riesenkicker, bei dem ich mir viel abgeschaut habe. Heute ist der schnelle, saubere Abschluss im Sechzehner meine Spezialität.

bundesliga.de: Der klassische zentrale Stürmer, wie etwa Herthas Salomon Kalou oder Kölns Anthony Modeste, mit denen es Borussia in dieser Woche zu tun bekommt, sind Sie aber...

Stindl: Ich sehe mich als In-Box-Spieler, der überlegte Abschlüsse aus kürzerer Distanz macht, und glaube, dass ich vor dem Tor kaum zu hektischen Aktionen neige. Das liegt nicht zuletzt an meinem guten ersten Kontakt. Der ist gerade im Sechzehner wichtig, wo dir nur wenig Zeit bleibt.

bundesliga.de: Anthony Modeste spielt eine herausragende Saison. Wie sehen Sie ihn im Vergleich zu den Superstars der Bundesliga, Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang und Bayerns Robert Lewandoski?

Stindl: Modeste ist ein sehr guter Stürmer und gehört sicherlich zu den besten in der Bundesliga. Trotzdem glaube ich, dass Lewandowski bei den Bayern gerade auch in dieser Saison noch einmal eine Schippe draufgelegt hat – obwohl er ohne Frage schon in Dortmund überragend war. Jetzt aber ist er einer der besten, wahrscheinlich sogar der beste klassische Stürmer der Welt, so wie es früher einmal Brasiliens Ronaldo war – ganz unabhängig von den beiden verrückten Weltklasse-Spielern aus Spanien (lacht).

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Video: Exklusive Einblicke in die Heimat der Fohlen