Krakau/Posen- Ganz ohne Aufregung geht es offenbar nicht: Zwei Tage dauerte die ersehnte Ruhe bei der italienischen Nationalmannschaft, dann öffnete Antonio Cassano sein Lästermaul. Mit seinen peinlichen Äußerungen über mögliche Homosexuelle im Team sorgte der exzentrische Stürmer vor dem EM-Gruppenspiel am Donnerstag gegen Kroatien (ab 17:45 Uhr im Live-Ticker) wieder für Negativschlagzeilen. Trainer Cesare Prandelli dürfte genervt mit den Augen gerollt haben. Als hätte er keine anderen Sorgen.

Wettskandal, Verletzte, Niederlagen in Serie - das alles war nach dem achtbaren 1:1 gegen Welt- und Europameister Spanien in den Hintergrund gerückt. "Wir haben gezeigt, wozu wir fähig sind. Das wollen wir auch gegen Kroatien, das wird unser wichtigstes Gruppenspiel", hatte Coach Prandelli mit spürbarer Erleichterung gesagt. Zu Hause rieben sich die Tifosi angesichts des mutigen Offensivfußballs bereits verwundert die Augen, die "Gazzetta dello Sport" sprach von einem "neuen Schwung" für Italiens Fußball.

Cassano: "Tore schießen mag ich nicht so sehr"



Dann kam Cassano, ohnehin noch nie ein Kandidat für die Aufnahme in das Diplomatische Korps. "Ich hoffe, dass es bei uns im Team keine Schwulen gibt", sagte der 29-Jährige - genau genommen benutzte er das derbe italienische Wort "frocio", das mit "Schwuchtel" wohl treffender übersetzt ist. Später entschuldigte Cassano sich, er habe "auf keinen Fall die sexuelle Freiheit einzelner Personen zur Diskussion stellen wollen." Wie eine Entschuldigung aus voller Überzeugung klang es nicht.

Gegen Kroatien soll Cassano nun das tun, was er am besten kann: Tore schießen. Wenn er dazu denn Lust hat. "Ich bevorzuge es, Vorlagen zu geben. Tore schießen mag ich nicht so sehr", sagte er vor der Abreise nach Posen - und hatte damit die Lacher auf seiner Seite. Denn noch immer ist der Patzer von Sturmpartner Mario Balotelli in bester Erinnerung. Gegen Spanien hatte der 21-Jährige nach einem Alleingang so lange gezögert, dass der Ball irgendwann weg war.

Gut möglich, dass Balotelli daher seinen Platz an Antonio Di Natale abgeben muss. Der hatte gegen Spanien nur wenige Minuten nach seiner Einwechslung getroffen - und stellt Trainer Prandelli vor die Qual der Wahl. Wen von beiden er als Sturmpartner bevorzugen würde, wurde Cassano am Dienstag noch gefragt. Seine Antwort: "Mir egal. Hauptsache, ich spiele."

Bilic setzt auf "SuperMandzo"



Kroatiens Trainer Slaven Bilic durfte sich das Theater beim Gegner derweil genüsslich aus der Position des Tabellenführers anschauen. Nach dem 3:1 gegen Irland kann das Team des langjährigen Profis des Karlsruher SC mit einem Sieg vorzeitig das Viertelfinale erreichen. "Gegen Italien werden wir noch besser spielen", kündigte Bilic vollmundig an, warnte aber auch: "Wir haben noch schwere Spiele und dürfen jetzt nicht euphorisch werden."

Garant des zweiten Viertelfinal-Einzugs in Folge soll, selbstverständlich, "SuperMandzo" werden. Mario Mandzukic ist nach seinem Doppelpack gegen Irland schon jetzt Kroatiens EM-Held.


Voraussichtliche Aufstellungen:

Italien: Buffon - Chiellini, de Rossi, Bonucci - Pirlo - Maggio, Marchiso, Motta, Giaccherini - Balotelli, Cassano

Kroatien: Pletikosa - Srna, Corluka, Schildenfeld, Strinic - Vukojevic - Rakitic, Modric, Perisic - Mandzukic, Jelavic


Die Top-Fakten zum Spiel:

  • Kroatien hat mit dem 3:1 gegen Irland nahtlos an die Vorrunde der letzten Euro angeknüpft: 2008 wurden sogar alle Gruppenspiele gewonnen, das Zweite mit 2:1 gegen keinen Geringeren als Deutschland.

  • Mit einem weiteren Sieg gegen Italien stünde schon fest, dass die Kroaten bei ihrer vierten EM-Teilnahme zum dritten Mal das Viertelfinale buchen.

  • Von sechs Länderspielen gegen Kroatien gewann Italien nur eines und das liegt richtig lange zurück: 1942 (!) gab es in einem Freundschaftsspiel ein 4:0. In den fünf Duellen seit der Zerschlagung Jugoslawiens, also in der fußballerischen Neuzeit, gingen die Kroaten bei zwei Remis dreimal als Sieger vom Platz.

  • Auch das bislang einzige Duell bei einem Turnier gewann Kroatien, bei der WM 2002 mit 2:1 nach 0:1-Rückstand in der Vorrunde.

  • Slaven Bilic hat gute Erinnerungen an Italien, er feierte im August 2006 gegen den frisch gebackenen Weltmeister sein Debüt als Nationaltrainer Kroatiens und gewann in Livorno mit 2:0.

  • Italien hat bei der WM 2010 kein Spiel gewonnen (zwei Remis, eine Niederlage) und schied nach der Gruppenphase aus - im Auftaktspiel vor zwei Jahren gab es ebenfalls ein 1:1 (gegen Paraguay)...

  • Gianluigi Buffon und Stipe Pletikosa standen schon 2002 im japanischen Ibaraki beim bisher einzigen Turnier-Duell der beiden Länder zwischen den Pfosten ihrer Teams. Der Kroate wurde von Christian Vieri überwunden, der Italiener von Olic und Rapaic.

  • Die italienische Liga hat in den letzten Jahren an Attraktivität verloren, auch für Legionäre. So steht im aktuellen kroatischen Kader kein Spieler, der schon einmal in Italien sein Geld verdient hat, wie früher z.B. ein Boban, Boksic oder Simic.