Alexander Schur hat in seiner zwölfjährigen Profikarriere keinen einzigen Titel gewonnen. Dafür hat er mit Eintracht Frankfurt Geschichte geschrieben. Als Defensivspieler stand der heute 37-Jährige bei den größten Krimis, die es im Abstiegskampf und im Aufstiegsrennen im deutschen Profifußball je gab, auf dem Platz - und meisterte sie erfolgreich.

Unvergessen der 34. Spieltag der Saison 1998/99: Die Eintracht landet gegen den 1. FC Kaiserslautern durch den unglaublichen Übersteiger-Treffer von Jan-Aage Fjörtoft Sekunden vor Abpfiff den unbedingt benötigten 5:1-Erfolg. Mit diesem Ergebnis retten sich die Hessen aufgrund der mehr erzielten Treffer und schicken dafür den 1. FC Nürnberg in die 2. Bundesliga.

Vier Jahre später erkämpft sich Alexander Schur mit den Frankfurtern am letzten Spieltag das 6:3 über den SSV Reutlingen, das den Ausschlag gibt, dass der hessische Traditionsclub den Aufstieg packt und nicht der 1. FSV Mainz 05, der um ein Tor schlechter abschneidet. Die Eintracht erzielt zwei Treffer in der Nachspielzeit, Schur selbst köpft das entscheidende sechste Tor.

Im Interview mit bundesliga.de erinnert sich Alexander Schur, der heute Co-Trainer der U 23-Mannschaft der Frankfurter Eintracht ist, an die beiden unvergesslichen Partien und gibt Tipps, wie man solche Krimis meistert.

bundesliga.de: Herr Schur, welches Spiel war verrückter: das 5:1 gegen Kaiserslautern oder das 6:3 gegen Reutlingen?

Alexander Schur: Beide Spiele waren an Dramatik nicht zu überbieten und jede Partie hatte seine eigene Dramaturgie. Gegen Kaiserslautern war es komisch: Über unsere Tore wurde nicht viel gejubelt, aber immer wieder brannte mal Jubel auf, ohne dass auf unserem Spielfeld etwas passiert war. Es war eine sonderbare Stimmung im Stadion bis zur letzten Minute, bis wir das entscheidende Tor erzielten. Im Spiel gegen Reutlingen waren wir nach dem zwischenzeitlichen 3:3 ja fast schon tot, und als fast zeitgleich die Mainzer das Gegentor kassierten (1:4 bei Eintracht Braunschweig, Anmerk. d. Red.) und wir das 4:3 schossen, wussten wir, dass uns nur noch zwei Tore fehlten. Die Zeit lief uns davon - das war in dieser Partie deutlicher als beim Spiel gegen Kaiserlautern, in dem wir einfach nur nach vorne gespielt hatten - doch wir haben es ja noch gepackt.

bundesliga.de: Das 5:1 über den FCK war das Sahnehäubchen für die Eintracht, die in der Saison 1998/99 einen unglaublichen Schluss-Spurt mit vier Siegen am Stück hinlegte. Wie kam diese Siegesserie zustande?

Schur: Das lag hauptsächlich an der Verpflichtung von Jörg Berger, der uns sieben Spiele vor dem Ende übernahm. Er hat es verstanden, den Geist der Mannschaft wieder zu wecken. Und das war entscheidend. Wichtig im Abstiegskampf ist, dass eine Mannschaft auf dem Platz steht. Und nur charakterstarke Spieler und Typen. Denn keiner darf sich verstecken, jeder muss sich reinknien und jeder muss für den Erfolg alles geben. Es darf keine Ausfälle geben.

bundesliga.de: Wie hat Jörg Berger den Geist der Mannschaft erweckt?

Schur: Jörg Berger hat die richtigen Worte und schnell einen Zugang zur Mannschaft gefunden. Er hat Ruhe ausgestrahlt, wohl aus der Erfahrung, die er als "Feuerwehrmann" schon gesammelt hatte. Wir hatten ohnehin ein gutes Team, das von Jörg Berger dann noch taktisch hervorragend eingestellt wurde. Und: Wir hatten den unbändigen Willen, unser Ziel, den Klassenerhalt, zu erreichen, doch irgendwie nicht die richtigen Mittel und Wege gefunden, es umzusetzen. Die hat uns Jörg Berger dann aufgezeigt.

bundesliga.de: Jörg Berger hat am Dienstag den Tabellen-16. Bielefeld übernommen. Gelingt der Arminia unter ihm also noch der Klassenerhalt?

Schur: Er ist auf jeden Fall der richtige Mann für Bielefeld in der jetzigen Situation. Den direkten Klassenerhalt wird er aber nicht mehr hinbekommen. Aber er ist ja dafür geholt worden, den Klassenerhalt über die Relegation zu schaffen. Und das kann er packen. Ich hoffe, dass er die nötige Energie und Kraft noch hat und sie nicht während der langen Krankheitsphase eingebüßt hat.

bundesliga.de: Neben Bielefeld stecken noch Mönchengladbach, Cottbus und der KSC im Abstiegskampf. Welche Tipps können Sie den beteiligten Profis geben, damit sie ihre Nerven am Wochenende in den Griff bekommen?

Schur: Die Spieler sollten sich darauf vorbereiten und die volle Konzentration auf den Beruf lenken. Das sollte man ohnehin als Profi, aber im Leben geht das ja nicht immer. Vor dem entscheidenden Spiel gilt es, alles wegzuschieben. Ich habe mich die Tage vor solchen Spielen abgekapselt und versucht, abzuschalten. Ich habe mir eine gewisse Ruheblase geschaffen, damit ich mich mental auf das Spiel vorbereiten konnte. Ich habe asketisch gelebt, keinen Alkohol getrunken und bin nicht mehr weggegangen. Aber jeder geht mit einer solchen Situation anders um.

bundesliga.de: Welchen Clubs trauen Sie den Klassenerhalt nicht mehr zu?

Schur: Ich gehe davon aus, dass die Karlsruher ihr Heimspiel gegen Hertha gewinnen, aber den Klassenerhalt nicht schaffen werden. Cottbus wird definitiv der andere Absteiger sein. In der Relegation ist dann alles offen…

bundesliga.de… wohl auch, weil noch nicht feststeht, wer den 3. Platz in der 2. Bundesliga erreichen wird. Was uns zum Aufstiegskrimi 2003 bringt. Wie ist es der Eintracht gelungen, gegen Reutlingen genau das Ergebnis zu erreichen, das benötigt wird?

Schur: Wir hatten eigentlich nicht damit gerechnet, dass die Mainzer so hoch in Braunschweig gewinnen würden. Wenn wir das Zwischenergebnis nicht mitbekommen hätten, dann hätten wir unsere Partie locker gewonnen. Aber als wir hörten, dass die Mainzer mit 3:0 führten, und wir nur mit 3:1 - zu diesem Zeitpunkt waren wir in der Tabelle punkt- und quasi torgleich, aber die Mainzer hatten mehr Treffer erzielt - hat uns das geschockt. Reutlingen hat unseren Blackout ausgenutzt und zum 3:3 ausgeglichen. Als wir dann zum 4:3 trafen und kurz danach die Information kam, dass Braunschweig zum 1:4 verkürzt hat, bekamen wir einen entscheidenden Impuls. Zwei Tore sind immer möglich auf kurze Zeit. Dann haben wir nochmal Gas gegeben.

bundesliga.de: Und so trafen Bakary Diakite und Sie per Kopfball in der Nachspielzeit…

Schur: … was auch daran lag, dass die Reutlinger eingebrochen sind. Das muss man fairer Weise sagen. Sie waren ja schon abgestiegen. Und die Rote Karte (gegen Rüdiger Rehm in der 88. Minute) hat dann sein Übriges dazu beigetragen. Dennoch haben wir bis zur letzten Minute alles gegeben. Ich war danach körperlich fix und fertig und konnte gar nicht richtig feiern, weil ich kein Bier runter bekommen habe.

bundesliga.de: Bitter für die Mainzer, die den Aufstieg dann ein Jahr später im Duell mit Cottbus gepackt haben. Ist es ein Vorteil für die 05er im jetzigen Rennen mit dem 1. FC Nürnberg, schon so viele Erfahrungen gesammelt zu haben?

Schur: Absolut. Das ist ein großer Vorteil für die Mainzer. Sie haben einiges erlebt und werden ganz bestimmt nicht locker lassen. Dimo Wache (der Mainzer Kapitän und Torwart) hat schon gesagt, dass er seine Jungs wachrütteln wird, damit jeder hundertprozentigen Einsatz bringt. Ich bin davon überzeugt, dass Mainz als Zweiter aufsteigen wird.

Das Gespräch führte Thorsten Schaff