In der 62. Minute wussten die Bayern-Spieler, bei wem sie sich bedanken mussten: Mario Gomez, Thomas Müller, Mark van Bommel und Co. stürmten auf Ivica Olic zu. Der Kroate hatte gerade im so wichtigen Champions-League-Spiel gegen Maccabi Haifa das erlösende 1:0 geschossen.

Der Torschütze eilte aber schnell einmal quer über das Feld und bedankte sich ebenfalls: bei Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.

Glücksgefühl bei Olic

Denn Olic hätte gar nicht unbedingt auf dem Rasen stehen sollen, war er zuvor doch lange wegen einer hartnäckigen Muskelverletzung ausgefallen. Trainer Louis van Gaal hatte ihm noch am Dienstag nur einen Einsatz von 30 bis 40 Minuten in Aussicht gestellt, "auf keinen Fall" einen Platz in der Startelf.

Weil sich aber am Nachmittag vor der Patie zu den verletzten Offensivkräften Franck Ribery, Arjen Robben und Luca Toni auch noch Miroslav Klose gesellt hatte, durfte der 30-Jährige von Beginn an. Und er sorgte - dem "Doc" sei Dank - mit seinem ersten Treffer im dritten Spiel in der "Königsklasse" für die Münchener für ein persönliches Glücksgefühl: "Ich hatte eine schwere Verletzung und musste sieben Wochen pausieren - ich freue mich."

Bordeaux beschert Endspiel in Turin

Im Bauch der Allianz Arena war dann im Anschluss an die Partie auch das kollektive Aufatmen spürbar. "Es war in erster Linie ein Pflichtsieg", sagte Philipp Lahm, und auch Kapitän Mark van Bommel drückte das aus: "Wir haben gewonnen, das war das Ziel."

Dass sich die Bayern überhaupt über das magere 1:0 gegen Haifa freuen durften, lag an der Schützenhilfe von Girondins Bordeaux, das im Parallelspiel Juventus Turin mit 2:0 besiegte. So brandete auf den Tribünen in München auch neben dem Jubel über Olic' Tor zwei weitere Male lauter Beifall auf - nämlich als jeweils der Zwischenstand aus Bordeaux über die Anzeigetafeln flimmerte. Die Franzosen haben den Bayern das heiß ersehnte Endspiel beschert.

Am 8. Dezember geht es für den FCB in Turin um den Einzug ins Achtelfinale. "Wir müssen zwar auswärts ran, haben aber die Möglichkeit, aus eigener Kraft eine Runde weiter zu kommen", sagte Lahm.

Selbstkritische Bayern

Das nackte Resultat stimmte an diesem Abend also, der Weg dahin allerdings nicht. "Nein, gut war das nicht. Wir wollten natürlich besser spielen", gab van Bommel zu: "Wir sind zufrieden, aber nicht mehr als das." Die Bayern hatten zwar mehr und die besseren Chancen, zu selten sprühte die FCB-Offensive aber gegen tapfere Israelis vor zündenden Ideen. Die größte Gefahr für das Gäste-Tor ging neben einer toll heraus gespielten Möglichkeit durch Gomez (24.), der ein Aktivposten war und auch das "Goldene Tor" vorbereitete, durch Distanzschüsse von Bastian Schweinsteiger (52.), Müller (78.) und van Bommel (79.) aus.

Die Bayern überzeugten eher durch Einsatz und Willenskraft. "Wir haben gekämpft bis zum Schluss, die Mannschaft lebt. Mit schönem Fußball kommen wir momentan nicht dahin, wo wir hinwollen", formulierte van Bommel. "Teilweise merkt man immer noch die Verunsicherung. Es stecken noch viele Fehler in unserem Spiel, in unserem Aufbauspiel, im Spiel nach vorne. Das müssen wir abstellen", gab Lahm zu: "Aber insgesamt war es um einiges besser als zuletzt. Es war wichtig, dass wir uns gegenseitig helfen."

"Man merkt, dass die Mannschaft immer noch nicht so selbstbewusst aufspielt, wie das sein sollte. Was wir brauchten, war ein Erfolgserlebnis", räumte auch Uli Hoeneß ein. Der FC Bayern hat also wieder etwas Mut gefasst, denn immerhin stand nach zuvor vier Partien in Serie ohne Sieg wieder einmal ein "Dreier" zu Buche. Einzig der Trainer ordnete die Partie ein bisschen anders ein. "Ich habe ein sehr gutes Spiel gesehen. Ich denke, dass es eines unserer besten war", bilanzierte van Gaal.

Hoeneß: "Müssen auf Sieg spielen"

Ob nun "verunsichert" oder "sehr gut" - bevor Hoeneß am Freitag auf der Jahreshauptversammlung zum Präsidenten gewählt wird, durfte er in seinem letzten Spiel als Bayern-Manager zumindest noch einmal einen Sieg bejubeln. Den soll es dann auch in zwei Wochen bei Juventus geben. "Du kommst da nur weiter, wenn du gewinnst, denn auf Unentschieden in Turin zu spielen, hat keinen Wert. Wir müssen auf Sieg spielen und ich finde es besser, wenn die Mannschaft das von vornherein weiß", stimmte Hoeneß schon alle auf das Endspiel ein: "Dann sind auch Robben und Ribery wieder ante portas."

Und vielleicht springt im Stadio Olimpico dann der nächste flugs zum Matchwinner gewordene Rekonvaleszent dem "Doc" in die Arme...

Aus der Allianz Arena berichtet Tim Tonner