Gelsenkirchen - Wenn ein gestandener Profi wie Ralf Fährmann Tränen des Glücks nicht zurück halten kann, muss schon einiges passieren. Aber ein Derbysieg gegen Borussia Dortmund nach einem leidenschaftlichen Kampf, die Arena auf Schalke als königsblaues Tollhaus, und dann auch noch ein Ständchen der glückseligen Nordkurve zu Fährmanns 26. Geburtstag - das war auch für den Schalker Torhüter fast zuviel an Gefühl.

Von einem "brutal emotionalen Tag" sprach Fährmann nach diesem 2:1-Sieg, der sich in die Herzen und Seelen der Schalker Anhänger einbrennen wird. Für Sportvorstand Horst Heldt zählt der Nachmittag schon jetzt zu den Top Drei der emotionalsten Spiele überhaupt: "Dieses Derby macht ganz bestimmt die eine oder andere Enttäuschung vergessen." (XL-Galerie: Schalker Helden)

Feiern mit den Fans

Die ganze Anspannung der letzten Wochen, alle Zweifel über den durchwachsenen Saisonstart und in der Vergangenheit gleich drei Niederlagen in vier Spielen auf heimischem Rasen gegen die Borussia - all das hatte sich mit dem Abpfiff des 85. Revierderbys in der Bundesliga (Topdaten zum Spiel) entladen. Fährmann selbst hätte vor Freude fast sein Tornetz zerrissen und brüllte sein Freude hinaus, seine Mitspieler sanken auf den Rasen und ballten die Fäuste und Jens Keller quittierte den Spielschluss mit einem Luftsprung wie sein Gegenüber Jürgen Klopp zu seinen besten Zeiten.

Es war die Zeit der großen Emotionen auf Schalke. "Derbysieger, Derbysieger" skandierten die Fans, von denen gefühlt kein Einziger vorzeitig seinen Platz verlassen hatte. Und mit der lang aufgereihten Schalker Siegermannschaft Arm in Arm vor den Treuesten der Treuen in der Nordkurve schloss sich der Kreis - exakt so hatten sich die Spieler auch schon vor dem Aufwärmen ihren Anhängern präsentiert und den Schulterschluss geprobt.

"Unser Plan ging voll auf"

Glaubt man Dennis Aogo (Interview), war die Unterstützung von den Rängen mitentscheidend für den Triumph über den Revierrivalen: "In der letzten Viertelstunde haben die Fans uns zum Derbysieg getragen. Die Beine waren extrem müde. Aber dann kamen immer wieder die Sprechchöre von der Tribüne." Und Eric-Maxim Choupo-Moting staunte nur noch: "Ich habe in Hamburg und Mainz auch schon Derbys erlebt. Aber das hier ist eine Nummer größer."

Natürlich war es nicht nur die Unterstützung von den Rängen, mit der Schalke in der zweiten Halbzeit über die Zeit brachte, was man sich in einer starken ersten Hälfte aufgebaut hatte. "Leidenschaft, Willen und Aggressivität", bescheinigte Klaas-Jan Huntelaar der Mannschaft für die Phase, in der Dortmund spielbestimmend, aber letztlich nicht zwingend genug agierte.

Wie es besser geht, hatten die Knappen zuvor selbst gezeigt. Schalke wirkte in der ersten Halbzeit deutlich entschlossener und mutiger als die Gäste, strahlte Zielstrebigkeit aus, nutzte seine Möglichkeiten konsequenter und war folgerichtig auch in Führung gegangen. "Unser Plan, über die Außenbahnen in Eins-gegen-Eins-Situationen zu kommen, ging voll auf", lobte Jens Keller die taktische Umsetzung (mehr Stimmen zum Spiel).

Gegen Maribor nachlegen

Geburtstagskind Fährmann hatte noch eine Erklärung parat, warum Schalke in diesem Duell um Punkte und Prestige gleichermaßen am Ende als Sieger vom Platz ging. "Wir sind als Mannschaft aufgetreten." Ein simpler Fakt, den der Torhüter aber auch für die nächsten Aufgaben als Grundvoraussetzung anmahnt: "Wir wissen, dass wir immer nur dann erfolgreich sind, wenn wir als Mannschaft auftreten. Und genau das müssen wir auch in den kommenden Spielen zeigen."

Schon am Dienstag geht es für Schalke 04 in der Champions League weiter, wenn sich NK Maribor in Gelsenkirchen vorstellt. Die erste Gelegenheit, den Derbysieg zu bestätigen und "diese Leistung jetzt konstant abzurufen", wie es Choupo-Moting fordert. Mit neuem Selbstvertrauen nach nun zwei Siegen in fünf Tagen, mit Willen und Leidenschaft - und sicher auch wieder mit der Unterstützung des Publikums.

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte