Gelsenkirchen - Das Trikot des Matchwinners war begehrt. Während die Schalker Mannschaft mit ihren Fans nach dem 3:1-Sieg über Hannover 96 minutenlang und enthusiastisch auf der Tribüne feierte, wartete Charlison Benschop geduldig im Kabinengang auf Klaas-Jan Huntelaar. Als der Schalker endlich kam, gab es eine herzliche Umarmung, den Trikottausch – und Hannovers Stürmer konnte wenigstens einmal an diesem Abend lächeln.

Hätte Benschop auf dem Platz gewartet, er hätte kaum seinen Augen getraut. Ganz Königsblau feierte dort nach dem Abpfiff, als habe man gerade mit einem Derbysieg die Meisterschale nach Schalke geholt. Die ganze Mannschaft war hinaufgestiegen in die Nordkurve, hüpfte, grölte und feierte mit den Anhängern Arm in Arm den Sieg über die Niedersachsen: "Blau und Weiß, wie lieb ich Dich."

Ein Sieg, der für Ruhe sorgt

Pure Emotionen, die aber auch einen Ursprung hatten. Denn Ausgelassenheit und Jubel waren zugleich auch ein Indikator für den Druck und die Unsicherheit, die sich vor diesem Erfolgserlebnis in den letzten sieben Wochen breit gemacht hatten. Fünf Bundesligaspiele ohne Sieg, nur zwei Zähler in dieser Zeit, das hatte an den Nerven gezehrt. "Wir wollten dieses Spiel mit aller Macht gewinnen", erklärte ein erleichterter André Breitenreiter nach der Erlösung. Und Johannes Geis gewährte einen Einblick  in die durchaus realistische Gedankenwelt der Schalker: "Hätten wir wieder nicht gewonnen, hätten wir langsam den Anschluss verloren. Der Druck war da." (Interview: Johannes Geis über den wichtigen Sieg)

"Jetzt haben wir den Bock umgestoßen", freute sich Geis. Und er selbst war dabei einer der Schlüssel zum Erfolg. Nach seiner Sperre erstmals wieder in der Elf, war der 21-Jährige gleich der Chef auf dem Platz, hatte die meisten Ballkontakte (83) und spielte die meisten Pässe (55). Er bestimmte das Tempo, dirigierte seine Mitspieler und übernahm die Standards. Natürlich auch den Foulelfmeter, den er sicher zu seinem ersten Bundesligator für die Knappen verwandelte.

Beteiligt an diesem Treffer war auch Klaas-Jan Huntelaar, der zuvor gefoult worden war. Und nur zwanzig Minuten später schoss der "Hunter" dann nicht nur seine Schalker endgültig aus der Ergebniskrise, sondern hämmerte mit einem trockenen Volleyschuss auch alle Zweifel an seinen Qualitäten als Knipser weg. Der Holländer selbst wollte das Thema zwar nicht zu hoch kochen und erinnerte mit Blick aufs Derby daran, dass "meine letzten Tore ja noch nicht so lange her sind." Und doch stand er zuletzt in der Kritik, wirkte manches Mal im Angriffszentrum fast wie ein Fremdkörper. Jetzt ein Schuss wie ein Strich und ein Tor wie eine Befreiung – für den zuvor glücklosen Stürmer ebenso wie für die Schalker Mannschaft.

Endlich trifft auch Di Santo

Und weil königsblaue Erlösung an diesem Spieltag Trumpf war, durfte sich auch Franco Di Santo noch einreihen. Der Argentinier, mit großen Vorschusslorbeeren geholt, hatte zuletzt sogar seinen Stammplatz verloren. Gegen Hannover aber gelang ihm nach seiner Einwechslung endlich der erste Bundesliga-Treffer für Schalke – Tanzeinlage inklusive. "Dieses Tor war eine totale Befreiung für Franco. Das wird ihm gut tun", vermutet auch André Breitenreiter.

Erlösung also auf allen Ebenen, die der Mannschaft für den Endspurt dieses Kalenderjahres noch einmal einen ordentlichen Schub geben soll. In Tripolis will man zum Auftakt am Donnerstag mit einem Erfolg den Gruppensieg in der Europa League perfekt machen, dann folgen zwei Auftritte in der Bundesliga in Augsburg und gegen Hoffenheim. Wie sagte doch Johannes Geis zum Restprogramm? „"Wir sind Schalke! Es sollte unser Anspruch sein, einen guten Jahresabschluss zu haben. Holen wir das Maximum raus, können wir alle zufrieden sein."

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte