Gelsenkirchen - Einen Moment lang konnte man etwas Angst haben um Max Meyer. Ganz unten in der Jubeltraube lag er nach seinem Siegtor und alle warfen sich auf ihn: Mitspieler, die komplette Ersatzbank, sogar der Trainer.

Schalke feierte euphorisch - den Last-Minute-Erfolg über Hertha BSC, den bereits sechsten Saisonsieg und auch die eigenen Talente. Bei keinem anderen Bundesligisten prägen sie derzeit so das Team wie auf Schalke und weisen Königsblau momentan den direkten Weg zurück in die Champions League. Im Spitzenspiel gegen die Berliner waren sie der Garant für den Sieg. Und das Tor von Meyer nach Vorarbeit von Leroy Sane war nur ein Beispiel für die erfolgreiche Talentförderung.

Meyer blüht seit Wochen auf

Der BVB hat Marco Reus, Leverkusen Julian Brandt und Christoph Kramer, der FC Bayern David Alaba, Thomas Müller und Philipp Lahm. Aber gleich fünf Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in der Startelf, das schafft kein anderer Verein. Im Mittelpunkt stand dabei beim 2:1-Erfolg über Hertha BSC natürlich Max Meyer mit seinem emotionalen Siegtor in der Nachspielzeit. "War schön", kommentierte der 20-Jährige selbst ganz trocken.

Seit dem Abgang von Julian Draxler blüht das Eigengewächs aus der Knappenschmiede regelrecht auf. Meyer hat sich seinen Platz in der ersten Elf zurückerkämpft und fast folgerichtig jetzt auch sein erstes Saisontor erzielt. Die Vorarbeit zum Siegtreffer lieferte mit Leroy Sane der zweite Kicker, der in Gelsenkirchen das Fußballspielen erlernt hat. Für den 19-Jährigen war es in dieser Spielzeit schon die fünfte Torbeteiligung in der Bundesliga.

Breitenreiter setzt voll auf Eigengewächse

Dazu steuerte Benedikt Höwedes (Höwedes im Interview: "Da wächst etwas zusammen")den zweiten Schalker Treffer bei, Ralf Fährmnann rettete den Sieg mit einigen starken Paraden und Joel Matip gab fast schon routiniert in der Abwehr den Ton an – sie alle entstammen der Knappenschmiede und waren bereits in der Jugend im königsblauen Trikot am Ball. Über 50 Profis hat die Schalker Nachwuchsabteilung bereits hervorgebracht, die heute in ganz Europa kicken und in ihren Vereinen Leistungsträger sind – von Mesut Özil bis zu Manuel Neuer.

Andre Breitenreiter hat bereits in den ersten Wochen als Cheftrainer klar gemacht, dass er große Stücke auf die Spieler hält, die auf Schalke ausgebildet wurden. Natürlich auf Höwedes, dessen Wort als Kapitän auch außerhalb des Platzes Gewicht hat. Und Matip, seit dem Jahr 2000 ununterbrochen im Verein und damit hinter Kaan Ayhan (seit 1999) dienstältester Schalker. Oder Fährmann, der gerade erst mit seiner Vertragsverlängerung bis 2020 ein Bekenntnis zum Club abgegeben hat. Aber eben auch auf die ganz jungen Spieler wie Meyer und Sane, die ergänzt durch Youngster von Leon Goretzka bis zu Johannes Geis jetzt auf bestem Weg zurück in den europäischen Spitzenfußball sind.

Hungrig und bescheiden

Dass dieser Weg so schnell so erfolgreich sein würde, überrascht sogar Max Meyer: "Wir spielen bis jetzt eine sehr gute Saison. Ich glaube, damit hat nicht jeder gerechnet, dass wir mit so einer jungen Mannschaft so viele Spiele gewinnen." Als Schlüssel für Tabellenplatz drei und eine neue Euphorie auf Schalke sieht der 20-Jährige vor allem auch den neuen Teamgeist: "Das sind schöne Bilder, wenn die ganze Mannschaft auf den Platz läuft und jubelt. Wenn es so weitergeht und wir so geschlossen bleiben, denke ich, dass wir eine gute Runde spielen können."

Es spricht aber auch für das neue Schalke, dass trotz aller Freude über die gute Saison die Bodenhaftung nicht verloren geht. Und so mahnte auch Max Meyer nach dem Sieg über Hertha BSC, dass "wir noch besser spielen müssen, vor allem Zuhause."

Erste Gelegenheit dazu gibt es schon am Donnerstag: Dann treffen die Knappen in der Europa League in der heimischen Arena auf den vermeintlich stärksten Gruppengegner Sparta Prag. Und das garantiert auch wieder mit einer großen Portion Knappenschmiede in der Startelf.

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte