Bremen - Ganz spät am Samstagabend gab es dann doch noch einen Sieg für den FC Schalke 04. Oder besser gesagt, für Benedikt Höwedes. Denn der Vizekapitän der "Königsblauen" war nach dem Abpfiff im Bremer Weserstadion per Privatflugzeug ins Fernsehstudio nach Mainz geflogen worden, und hatte dort beim obligatorischen Torwandschießen mit 1:0 gewonnen.

Gegen einen Jugendlichen, nun gut, aber eben einen, der ein Trikot des Dortmunder Erzrivalen trug. Das fühlte sich für Höwedes natürlich doppelt gut an. Obwohl aus den Reihen seiner Teamkameraden auch gleich Kritik aufkam, mit der sie ihn neckten, schließlich hatten sie von ihm mindestens zwei Treffer an der Torwand erwartet.

Aber sei's drum, Hauptsache Höwedes konnte die Erfolgsserie unter dem neuen Trainer Ralf Rangnick weiter am laufen halten. Vier Spiele hatten die Schalker unter ihm bisher absolviert und vier Mal gewonnen - und zumindest hatten sie den fünften Anlauf im Weser-Stadion dann auch nicht verloren. Mit 1:1 endete die Partie gegen die Bremer, damit konnten die "Königsblauen" ganz gut leben. "Die Beine sind schwer nach den vielen Englischen Wochen", erklärte Höwedes und wollte das aber nicht als Entschuldigung für seine dürftige Torwandbilanz verstanden wissen.

Rangnick ist froh über großen Kader

Doch auch Kapitän Manuel Neuer hatte schon vor der Partie mitbekommen, das einige seiner Mitspieler "fertig gewesen sind". Das sei aber auch ganz normal, meinte Neuer. Denn die Schalker hatten einen Husarenritt gegen Inter Mailand hingelegt und waren ins Halbfinale der Champions League eingezogen, aber auch die schönste Euphorie verhindert nicht die Erschöpfung. So setzte Rangnick in Bremen zunächst auf Rotation.

Gleich auf fünf Positionen hatte der Schalke-Coach seine Aufstellung im Vergleich zu Mailand geändert und verschaffte dabei Spielern wie dem Ex-Bremer Angelos Charisteas ein Comeback in der alten Heimat und Leihgabe Danilo Avelar sein Bundesliga-Debüt. Gut für Rangnick, dass der Schalker Kader derzeit 36 Profis umfasst: "Im Moment bin ich froh, dass ich so viel Auswahl habe."

Und auch, wenn sich das Team zunächst finden und mit dem Bremer Rautensystem klarkommen musste, und sich so mancher etwas müde fühlte, so beeindruckten die Schalker dennoch. "Wir haben trotzdem wir Vollgas gegeben, nicht aufgesteckt und immer den Weg nach vorne gesucht", betonte Höwedes, "wir haben verdient einen Punkt geholt, und mit etwas Glück hätten wir sogar gewinnen können."

Die Moral stimmt wieder

Mit ihrer Einstellung und dem Einsatzwillen überzeugten die "Knappen". "Es war erneut ein couragiertes Spiel unserer Mannschaft", lobte Christoph Metzelder, "die Moral stimmt. Unser Selbstvertrauen ist groß, den Glauben an unsere Stärke haben wir uns jetzt erarbeitet." Selbst von einem Rückstand hatten sich die Schalker nicht entmutigen lassen, auch wenn es in der zweiten Halbzeit dann durch die Einwechselungen von Jurado und Edu deutlich besser gelaufen war.

"Wir wollen ja kein Spiel herschenken", sagte Neuer und wies damit jede Andeutung zurück, sie würden den Bundesligaalltag nun ein wenig vernachlässigen und sich nur noch auf beide Pokalwettbewerbe konzentrieren. "Wir nehmen jedes Spiel ernst", betonte Neuer, "und die ungeschlagene Serie unter Rangnick soll auf jeden Fall weiter gehen."

Schalke schöpft aus dem Vollen

Der Trainer selbst war auch hochzufrieden mit jedem einzelnen Spieler, besonders der Auftritt nach der Pause habe ihm gefallen. "Das war eine Energieleistung", sagte er, "wir hatten noch das Spiel gegen Inter Mailand in den Beinen und in den Köpfen, trotzdem ist es uns gelungen, erneut ein gutes Spiel zu machen."

Und entscheidend war für den Neuzugang auf der Trainerbank vor allem, dass er in Bremen die Möglichkeit hatte, seinen Kader besser kennen zu lernen und für die kommenden Aufgaben zu sichten: "Wichtig war für mich auch, dass ich einige Erkenntnisse über die Spieler, die sonst nicht so oft zum Einsatz kommen, gewinnen konnte. Danilo Avelar zum Beispiel. Er hat in seinem ersten Bundesligaspiel sehr ordentlich agiert und gut rein gefunden."

Rangnick dürfte derzeit keine schlaflosen Nächte haben, denn der Auftritt in Bremen hatte nicht nur sein Team noch selbstbewusster gemacht. Der Trainer weiß nun auch, dass er aus einem breiten Forum an Spieler völlig risikolos schöpfen kann - für die großen Herausforderungen, die auf die Schalker noch in Kürze warten.

Petra Philippsen