Hamburg -Eigentlich sollte Peter Knäbel schon längst im Urlaub sein. "Ich hatte schon gebucht", erklärte der 48-Jährige auf der Pressekonferenz am Montag, als er als Nachfolger des freigestellten Trainers Joe Zinnbauer beim Hamburger SV vorgestellt wurde. Es sollte in seine Wahlheimat der Schweiz gehen, ließ sich Knäbel entlocken. Das ist jetzt passe!

"Wenn Sie mich am Freitag vor dem Spiel gefragt hätten, ob ich am Montag Trainer bin, hätte ich das zu 100 Prozent ausgeschlossen", so Knäbel, "da ich total von einem Heimsieg gegen Hertha BSC überzeugt war." Es kam anders, der HSV verlor das Kellerduell (Spielbericht) und auch die Konkurrenz punktete am Wochenende fleißig. "Nach der Entwicklung der vergangenen Tagen sahen wir uns gezwungen zu handeln", erklärte HSV-Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer im gut gefüllten Presseraum der Imtech Arena zähneknirschend.

Lob für Zinnbauer

Schon zum zweiten Mal in seiner noch jungen Amtszeit musste er vor die Presse treten und einen neuen Trainer präsentieren. "Für uns Verantwortliche des HSV ist die Freistellung von Joe Zinnbauer auch eine Niederlage", gab Beiersdorfer zu, "wir wollten das bis zum Saisonende mit Joe und seinem Team durchziehen."

Doch dazu kommt es jetzt nicht mehr. Peter Knäbel, der eigentlich im September als Direktor Profi-Fußball von Beiersdorfer aus der Schweiz losgeeist wurde, spielt in den verbleibenden acht Partien den Feuerwehrmann. Beiersdorfer nahm sich aber noch einmal die Zeit und lobte Ex-Trainer Zinnbauer. "Joe hatte sich mit Haut und Haaren der Sache verschrieben. Er war total loyal, engagiert und hoch motiviert bis zum Schluss. Er hat dem Verein alles Gute gewünscht."

Beiersdorfer: "Es war richtig, an Joe zu glauben"

Der HSV-Boss verteidigte auch die Entscheidung nach der Slomka-Entlassung auf Zinnbauer gesetzt zu haben. "Es war richtig, an Joe zu glauben. Er hat jeden Tag volles Engagement gezeigt." Doch auch der Motivationskünstler Zinnbauer konnte das vorhandene Potenzial der Mannschaft nur bedingt abrufen. Ihm muss man auch zugute halten, dass er in seiner Phase als Cheftrainer von großem Verletzungspech verfolgt wurde. Relegationsheld Pierre-Michel Lasogga fiel lange Zeit verletzt aus, ebenso wie Lewis Holtby und der erst in der Winterpause verpflichtete Marcelo Diaz.

Zinnbauer setzte durch seine Tätigkeit in der U23 des HSV vermehrt auf die jungen Talente, die sich unter ihm bewährt hatten, wie Mohamed Gouaida, Ashton Götz oder Ronny Marcos. Zum Teil waren diese Spieler aber oftmals mit der Aufgabe überfordert. Die vermeintlichen Leistungsträger wie Rafael van der Vaart oder Heiko Westermann zeigten auch keine konstant guten Leistungen.

"Peter war die absolut beste Option"

Jetzt soll es also Peter Knäbel richten, der das letzte Mal vor 15 Jahren als Trainer tätig war. Damals beim FC Winterthur in der 3. Schweizer Liga. "Klar haben wir den Markt sondiert, aber für uns war Peter die absolute beste Option", verriet Beiersdorfer.

Der HSV-Boss stellte Knäbels Vorzüge in den Vordergrund. "Peter hat die Gabe, Menschen zu führen. Er ist analytisch, fachkompetent und was ganz wichtig ist, er hat Mut und Selbstvertrauen." Diese Tugenden wird Knäbel auch in den vergangenen Wochen brauchen um nicht als der Trainer in die HSV-Geschichte einzugehen, der mit dem Bundesliga-Dino zum ersten Mal absteigt.

Mit dem Horrorszenario "2. Bundesliga" beschäftigen sich aber weder Beiersdorfer noch Knäbel. "Mut ist in dieser Lage der richtige Ratgeber", betonte der neue Interimstrainer, der sich in den kommenden Tagen und Wochen voll auf die Arbeit mit der Mannschaft konzentrieren möchte und wie er sagte, PR-Termine meiden werde. Sein eigentliches Aufgabenfeld als Direktor Profi-Fußball wird er sich mit Dietmar Beiersdorfer und Bernhard Peters teilen. "Wir werden die kommenden zwei Monate überbrücken", so Knäbel.

Definitiv nur eine Interimslösung

Zur neuen Saison wird Knäbel dann wieder in seine eigentliche Funktion zurückgehen, das stand heute sowohl für Beiersdorfer als auch für Knäbel zu 100 Prozent fest. "Ab der neuen Saison ist Peter dann wieder Direktor Sport", bestätigte Beiersdorfer. Egal in welcher Liga? "Wir beschäftigen uns mit dem Hier und Jetzt. Das Wort 2. Bundesliga werde ich nicht in den Mund nehmen", so Beiersdorfer.

Der 51-Jährige sieht seinen HSV weiterhin auf einem sehr steinigen Weg Richtung Konsolidierung: "Der HSV hat ein paar depressive Jahre hinter sich. Seit meinem Amtsbeginn war uns klar, dass wir den Kader verändern müssen und das werden wir auch weiterhin tun", so Beiersdorfer. Am Saisonende laufen die Verträge von Kapitän Rafael van der Vaart, Marcell Jansen, Slobodan Rajkovic, Ivo Ilicevic, Gojko Kacar und Heiko Westermann aus. Nur der Letztgenannte kann sich derzeit Hoffnungen auf eine Weiterbeschäftigung bei den Rothosen machen.

Beiersdorfer und Knäbel appellieren ans Team

"Ich habe der Mannschaft gesagt, dass sie in den nächsten Wochen alles aus sich herausholen und die prekäre Situation mit Hingabe und Leidenschaft angehen muss", so Beiersdorfer. Knäbel verwies auf die vorhandene Qualität im Kader, "diese werde ich versuchen wieder herauszukitzeln." Vor Arbeit könne er sich in den nächsten zwei Monaten nicht beklagen, grinste Knäbel.

Für Knäbel steht in seiner neuen Funktion erstmal das Training mit der Mannschaft im Fokus. "Ich will wieder auf dem Platz stehen", so Knäbel, der es anscheinend gar nicht abwarten konnte mit dem Team zu trainieren. Während der Länderspielpause wird er mit den verbliebenen Spielern zunächst einen Laktattest machen und dann steht am Donnerstag ein Testspiel gegen den Drittligisten VfL Osnabrück auf dem Programm.

Mission: Tore schießen

Knäbel weiß, wo er die Hebel ansetzen muss. Er betonte aber auch, dass "es jetzt keine 180 Grad Kehrtwende geben wird". Er könne auf Vieles aufbauen, was bereits Joe Zinnbauer mit dem Team erarbeitet hat. Nur das Toreschießen sollte wieder mehr geübt werden. Hier drückt dem HSV am meisten der Schuh. Der HSV blieb wie auch am Freitagabend gegen die Hertha bereits zum 15. Mal in dieser Saison ohne Tor. "Mir ist klar, dass wir mehr Tore schießen müssen", erklärte Knäbel.

Aus Hamburg berichtet Alexander Barklage