Dass Jürgen Klinsmann für einen spontanen Wutausbruch gut sein kann, hat er im Mai 1997 im Trikot des FC Bayern mit dem Tritt in eine Werbetonne bewiesen. Damals wechselte Trainer Giovanni Trapattoni seinen Paradestürmer in Freiburg vorzeitig gegen einen Vertragsamateur aus, was Klinsmann sichtlich empörte.

Es verwunderte daher ein bisschen, dass Klinsmann nach der 1:5-Packung des FC Bayern in Wolfsburg nicht der Ärger packte. Stattdessen zeigte er sich unmittelbar nach dem Spiel besonnen und zurückhaltend.

Herbe Kritik an den Spielern

Schon bei den Niederlagen in Berlin, Hamburg oder zu Hause gegen Köln stellte er sich schützend vor die Mannschaft. Am Sonntag erklärte der Bayern-Coach diese Schonfrist für beendet.

"Ich habe zehn Monate den Kopf hingehalten, jetzt sind die Spieler dran. Ich verlange, dass sie sich zusammenreißen für den FC Bayern", sagte Klinsmann am Sonntag auf dem Trainingsgelände an der Säbener Straße. Er wurde so deutlich wie selten zuvor in seiner Amtszeit.

Mit den Spielern, die bei der höchsten Bundesliga-Niederlage der Bayern seit sieben Jahren dabei waren, ging er hart ins Gericht: "Was mich richtig wütend gemacht hat, war, dass die Mannschaft nach dem 1:3 aufgegeben hat. Ich muss mich quälen und zerreißen können, auch wenn mal ein schlechter Tag da ist und die Beine schwer sind."

Van Bommel zeigt Einsicht

Bevor er sich den Journalisten stellte, hatte er die Mannschaft für eine "ruhige, aber deutliche" Ansprache um sich versammelt. "Die Spieler müssen wissen, dass es irgendwann Konsequenzen geben kann", kündigte Klinsmann mögliche personelle Veränderungen an, denn "wir werden mit jedem einzelnen Spieler ins Gericht gehen: Wer hat was für den FC Bayern geleistet?"

Kapitän Mark van Bommel, der sich, wie der gesamte Bayern-Tross, nach dem Schlusspfiff kommentarlos in die Kabine verabschiedete, pflichtete Klinsmann bei. "Der Trainer hat Recht, dass wir uns hinterfragen müssen. Wer im Kopf schwach ist, gehört nicht zum FC Bayern", sagte der Niederländer.

Niederlagenserie gegen Top-Teams

Die Spieler können schon am Mittwoch ein anderes Gesicht zeigen. Denn dann steht das Hinspiel im Viertelfinale der Champions League beim FC Barcelona an. Klinsmann lebt seiner Mannschaft das nötige Selbstbewusstsein schon einmal vor. "Ich habe keine Angst vor Barcelona", sagte er.

Die Partie beim Starensemble in Barcelona könnte ein Schlüsselspiel werden. Ein Sieg oder ein Remis im Camp Nou - und der nötige Rückenwind für den restlichen Saisonverlauf wäre wohl da. Das Problem ist nur, dass der FC Bayern im Jahr 2009 alle Spiele gegen die dicken Brocken verloren hat. 0:1 in Hamburg, 1:2 in Berlin und 1:5 in Wolfsburg lautet die ernüchternde Bilanz gegen die Top 3 der Tabelle.

Das Glück der Bayern ist, dass der Rückstand auf Spitzenreiter VfL Wolfsburg dennoch nur drei Punkte beträgt. Wohl auch deshalb ist Klinsmann "nach wie vor überzeugt, dass wir Meister werden". Wie gesagt: Klinsmann lebt Optimismus vor.

Michael Reis