bundesliga.de sprach mit Bochums Sportvorstand Thomas Ernst über den aktuellen Offensiv-Neuzugang von Borussia Dortmund sowie über Fehler und Perspektiven des VfL.

Noch nicht dabei war der neue Stürmer - aber am Rande des Hallenturniers in Dortmund wurde Diego Klimowicz als Neuzugang bekannt gegeben. Über die Erwartungen an den Angreifer, das Vertrauen in den Trainer sowie über Fehler und Perspektiven des VfL sprach bundesliga.de mit Sportvorstand Thomas Ernst.


bundesliga.de: Trainingsauftakt im Jahr 2009 in Bochum - mit Trainer Marcel Koller an der Seitenlinie. Hand aufs Herz: Konnten Sie sich unmittelbar nach der Niederlage gegen Köln im Dezember diese Konstellation ernsthaft vorstellen?

Thomas Ernst: Es war immer im Kopf, weiter mit dem Trainer zusammenzuarbeiten. Weil wir im Vorstand von seinen Qualitäten überzeugt sind. Trotzdem muss man nach so einer Serie überlegen, wie es weitergehen kann. Da spielt auch die Frage eine Rolle, ob das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft intakt ist. Aber wir haben uns noch an dem gleichen Wochenende auf Marcel Koller festgelegt - und das zeigt, dass die Zweifel am Trainer nie groß waren. Natürlich haben wir zu wenige Siege. Aber wenn man genau hinschaut, hat jedes Spiel seine eigene Geschichte, die man nicht am Trainer festmachen kann.

bundesliga.de: Der eine oder andere hatte den Eindruck, Sie selbst oder auch Ansgar Schwenken seien zunächst auf Distanz zum Trainer gegangen und hinterher auf die Vereinslinie eingeschwenkt.

Ernst: Sie können glauben: Wenn Ansgar Schwenken und ich der Meinung gewesen wären, dass man sich vom Trainer trennen sollte, dann wäre das auch passiert.

bundesliga.de: Sie haben das Verhältnis vom Trainer zur Mannschaft angesprochen. Wie gut erreicht er denn die Spieler?

Ernst: Ich konnte in keinem Spiel ein Problem erkennen mit einer leblosen oder leeren Mannschaft, die den Weg nicht mitgeht. Auch in den Mannschaftssitzungen variiert der Trainer, findet von laut-anpackend bis leise-führend die richtige Ansprache. Da kann ich keine Abnutzungserscheinungen erkennen.

bundesliga.de: Also haben Sie keine Albträume, dass der VfL demnächst nach Ahlen, Koblenz und Fürth fahren muss?

Ernst: Ich habe nach wie vor große Hoffnungen, dass uns das erspart bleibt. Ich sehe weiterhin die Qualität in unserem Kader, es fehlen nur ein paar Prozent. Dazu versuchen wir einige Stellschrauben zu drehen und personell auf ein, zwei Positionen etwas zu verändern. Aber wir müssen keinen großen Schnitt machen und fünf neue Spieler kaufen. Bundesligatauglich sind wir, das haben die Spielverläufe gezeigt. Wir waren sehr oft konkurrenzfähig, haben nur viel zu wenig gewonnen. Es fehlt nichts Grundsätzliches, es fehlen Nuancen. In den nächsten Monaten ist harte und selbstkritische Arbeit gefragt!

bundesliga.de: Ist es in diesem Zusammenhang von Vorteil, dass man in Bochum den Abstiegskampf kennt?

Ernst: Das ist sicherlich kein Nachteil. Denn so verfällt man nicht so schnell in Panik. Leider ist aber die Knoten noch nicht geplatzt. Das ist sicherlich der Unterschied zum Vorjahr. Ich habe immer gehört: 'Wenn wir Druck kriegen, dann sind wir stark und stehen unseren Mann'. Auf den Beweis warte ich jetzt noch!

bundesliga.de: Stimmt die Stimmung im Team?

Ernst: Die Jungs reden auch selbst immer davon, dass sie eine gute Truppe sind und sich gut verstehen. Aber den Eindruck vermitteln, dass sie ein echter verschworener Haufen sind - da müssen sie noch hinkommen!

bundesliga.de: Sind dabei auch die Führungsspieler noch mehr gefordert?

Ernst: Ganz klar, sie müssen vorne weg marschieren und das Signal geben. Aber zugleich hat jeder die Pflicht, sich einzubringen. Jeder kann auf seiner Position etwas tun und jeder hat das Recht und die Pflicht, das Gespräch zu suchen und zu diskutieren, wenn er meint, es läuft etwas falsch. Da haben wir sicher noch Potenzial.

bundesliga.de: Der Verein ist sich also sicher, den Weg mit Marcel Koller weiterzugehen. Die Fans scheinen das nicht alle so zu sehen…

Ernst: Wenn sich die Fans in Bochum erstmal an einem Menschen reiben, sind sie sehr konsequent in ihrer Meinung. Aber wir können doch den Trainer nicht nur entlassen, damit wir eine bessere Stimmung im Stadion bekommen - was nicht heißt, dass uns die Meinung der Fans nicht wichtig wäre. Aber fachlich sind wir von Marcel Koller überzeugt. Wir müssen jetzt daran arbeiten, die Fans mit erfolgreichem Fußball zu überzeugen. Dann glauben und sehen sie, dass wir den richtigen Weg gehen.

bundesliga.de: Wenn man generell nach Ursachen der schlechten Saison sucht, stößt man neben mangelnder Effektivität im Sturm bei 30 Gegentreffern ganz offenbar auch auf ein Abwehrproblem.

Ernst: Das stimmt, und da muss man auch nicht über Glück oder Pech reden. Wir haben einfach zu viele individuelle Fehler gemacht, die den Gegner zum Toreschießen eingeladen haben. Das darf nicht passieren - oder die ganze Truppe muss so hellwach sein, dass man einen Fehler noch ausbügeln kann. Auf der anderen Seite haben wir auch im Sturm Fehler gemacht, indem wir unsere Chancen nicht genutzt haben. Das Problem ist eindeutig die Torausbeute.

bundesliga.de: Darum geht der VfL in die Rückrunde auch mit einem neuen Stürmer, der Diego Klimowicz heißt. Was erhoffen Sie sich von dem neuen Mann?

Ernst: Stürmer, die dem Attribut ‚klein und quirlig  entsprechen und solche, die überall herumlaufen, haben wir genug. Wir brauchen einen Stoßstürmer, der aber auch Fußball spielen kann und sich bewegt. Nur ein "Brecher" wäre uns und dem Anspruch des Trainers zu wenig. Wir suchen einen, der weiß, wo das Tor steht und der gezeigt hat, dass er Tore schießen kann. Und der dies am besten auch schon in Deutschland bewiesen hat. Klimowicz passt perfekt in dieses Anforderungsprofil.

bundesliga.de: Berichte über eine mögliche Verpflichtung des Nigerianers Ogunsoto waren also reine Spekulation?

Ernst: Ogunsoto, der in Griechenland spielt, war eine Alternative, die ich mir angeschaut habe. Aber in der Relation ist das, was wir haben, besser. Einer, der Tore machen, aber nicht kicken kann und dem der Ball verspringt, hilft uns nicht. Und ob er die Treffer, die er in Griechenland und Belgien gemacht hat, auch in der Bundesliga machen würde, ist auch fraglich.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass auch Vahid Hashemian der Mannschaft noch helfen kann?

Ernst: Wenn er jetzt Gas gibt, körperlich zu sich findet und mehr investiert auch im Training, kann er uns helfen. Aber er darf sich nicht auf den Leistungen der Vergangenheit ausruhen und erwarten, dass er gesetzt ist. Auch die Spieler, die einen Namen haben, müssen sich im Training anbieten.

bundesliga.de: Das Tischtuch zwischen Hashemian und Koller ist also nicht zerschnitten?

Ernst: Nach dem, wie Vahid sich jetzt geäußert hat, denke ich das nicht. Bei Marcel Koller ist das 100-prozentig nicht so. Er sieht Vahid genau so kritisch wie jeden anderen Spieler und will im Training Leistung sehen. Aber er beurteilt auch nur nach Leistung und stellt danach auf. Das gilt für jeden Spieler dieses Kaders.

bundesliga.de: Auch für Dennis Grote?

Ernst: Es hilft nicht, über mangelnde Unterstützung des Trainers zu klagen. In erster Linie muss man sich selbst motivieren. Dennis ist ein junger Spieler, der noch nicht fertig ist. Das muss er auch selbst erkennen. Er muss professioneller werden - körperlich mehr tun, um in die Mannschaft zu kommen und mental stärker werden. Dennis sollte sich mit sich selbst auseinandersetzen, statt die Fehler woanders zu suchen. Qualität und Potenzial sind auf jeden Fall da und es wäre eine perfekte Signalwirkung für die Stadt und unseren Nachwuchs, wenn er ein gestandener Bundesligaspieler wird.

bundesliga.de: Generell lebt eine Mannschaft im Abstiegskampf auch von ihrer Kompaktheit und einer gesunden Struktur. Stimmt die Hierarchie im Team?

Ernst: Es gibt eine Hierarchie, aber sie ist nicht so gefestigt, dass sich alle konsequent in kompletter Eintracht zeigen. Dass wirklich alle zusammen eine klare Linie vorgegeben haben, war mit Sicherheit nicht so. Darum auch vorhin die Bemerkung, dass es noch keine verschworene Gemeinschaft ist. Aber so etwas kann man schlecht von außen vorgeben. Das muss aus der Mannschaft kommen und manifestiert sich durch Leistung sowie Persönlichkeit. Ich hoffe, dass alle gewillt sind, diesen Weg mitzugehen.

bundesliga.de: Macht es Sie nicht nervös, wenn andere Clubs wie Mönchengladbach zur Rückrunde personell aufrüsten?

Ernst: Da steckt natürlich auch Potenzial hinter und gerade Gladbach wird damit auch konkurrenzfähig sein. Aber da muss mit den vielen neuen Spielern noch mehr zusammenpassen als bei uns. Im Gegensatz zur Konkurrenz können wir auf einen guten Stamm zurückgreifen. Bei uns sind es Nuancen, die wir herauskitzeln müssen. Aber eines ist doch klar: Es wird ein Hauen und Stechen bis zum 34. Spieltag! Dass wir uns einen ruhigen Frühsommer erarbeiten können, daran glaube ich nicht.

bundesliga.de: Haben Sie angesichts der prekären Situation Angst, dass der VfL wieder mit dem Image einer Fahrstuhlmannschaft in Verbindung gebracht wird?

Ernst: Der VfL hatte auch mal das Image der "Unabsteigbaren". Das ist für mich die Herausforderung, da wieder hinzukommen. Und zwar gemeinsam mit den Fans. Man muss es auch wieder als Leistung begreifen, die Klasse halten zu können und regelmäßig Bundesligafußball in Bochum zu erleben. Natürlich wollen wir uns auch weiterentwickeln, aber das tun andere Clubs auch. Es ist ein großes und lohnenswertes Ziel, wieder "unabsteigbar" zu werden.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte