Was haben Jose Ernesto Sosa und "Der kleine Prinz" aus der gleichnamigen Erzählung von Antoine de Saint-Exupery gemeinsam? "Den Namen natürlich", würden eingefleischte Fans des FC Bayern München jetzt antworten.

Sie wissen, dass der Argentinier in seiner Heimat nur bei seinem Spitznamen - "el principito" - gerufen wird. Die Hauptfigur aus der weltbekannten Geschichte und den argentinischen Fußball-Profi verbindet aber noch mehr.

Der kleine Prinz stammt von einem Asteroiden und befindet sich auf einer Reise über verschiedene Planeten. Als er Station auf der Erde macht, bekommt er Heimweh und will in seine Heimat zurückkehren. Als Sosa 2007 ins kalte Deutschland, zum großen FC Bayern kam, hat wahrscheinlich auch er sich zunächst wie in einer fremden Welt gefühlt.

Hoffnungsträger mit riesigem Potenzial

Fremde Sprache, fremde Menschen, fremde Kultur - damit kam der damals 22-Jährige nur schwer zurecht und sein Heimweh war groß. Auch die Ansprüche, die an ihn gestellt wurden, machten es ihm nicht leichter.

Als großer Hoffnungsträger mit riesigem Potenzial bezeichneten ihn die Verantwortlichen der Bayern. Sie hofften in Sosa den Richtigen gefunden zu haben, der die Lücke von Sebastian Deisler schließt. Der hatte bekanntlich ein halbes Jahr zuvor seine Profikarriere beendet. Und die Erwartungen schienen gerechtfertigt: Genau wie Deisler es war, ist Sosa ein blitzschneller, technisch versierter Spieler. 2006 führte er Estudiantes de la Plata nach 23 Jahren erstmals wieder zur argentinischen Meisterschaft.

Schwierige Eingewöhnungsphase

Die körperbetonte Spielweise der Bundesliga machte es dem Argentinier schwer, sich in seinem neuen beruflichen Umfeld sogleich zurechtzufinden. "Die letzten eineinhalb Jahre sind nicht ganz ohne Komplikationen verlaufen", gab Sosa zu, der in seiner ersten Saison nur auf 15 Bundesligaeinsätze gekommen war.

Meist wurde er eingewechselt und schaffte es dann nicht, dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Nur ein einziges Erfolgserlebnis war ihm vergönnt: Seine Vorlage im UEFA-Cup Viertelfinale gegen den FC Getafe, die Luca Toni in der letzten Minute der Verlängerung zum 3:3-Ausgleich nutzen konnte, bescherte Bayern den Einzug ins Halbfinale.

In der aktuellen Spielzeit schien es lange Zeit so, als würde sich an Sosas Reservistenrolle nichts ändern. In der Hinrunde setzte ihn Trainer Jürgen Klinsmann nur acht Mal ein, davon wurde er sieben Mal eingewechselt. Die Bayern wollten Sosa in der Winterpause schon an den italienischen Club US Palermo ausleihen, doch der Deal platzte im letzten Moment.

Knoten geplatzt

Am 24. Spieltag, als die Bayern beim VfL Bochum antraten, schien alles wie immer - Sosa saß auf der Ersatzbank und hoffte auf einen kurzen Einsatz in der zweiten Halbzeit. Doch dann verletzte sich Miroslav Klose nach 30 Minuten, und Trainer Jürgen Klinsmann wechselte den Argentinier ein: "Ich habe zu ihm gesagt: Jose, du hast nicht mal Zeit zum Warmlaufen. Lauf ein Mal hoch und runter, dann bist du drin."

Möglicherweise war es gerade dieser Sprung ins kalte Wasser, der Sosa seine bis dahin beste Vorstellung im Trikot der Bayern zeigen ließ. "Vielleicht hat er nicht so viel nachgedacht", mutmaßte Klinsmann und spielte damit auf Sosas Problem an, den Kopf vor einem Einsatz freizubekommen. "Jose war permanent in Bewegung und brandgefährlich. Er hat ein beeindruckendes Spiel gemacht", lobte der Coach.

Wieder nur die Reservistenrolle?

Wegen seiner guten Leistung gegen Bochum, aber sicherlich auch wegen der Ausfälle von Toni, Klose, Franck Ribery, Tim Borowski und Hamit Altintop durfte Sosa am folgenden Spieltag gegen den Karlsruher SC von Anfang an ran. Der 23-Jährige nutzte seine Chance und krönte seinen wiederholt starken Auftritt mit dem 1:0-Siegtreffer, der zugleich sein erstes Tor in der Bundesliga bedeutete.

Wie geht es nun weiter für Jose Ernesto Sosa? Waren seine beiden Spiele nur ein kleines Intermezzo und landet er wieder auf der Bank, sobald sich das Bayern-Lazarett lichtet? Fest steht, dass dem FCB noch einige anstrengende Wochen sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League bevorstehen. Da kann Klinsmann einen "kleinen Prinzen", der sein großes Potenzial gerne öfter zeigen würde, allemal gebrauchen.

Karolina Mahrla