Köln - Der Transfer des chinesischen Nationalspieler Xizhe Zhang von Beijing Guoan zum VfL Wolfsburg hat enormes Interesse in beiden Ländern geweckt. So sollen 40 Millionen Zuschauer am Dienstag die Präsentation ihres Landsmannes in Wolfsburg im TV verfolgt haben. Einer, der den chinesischen Fußball seit Jahrzehnten und auch heute aktuell kennt, ist Klaus Schlappner.

Schon von 1992 bis 1995 war der ehemalige Bundesliga-Trainer des SV Waldhof Mannheim als Technischer Leiter und Nationaltrainer in China beschäftigt. Momentan berät und plant "Schlappi" mit erhoffter Unterstützung des deutschen Fußballs eine Ausbildungsakademie in der Millionenstadt Qingdao. „Dass Wolfsburg den Wechsel von Xizhe Zhang vollzieht, war überfällig“, sagt der 74-Jährige im Gespräch mit bundesliga.de.

Wer Schlappner über China sprechen hört, der kann nur erahnen, welche Dimensionen auch beim Fußball im gewaltigen "Reich der Mitte“ gelten. 350 Millionen Fußball-Fans gebe es in China, der Fußball sei jetzt der Sport Nr. 1. „Die Chinesen kennen sich richtig aus. Die Bundesliga ist inzwischen die beliebteste Liga, jeden Samstag werden die Spiele hier übertragen."

"WIR sind Weltmeister!“

Der WM-Titel habe der Bundesliga nochmals einen richtigen Schub gegeben, denn viele Chinesen sind Fans der Deutschen. "Auch der Staatspräsident Xi Jinping ist großer Fußball- und Deutschland-Fan. Ich habe nach dem WM-Finale viele Mails von Freunden und Mitarbeitern aus China bekommen, die geschrieben haben: WIR sind Weltmeister!“

Schlappner kennt andererseits auch den chinesischen Fußball mit all seinen Eigenheiten. "Der Chinese kann Fußball spielen. Das gilt natürlich auch für Xizhe Zhang. Er ist ballsicher, passsicher, schnell und athletisch sehr gut ausgebildet. Was er sicher noch verbessern kann, ist das Spiel gegen den Ball - den Willen, unbedingt wieder in Ballbesitz zu kommen.“

Keine Vereine als Unterbau in China

Hier sieht Schlappner, der in den achtziger Jahren mit seinem Pepitahut eine unverwechselbare Marke der Bundesliga war, einen grundlegenden Unterschied etwa zum europäischen Fußball. "Chinesen sind anders geprägt. Es gibt keine Vereine als Unterbau, in denen sich die Jugendlichen entwickeln und wo professionelles Denken und Handeln vermittelt wird. In den Schulen bekommen Chinesen zwar eine sehr gute allgemeine athletische Ausbildung; doch es entwickelt sich nicht dieser unbedingte professionelle Ehrgeiz oder die Gier, sein Können zum Wohl der Mannschaft zu entwickeln.

Schlappner, der beim SV Waldhof früh eigene Teenager-Talente wie Jürgen Kohler oder Maurizio Gaudino in die Bundesliga-Mannschaft integriert hat, vermisst dieses Vorgehen in China. "Hier geht man davon aus, dass ein 17- oder 18-Jähriger noch nicht so weit ist für den Hochleistungsfußball. Aber wie soll dann ein 22-Jähriger so weit sein, der diese Entwicklungsschritte nicht gemacht hat?“

Xizhe Zhang nur der Anfang

Allerdings hat Schlappner ein gutes Gefühl, dass der 23-jährige Xizhe Zhang in Wolfsburg die richtige sportliche Heimat gefunden habe und sich dort entwickeln werde. "Es ist wichtig, dass er die Sprache lernt. Und es ist wichtig, dass er akzeptiert, dass er auch mal 2. Wahl ist oder aus taktischen Gründen auf der Bank sitzt. Das wird er nicht kennen.“

Schlappner ist sicher, dass der Transfer von Xizhe Zhang nur der Anfang sein wird. Denn das Milliardenvolk werde fußballerisch aufholen. Zwar sei die Ausbildungsakademie von Qingdao, wo Trainer, Spieler und auch Schiedsrichter nach deutschem Vorbild ausgebildet werden "nur ein Tropfen auf den heißen Stein“. Doch nicht zuletzt hat Staatspräsident Xi Jinping verfügt, dass der Fußball eine größere Rolle in den Schulen spielen müsse.

Und so ist Schlappner überzeugt: Das atemberaubende (Lern-)Tempo, das das moderne China in den letzten zwei Jahrzehnten in praktisch allen wirtschaftlichen und sportlichen Bereichen hingelegt hat, wird früher oder später auch zu Erfolgen für Chinas Fußball führen.

Stefan Kusche