Köln - Hinter Rekordmeister Bayern München mischen vier Überraschungsteams die Bundesliga auf. RB Leizig, 1899 Hoffenheim, der 1. FC Köln und Hertha BSC. Im Interview mit bundesliga.de bewertet Weltmeister Klaus Augenthaler die Stärken der Underdogs und ihre Chancen, die große Überraschung am Ende der Saison auch tatsächlich zu schaffen.

bundesliga.de: Herr Augenthaler, viele Fußballfans reiben sich beim Blick auf die aktuelle Tabelle verwundert die Augen, weil dort mit Leipzig, Hoffenheim, Köln und Hertha vier Clubs auf den Plätzen 2 bis 5 stehen, die dort nicht unbedingt zu erwarten waren. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?

Klaus Augenthaler: Die Tabelle ist schon etwas unnormal, wenn man sieht, wo ambitionierte Vereine wie Leverkusen, Wolfsburg oder Schalke stehen. Ich glaube aber, dass sich die Tabelle im Laufe der Zeit bis spätestens Anfang der Rückrunde wieder normalisieren wird.

bundesliga.de: Gehen wir die vier Überraschungsteams vielleicht einmal in der Reihenfolge ihrer Platzierung durch. RB Leipzig steht auf Rang 2. Was macht diese Mannschaft so stark?

Augenthaler: Für mich ist Leipzig die größte Überraschung. Was sie als Aufsteiger leisten, ist sensationell. Am Anfang der Saison hatte Leipzig auch das Quämtchen Glück wie bei den Last-Minute-Toren zum 2:2 in Hoffenheim und zum 1:0 gegen Dortmund gleich im ersten Heimspiel. Dadurch entsteht dann Selbstvertrauen. Der Kader ist auch gut bestückt mit jungen, hungrigen Spielern. Zudem können sie von der Bank Qualität einwechseln, was einige Jokertore zeigen. Und dann steht man auf einmal vorne.

Video: Die Überraschungsteams

bundesliga.de: Haben Sie diese rasante Entwicklung so erwartet?

Augenthaler: Für mich war hinter RB Leipzig am Anfang der Saison ein großes Fragezeichen. Sie gingen als Aufsteiger in die Saison und hatten jetzt auch nicht die ganz großen Namen in ihrem Kader. Die Mannschaft wurde auf allen Positionen sehr gut verstärkt und harmoniert auch. Ralph Hasenhüttl und Ralf Rangnick machen dort einen sehr guten Job.

bundesliga.de: Auf Platz 3 rangiert aktuell die TSG 1899 Hoffenheim. Den Kraichgauern steht nun bei den Bayern die ultimative Bewährungsprobe bevor. Was zeichnet Hoffenheim aus?

Augenthaler: Die Kompaktheit der Mannschaft. Ähnlich wie Leipzig hatte auch Hoffenheim in der einen oder anderen Situation das nötige Glück. Julian Nagelsmann hat seine Vorstellungen und seine Spielidee eindrucksvoll umgesetzt. Und was kann ihnen in dieser Saison groß passieren? Hoffenheim hat sicherlich vor der Saison nicht die Zielsetzung Champions League ausgegeben haben. In den letzten Jahren war es für Hoffenheim auch manchmal ganz schön eng im Abstiegskampf.

"Peter Stöger hat die Mannschaft sehr gut zusammengestellt"

© DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA

bundesliga.de: Der 1. FC Köln auf Platz 4 lebt im Moment vor allem von Antony Modeste, der schon elf Mal getroffen hat. Was machen die Kölner in dieser Saison besonders gut? Oder ist das mehr eine One-Man-Show des Torjägers?

Augenthaler: Nein, ganz bestimmt nicht. Der 1. FC Köln hat eine Mannschaft, die von Peter Stöger sehr gut zusammengestellt wurde. Ich kenne Spieler wie Mergim Mavraj oder Dominique Heintz noch aus ihren Zeiten in Fürth bzw. Kaiserslautern. Eine Bundesliga-Spitzenmannschaft wäre für sie wahrscheinlich noch zu früh gekommen. Aber Peter Stöger hat es verstanden, diese Spieler sehr gut zu integrieren. Und jetzt spielen sie mit dem FC oben mit. Ich habe die Kölner vor ein paar Wochen in München gesehen. Sie hatten dort vielleicht nur zwei, drei Torschüsse, haben aber durch Modeste ihr Tor gemacht.

bundesliga.de: Hertha BSC hat schon in der letzten Saison lange in der Spitzengruppe mitgemischt, ist dann aber auf der Zielgeraden aus dem Tritt geraten. Was machen die Berliner in diesem Jahr besser?

Augenthaler: Hertha sehe ich etwas anders als Leipzig oder Hoffenheim. Sie haben einen Spieler wie Vedad Ibisevic in ihren Reihen oder auch einen Mitchell Weiser, der gut in Form ist. Die Mischung stimmt in der Truppe. Sie spielen mit sehr viel Selbstvertrauen. Herthas Mannschaft ist in den letzten Jahren zusammengewachsen. Aber ob und wie lange sie ihre Position halten können, versehe ich noch mit einem Fragezeichen.

bundesliga.de: Was macht Sie skeptisch?

Augenthaler: Ich denke immer noch, dass Vereine wie Leverkusen, Wolfsburg oder Dortmund mit seiner jungen Mannschaft noch kommen werden. Ich gönne den aktuellen Überraschungsteams den Erfolg, denke aber, dass die Tabelle eine Momentaufnahme ist und sich die Situation in den nächsten vier, fünf Spielen auch wieder ändern kann.

bundesliga.de: Wer von den vier Überraschungsmannschaften hat nach Ihrer Ansicht die meiste Substanz und die Chance, unter die ersten Sechs zu kommen?

Augenthaler: Die Leipziger können länger oben dabei bleiben, wenn sie keine größeren Verletzungsprobleme bekommen. Bei ihnen muss man aber auch abwarten, wie sie reagieren, wenn sie mal ein, zwei Spiele verlieren. Köln ist sehr stabil, weil sie schon seit einigen Jahren unter dem gleichen Trainer arbeiten, ähnlich auch die Hertha. Hoffenheim schaue ich mir am Samstag bei den Bayern genau an. Klar ist: Wir haben in dieser Saison eine sehr interessante Konstellation.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski