Sieben Mal wurde Klaus Augenthaler mit dem FC Bayern Deutscher Meister, 404 Bundesliga-Spiele bestritt er für den Rekordmeister. Der Weltmeister von 1990 kennt den Verein aus dem Effeff. Aber auch beim VfL Wolfsburg, dem einzigen Bayern-Verfolger in dieser Spielzeit, hat Klaus Augenthaler seine Visitenkarte hinterlassen. Eineinhalb Jahre lang trainierte er die Wölfe. Für bundesliga.de analysiert der 57-Jährige die beiden deutschen Topvereine.

bundesliga.de: Herr Augenthaler, der VfL Wolfsburg trumpft in der Rückrunde groß auf und lässt als Bayern-Verfolger nicht nach. Können die Wölfe den Bayern noch einmal gefährlich werden oder werden die Münchener locker durchmarschieren?

Klaus Augenthaler: Ich glaube, dass die Bayern zur Meisterschaft durchmarschieren, aber sie werden nicht locker durchmarschieren. Ich habe Wolfsburgs Auftritt in der Europa League in Lissabon gesehen. Da hätten sie auch rausfliegen können. Ich halte sie noch nicht für so stabil, dass sie die Bayern jagen und auf Tuchfühlung herankommen können.

bundesliga.de: Sie haben aber in der Rückrunde 16 Punkte in sechs Spielen gemacht und sind seit elf Spielen ungeschlagen. Das spricht schon für eine gewisse Konstanz.

Augenthaler: Die Konstanz ist da, und die Mannschaft wird auch noch wachsen. Aber die Truppe ist noch nicht so weit wie die Bayern.

bundesliga.de: Hätten Sie es den Wölfen denn zugetraut, dass sie schon so weit sind?

Augenthaler: Sie haben sich gut verstärkt. Nachdem die Dortmunder extrem geschwächelt haben, die Schalker mal hü, mal hott waren und Leverkusen nach der Anfangsserie zurückgefallen ist, ist dann nur noch Wolfsburg übriggeblieben.

bundesliga.de: Und vorne steht beim VfL ein Bas Dost, der im Moment fast in jedem Spiel seine zwei Tore macht.

Augenthaler: Er hat sicherlich einen Lauf, aber wer mir auch sehr gut gefällt, ist der Junge der neben ihm spielt.

bundesliga.de: Sie meinen Kevin De Bruyne?

Augenthaler: Genau. Ich habe damals, als De Bruyne noch in Bremen spielte, mit Thomas Schaaf gesprochen. Der sagte, dass Kevin ein Spieler sei, der Spaß macht und ein hundertprozentiger Profi ist. Er war damals gerade einmal 20 Jahre alt. Seine Einstellung stimmt, sein Ehrgeiz und seine Qualität.

bundesliga.de: Felix Magath hatte vor dem Rückrundenstart gesagt, dass er den Wolfsburgern eine Meisterschaftschance gibt, wenn sie das Auftaktspiel gewinnen und dann eine Serie starten. So ist es gekommen.

Augenthaler: Acht Punkte Rückstand aufzuholen, ist auch generell machbar. Dann darf aber keiner schwächeln.

bundesliga.de: Wie gefallen Ihnen die Bayern? Sind sie nach dem holprigen Rückrundenstart wieder in der Spur?

Augenthaler: Sie hatten nach der Winterpause ein paar Anlaufschwierigkeiten. Aber jetzt haben sie wieder viele Spiele gewonnen und viele Tore geschossen. So weit ich weiß, werden auch die Verletzten bald wieder einsteigen können. Dann kann Pep Guardiola aus dem Vollen schöpfen.

bundesliga.de: Wie verfolgen Sie die Diskussion, ob Bastian Schweinsteiger und Xabi Alonso im Mittelfeld zusammenspielen können? Passt das?

Augenthaler: Ich lese das auch, aber es liegt nicht in meinem Ermessen, ob die beiden zusammenpassen oder nicht. Pep Guardiola sieht die Spieler jeden Tag im Training. Ich war schon ein paar Mal beim Training und glaube, dass die beiden Spieler sich verstehen. Es herrscht eine hervorragende Stimmung in der Mannschaft. Das ist sehr wichtig.

bundesliga.de: Hat Robert Lewandowski bislang die Erwartungen erfüllt? Es heißt, er wäre etwas unzufrieden, weil er auch mal auf die Bank muss.

Augenthaler: Meine Meinung ist, dass Lewandowski noch nicht zu 100 Prozent bei den Bayern angekommen ist. Er hat in Dortmund auch einige Zeit gebraucht. In München weicht er öfter auf die Flügel aus. Ich weiß nicht, ob er das auf Anweisung des Trainers macht oder ob er das tut, um überhaupt Ballkontakte zu haben.

bundesliga.de: Passt er grundsätzlich zu den Bayern?

Augenthaler: Lewandowski ist ein absoluter Topfußballer. Deshalb passt er zu Bayern.

bundesliga.de: Vielleicht abschließend ein kurzer Ausblick aufs Wochenende. Der VfL Wolfsburg gastiert beim FC Augsburg, der zuletzt nicht mehr ganz so stark punktete, die Bayern müssen nach Hannover.

Augenthaler: Die Augsburger schwächeln nicht, sie liefern jetzt normale Ergebnisse ab. Sie haben immer oben am Limit gespielt, jetzt haben sie „nur“ zwei Punkte aus den letzten vier Spielen geholt. Das ist normal für Augsburg. Dort hat niemand von der Champions League oder Europa League geträumt. Das wird eine anspruchsvolle Aufgabe für Wolfsburg. Die Bayern sind in jedem Spiel Favorit, also auch in Hannover. Soweit ich aus Hannover gehört habe, will Hannovers Präsident Martin Kind in den nächsten drei schweren Spielen Punkte seiner Mannschaft sehen. Das wird schwer, ist aber nicht unmöglich.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski