Wolfsburg - Der VfL Wolfsburg hat in der Hinrunde zwei Gesichter gezeigt, bisweilen in nur einem einzigen Spiel. Großartigen Auftritten wie in den Partien gegen Manchester United standen in der Bundesliga Spiele gegenüber, in denen die "Wölfe" 45 Minuten kaum präsent waren und erst in der zweiten Hälfte ihr anderes, souveränes Gesicht zeigten. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Klaus Allofs über die Gründe für die wechselnden Leistungen, über die Highlights der Vorrunde allgemein und über den Spieler, der ihm in der Vorrunde ganz besonders imponiert hat.

bundesliga.de: Herr Allofs, wie fällt Ihr Vorrunden-Fazit für den VfL Wolfsburg aus?

Klaus Allofs: Positiv! Wir stehen in der Champions League im Achtelfinale. Das ist ein Riesenschritt, den wir als Mannschaft und als Club gemacht haben, und es untermauert den Weg, den wir eingeschlagen haben. Auch im DFB-Pokal wären wir als Titelverteidiger sehr gerne noch dabei. Aber die Bayern waren an diesem Tag die sehr viel bessere Mannschaft. Das muss man akzeptieren.

bundesliga.de: Und die Bundesliga?

Allofs: In der Bundesliga wiederum ist mir der Abstand zu den Bayern, vor allem aber zu Dortmund zu groß. Allerdings muss man uns zugute halten, dass wir einschneidende Veränderungen vorgenommen haben durch den Verkauf von Kevin de Bruyne und Ivan Perisic. Wir haben so zwar viel Geld eingenommen, aber große sportliche und vor allem eingespielte Qualität verloren. Denen, die gekommen sind, müssen wir nun ein wenig Zeit geben. Trotzdem sind wir auf dem richtigen Weg - wenn auch noch nicht mit der Konstanz des vergangenen Jahres (Wolfsburgs Ergebnisse).

bundesliga.de: Vor der Saison haben Sie gesagt, dass man mehr leisten müsse, wenn man dasselbe erreichen wolle wie in der vergangenen Saison. Sehen Sie sich bestätigt?

Allofs: Das hat sich leider bestätigt. Es wäre schön, wenn man weniger machen müsste, um denselben Erfolg zu haben. (lacht) Aber die anderen Mannschaften lernen aus ihren Fehlern, die sie im Vorjahr vielleicht noch gemacht haben. Natürlich könnte man uns vorwerfen, dass wie als Vizemeister jetzt nur an siebter Stelle stehen (zur Tabelle). Ich glaube aber, dass wir einige Dinge sogar besser gemacht haben und dass diese Entwicklung noch nicht zu Ende ist. Stellvertretend möchte ich Julian Draxler nennen, der noch sehr jung und gerade einmal dreieinhalb Monate bei uns ist. Ohne einen direkten Vergleich anstellen zu wollen, kann ich mir vorstellen dass Julian irgendwann eine ähnliche Bedeutung für uns haben kann, wie sie Kevin de Bruyne hatte.

bundesliga.de: Neben großartigen Auftritten wie gegen Manchester gab es immer wieder solche, in denen man eine Halbzeit glänzte, die andere aber nur mäßig agierte. Eine Mentalitätsfrage?

Allofs: Nein. Das glaube ich nicht. Das würde ja bedeuten, dass man der Mannschaft vorwerfen müsste, dass sie nicht bereit ist, sich über 90 Minuten anzustrengen. Das ist ganz sicher nicht der Fall. Aber wir wählen bisweilen noch die falschen Mittel. Dann gelingt es nicht, die taktischen Vorgaben umzusetzen. Vereinfacht ausgedrückt: Manchmal spielt die Mannschaft nicht clever genug, so dass wir es in einer Reihe von Spielen über 45 Minuten nicht gut gemacht haben. Meistens konnten wir es in der zweiten Halbzeit noch ausgleichen. Das Ziel muss jetzt aber sein, diese Leistung über 90 Minuten abzurufen. Allerdings ist das aktuell ein Anspruch, den nur Bayern München und vielleicht Borussia Dortmund erfüllen. Ein Anspruch, dem wir auf Dauer aber auch gerecht werden wollen.

bundesliga.de: Müssen Sie dafür im Winter auf dem Transfermarkt tätig werden?

Allofs: Wir sind der Meinung, dass die Möglichkeiten unseres Kaders noch nicht ausgereizt sind. Trotzdem schauen wir immer wieder, was der Markt bietet, so dass ich nicht ausschließen möchte, dass sich etwas ergeben könnte. Sollten wir jemand entdecken, der uns dauerhaft weiterhilft und die Qualität des Kaders noch einmal erhöht, kann es sein, dass wir tätig werden. Aber wir sind nicht in der Lage wie eine Reihe von anderen Clubs, die auf drei, vier Positionen zwingend etwas verändern wollen. Deshalb ist es ebenso gut vorstellbar, dass wir mit unverändertem Kader in die Rückrunde gehen.

bundesliga.de: Wenn Sie die Vorrunde aus objektiver Experten-Sicht Revue passieren lassen, was ist besonders hängen geblieben?

Allofs: Die Stärke der Bayern ist beeindruckend, aber wohl nichts, was man als überraschend bezeichnen könnte. Aber auch Borussia Dortmund hat es eindrucksvoll gemacht. Nach einem schwierigen Jahr ist der BVB sehr gut in die Saison gekommen. Und dann ist da natürlich Hertha. Man sagt, dass es jedes Jahr eine Überraschungsmannschaft gibt. Dieses Jahr ist das ohne Wenn und Aber Hertha BSC. Auch die beiden Aufsteiger machen es sehr gut - woraus wiederum folgt, dass sich am Tabellenende Clubs finden, die man dort nicht erwartet hätte wie etwa Hoffenheim. Ich glaube, dass bis auf die Position der Bayern kaum jemand die Hinrunde so hätte vorhersagen können.

bundesliga.de: Überrascht es einen Experten wie Sie, wenn eine hochgewettete Elf wie die Gladbacher Borussia zu Saisonbeginn zunächst abstürzt, dann eine in dieser Situation kam für möglich gehaltene Erfolgsserie hingelegt, um gegen Ende der Vorrunde erneut bittere Niederlagen hinnehmen zu müssen?

Allofs: Ähnlich wie wir wird auch Max Eberl vor der Saison gewusst haben, dass man sich noch einmal steigern muss, wenn man dasselbe erreichen will wie in der vergangenen Saison. Plötzlich verliert man aber sogar die ersten fünf Spiele. Ich will nicht behaupten, dass man so etwas kommen sieht. Aber man weiß doch, in welcher Gefahr man sich letztlich vor einer neuen Saison immer wieder befindet - siehe Borussia Dortmund in der vergangenen Spielzeit. Bekommt man die Kurve aber mit ein, zwei Siegen erst einmal, zeigen sich wieder die Qualität und die gefestigte Struktur der Mannschaft. Und selbst wenn die Gladbacher gegen Ende der Vorrunde einige Rückschläge hinnehmen mussten, gehören sie für mich zu den Kandidaten auf einen Champions-League-Platz.

bundesliga.de: Zu guter Letzt: Wer ist Ihr Spieler der Hinrunde?

Allofs: Da nenne ich am besten einen Spieler des FC Bayern, weil wir den nicht bezahlen können, und so keine Gerüchte aufkommen können. (lacht) Selbst wenn es gegen Ende der Hinrunde ein wenig ruhiger um ihn geworden ist, hat Douglas Costa doch über weite Strecken für Furore gesorgt. Ich denke, dass er stellvertretend steht für die großartige Qualität dieser Mannschaft. Und weil es ohnehin völlig undenkbar ist, kann ich problemlos zugeben, dass wir einen solchen Spieler auch gerne hätten. (lacht)

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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