Wies'n-Zeit ist Lederhosen-Zeit: Sobald in München Oberbürgermeister Christian Ude das zweiwöchige Oktoberfest auf der Theresienwiese mit dem Fassanstich eröffnet, kleiden sich die Festbesucher in die traditionelle bayrische Tracht.

Wies'n-Zeit ist auch Bayern-München-Zeit: Noch nie hat der FCB ein Heimspiel zum Auftakt des größten Volksfestes der Welt verloren. Dazu als geladener Gast am 5. Spieltag der personell wie psychisch angeschlagene Vizemeister Werder Bremen, im Reisegepäck eine große Portion Verunsicherung nach durchwachsenem Bundesligastart mit nur einem Sieg und einem mageren 0:0 in der "Königsklasse" zuhause gegen die Fußball-Underdogs von Anorthosis Famagusta.

5:0 nach 67 Minuten

Was sollte da - nach zuletzt drei Siegen in Folge gegen Berlin (4:1), Köln (3:0) und Steaua Bukarest (1:0) - noch schiefgehen für den Topfavoriten auf die Deutsche Meisterschaft? 69.000 Zuschauer, zu einem großen Prozentsatz in Lederhosen gekleidet, waren gekommen, um sich mit einem Heimsieg gegen die Norddeutschen stimmungsvoll auf die Wies'n einzustimmen. Abgesehen natürlich von den Werder-Fans.

Und dann so etwas! Fünf Buden schenkten die Bremer den Gastgebern ein, nach 67 Minuten führten die Gäste durch Markus Rosenberg (30./67.), Naldo (45.), Mesut Özil (54.) und Claudio Pizarro (59.) bereits mit 5:0. "Zieht-den-Bayern-die-Lederhosen-aus"-Sprechchöre aus dem Bremer Fanblock waren die Folge. Erst danach betrieben die Bayern durch die Treffer des Ex-Bremers Tim Borowski (71./85.) noch etwas Ergebniskosmetik.

Schaaf: "Nicht durchdrehen"

"5:2, das ist der Wahnsinn", konnte Werder-Schlussmann Tim Wiese im Gespräch mit bundesliga.de kaum glauben, was sich in den 90 Minuten zuvor in der Allianz Arena ereignet hatte. Durch den Sieg können die Bremer in der Tabelle wieder den Blick nach oben richten.

Auf die Meisterschaft angesprochen sagte Sportdirektor Klaus Allofs: "Wir sind jetzt wieder im Spiel." Trainer Thomas Schaaf freute sich zwar über die drei Punkte, forderte aber auch gewohnt nüchtern: "Wir müssen jetzt auch nicht total durchdrehen."

Ganz anders die Gefühlslage auf Münchener Seite: "Es war eine Lektion, es schmerzt, da braucht man gar nicht drum herum reden", bekannte Jürgen Klinsmann, der gleichzeitig sein erstes Pflichtspiel als Bayern-Trainer verlor. "Es ist nicht zu entschuldigen. Es ist schwer, dafür eine Erklärung zu finden. Wir haben versagt und müssen uns bei jedem Fan, der heute im Stadion war, entschuldigen", bilanzierte Borowski, der erst in der 46. Minute für Daniel van Buyten in die Partie kam.

Beckenbauer empfiehlt Frustbier

FCB-Präsident Franz Beckenbauer riet im Premiere-Studio Spielern wie dem Coach zu ein oder zwei Frust-Maß auf dem Oktoberfest - ein Ratschlag, den Klinsmann allerdings mit einem gequälten Lächeln ablehnte. Im Gegensatz zu Beckenbauer wollten sich der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge und Manager Uli Hoeneß nicht äußern zu der gegentorreichsten Niederlage seit über 30 Jahren, seit dem 0:7 gegen Schalke 04 am 9. Oktober 1976.

Dabei war die Bayern-Dreierkette mit Lucio, Martin Demichelis und van Buyten, die auch gegen Bremen begann, zuletzt hoch gelobt worden. Allerdings brachte auch die Umstellung nach der Halbzeitpause zurück auf die Viererkette mit Philipp Lahm nicht die erwünschte Sicherheit.

Die entscheidenden Zweikämpfe verloren

In der Analyse machte Trainer Klinsmann etwas ganz anderes für die "Klatsche" verantwortlich: "Ich glaube, die Mannschaft hat von der taktischen Auffassung absolut gut gestanden, ob das die Dreierkette war oder später die Viererkette - letztendlich sind es die Zweikämpfe, die ein Spiel entscheiden."

Vor allem die wichtigen, die zu den Gegentoren führten, denn eigentlich konnten sich seine Spieler bei einer Quote von 60 Prozent gewonnenen Zweikämpfen statistisch gesehen nichts vorwerfen. Überhaupt: Ein Blick in die bundesliga.de-Datenbank zeigt, dass die Bayern auf dem Papier nicht viel falsch gemacht hatten: 55 Prozent Ballbesitz, 8:2 Ecken, 15:8 Schüsse in Richtung gegnerisches Tor und eine erfolgreiche Passquote von fast 82 Prozent.

Klinsmann: "Wir werden aufstehen"

Doch in den entscheidenden Momenten kamen die Spieler des Rekordmeisters immer einen Schritt zu spät. "Die Bremer waren heißer, sie hatten mehr Durchsetzungsvermögen, sie waren cleverer, wie sie die Räume genutzt haben", zollte Klinsmann dem kaltblütigen Gegner Respekt, der alle seine fünf Schüsse aufs Tor erfolgreich versenkte.

Optimist, der er ist, versäumte es der Bayern-Trainer aber nicht, den Blick nach vorne zu richten und sich der Vogel-Strauß-Politik zu versagen. "Wer auf dem Boden liegt, muss aufstehen. Und das werden wir auch tun und nicht den Kopf in den Sand stecken", sagte der 44-Jährige und kündigte an: "Wir werden aufstehen, und vielleicht noch stärker sein als vorher."

Bereits am Mittwoch bietet sich die Gelegenheit dazu, wenn der 1. FC Nürnberg zum bayrisch-fränkischen Pokalderby in München antritt. Mal sehen, ob die Lederhosen dann anbleiben...


Aus der Allianz Arena berichtet Denis Huber