Zusammenfassung

  • Eintrachtstar wird für sein Engagement gegen Rassismus geehrt.

  • Am Samstag trifft er auf Jerome und die Bayern.

  • Bei Milan verließ er einst nach rassistischen Fangesängen den Platz.

Köln - An diesem Donnerstagabend ehrte der WDR-Radiosender "1LIVE" Kevin-Prince Boateng wegen seines "Engagements gegen Rassismus" mit dem Sonderpreis der "1LIVE Krone". Der 30-Jährige beziehe Stellung und setze so "ein Zeichen gegen Rassismus auch übers Fußballfeld hinaus“, heißt es in der Begründung der Jury zur Verleihung des wichtigsten Radio-Preises in Deutschland.

Und Boateng, der seit Jahren als mutiger Vorkämpfer gegen Rassismus in Erscheinung tritt, sagt: "Mit diesem Preis ausgezeichnet zu werden, heißt, dass die Menschen hinhören, und dass es noch viele gibt, denen das Thema wichtig ist. Das ist sehr erfreulich und ich bin glücklich, immer mehr Leute zu erreichen und mit ihnen den Kampf gegen Rassismus fortzusetzen."

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Bei der Preisverleihung in der Bochumer Jahrhunderthalle wird der Mittelfeldspieler der Frankfurter Eintracht allerdings aus einem Studio des HR in der hessischen Metropole zugeschaltet. Die Reise ins Ruhrgebiet hätte die Vorbereitung des Spitzenspielers aufs Wochenende gestört: Schließlich wartet am Samstag, nur 40 Stunden später, ein ganz besonderes Spiel auf Kevin-Prince Boateng und die Eintracht: Sie empfangen Rekordmeister FC Bayern München - und Boatengs knapp anderthalb Jahre jüngeren Bruder Jerome.

Erfolgreiche Brüder: Kevin-Prince und Jerome Boateng
Erfolgreiche Brüder: Kevin-Prince und Jerome Boateng © imago / HJS

Große Brüder-Duelle in der Vergangenheit

Natürlich ist es nicht das erste Aufeinandertreffen der beiden Halbbrüder, die einen gemeinsamen Vater mit Wurzeln in Ghana haben, aber unterschiedliche Mütter. In ihren langen Bundesliga-Karrieren kreuzten die Boatengs schon öfters die Klingen. Die bisher spektakulärsten Duelle der Brüder fanden jedoch bei den Weltmeisterschaften 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien statt. Während der WM in Südafrika trafen am 23. Juni 2010 in Johannesburg Deutschland und Ghana aufeinander:  Jerome spielte für Deutschland, Kevin-Prince für Ghana, die gesamte Weltpresse nahm die Geschichte der in Berlin aufgewachsenen Brüder als Aufhänger für diese Partie - genau so wie vier Jahre später beim erneuten Aufeinandertreffen der beiden Länder im brasilianischen Fortaleza.

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In Südafrika gewann Deutschland mit 1:0, 2014 endete die Partie in der Gruppenphase 2:2. Am Ende des Turniers aber krönte Jerome mit dem Weltmeistertitel für Deutschland seine außergewöhnlich erfolgreiche Karriere. Mit dem FC Bayern gewann er bislang fünf Deutsche Meisterschaften, drei Mal den DFB-Pokal und im legendären Bayern-Triple-Jahr 2013 auch die Champions League sowie die FIFA Klubweltmeisterschaft. 2016 wurde Jerome Boateng zum Fußballer des Jahres in Deutschland gewählt. Bei seiner Auslandsstation bei Manchester City stand er im Kader jener Mannschaft, die 2011 den FA-Cup holte.

Bei Hertha BSC spielten die Boatengs gemeinsam in der Bundesliga

In Berlin ziert ein riesiges Portrait der Brüder eine Häuserwand © gettyimages / CHRISTOF STACHE/AFP

Eine derart beeindruckende Liste an Erfolgen kann der ältere Bruder auf dem Platz nicht nachweisen. Aber auch Kevin-Prince gewann in seiner wechselvollen Karriere, die ihn von Berlin aus nach England (Tottenham und Portsmouth), Spanien (Las Palmas), Italien (AC Milan) und immer wieder zurück nach Deutschland (Dortmund, Schalke, Frankfurt) führte, eine Landesmeisterschaft: 2011 wurde er mit dem AC Milan italienischer Meister. 2008 streckte er im Trikot von Tottenham Hotspur den englischen Ligapokal in die Höhe. In den gemeinsamen Anfangszeiten bei Hertha BSC spielten die beiden Boateng-Brüder auch zusammen für die Berliner in der Bundesliga, bevor sich ihre Weg trennten und sie sich fortan immer wieder auch als Gegner auf dem Platz gegenüber standen. Nun also wieder am Samstag in Frankfurt.

"Ich bin glücklich, immer mehr Leute zu erreichen und mit ihnen den Kampf gegen Rassismus fortzusetzen." Kevin-Prince Boateng, Eintracht Frankfurt.

Beide gehören längst zu den anerkanntesten Fußballern in Deutschland. Jerome gilt als einer der spielstärksten Verteidiger der Welt, zuletzt hatte er jedoch mit einigen Verletzungen zu kämpfen. Auch Kevin-Prince wurde immer wieder durch Verletzungen gebremst, in dieser Saison aber ist er einer der stabilsten Profis der Eintracht.

Längst ist auch der ältere der Boateng-Brüder nach anfänglichen Kapriolen zu einer anerkannten Persönlichkeit in der Fußballwelt gereift. Seit seinem Wechsel diesen Sommer vom spanischen Erstligisten Las Palmas nach Frankfurt ist er bei der Eintracht auf und neben dem Platz die bestimmende Figur. Erst vergangene Woche erzielte er bei seiner Rückkehr nach Berlin den 2:1-Siegtreffer gegen seine alte Hertha. Die Eintracht ist somit momentan die beste Auswärtsmannschaft der Liga (15 Punkte) - noch vor den Bayern.

Video: Positiv verrückter Kevin-Prince Boateng

Das Verhältnis der beiden Brüder war vor der WM 2010 kurz belastet, als Kevin-Prince Michael Ballack, den damaligen Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft, im englischen FA Cupfinale so übel foulte, dass dieser nicht an der WM teilnehmen konnte. Damals galt Kevin-Prince noch als Enfant Terrible. Jerome erzählte später einmal, dass er damals eine Zeit lang nicht mit seinem Bruder gesprochen habe, weil dieser sich nach dem Foul an Ballack seiner Ansicht nach nicht richtig verhalten habe.

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Doch das ist Vergangenheit. Als Jerome im vergangenen Jahr von Alexander Gauland, dem damaligen Bundessprecher der AfD, rassistisch angefeindet wurde, ergriff auch sein Bruder das Wort und sprang Jerome zur Seite. In einem Interview mit dem Jugendmagazin "jetzt" der Süddeutschen Zeitung beschrieb Boateng eindrücklich, wie er in der Vergangenheit immer wieder Opfer rassistischer Anfeindungen wurde.

Kevin-Prince hielt eine Rede vor der UN-Versammlung

Auch bei der WM 2014 spielten die Brüder gegeneinander - die Partie endete 2:2 © gettyimages / PATRIK STOLLARZ

Große Aufmerksamkeit erreichte er im Jahr 2013 mit einer Aktion im Dress des AC Milan: als während eines Freundschaftsspiels aus der gegnerischen Kurve Affenlaute zu hören waren, verließ er den Platz, seine Teamkollegen schlossen sich ihm an. Das Spiel wurde abgebrochen. Einige Monate später sprach Kevin-Prince daraufhin in Genf vor den Vereinten Nationen über seine Erfahrungen mit Rassismus. Boateng sagt: Entscheidend sei, rassistische Anfeindungen nicht einfach zu schlucken, sondern dagegen aufzubegehren.

Das letzte sportliche Kräftemessen der Brüder endete im Februar 2015 übrigens 1:1. Kevin Prince spielte damals noch für Schalke, Jerome flog im Bayern-Trikot mit Roter Karte vom Platz. Mit einem Remis am Samstag gegen Jerome und die Bayern könnte Kevin-Prince mit seiner Eintracht wohl auch diesmal gut leben.

Von Tobias Schächter