Sinsheim – Drei Tore erzielt, dazu drei weitere vorgelegt: Kerem Demirbay gehört zu den Entdeckungen beim Überraschungsteam TSG 1899 Hoffenheim. Vor der Saison wechselte der 23-jährige Deutsch-Türke vom Ligakontrahenten Hamburger SV in den Kraichgau und avancierte mit kurzer Verzögerung zum absoluten Leistungsträger der TSG. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Shootingstar über seine Entwicklung in Hoffenheim, die Parallelen zu Nationalspieler Mesut Özil und das anstehende Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach.

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bundesliga.de: Herr Demirbay, nach Ihren Wechsel von Borussia Dortmund zum Hamburger SV 2013 spielten sie zwei Mal zur Leihe in der zweiten Liga in Kaiserslautern und in Düsseldorf. Sind Sie nun froh, dass Sie in Hoffenheim nun endlich wissen, wo Sie hingehören?

Demirbay: Ich weiß, wie schnelllebig der Fußball ist. Aber ich bin wirklich sehr froh, jetzt in Hoffenheim zu sein. Mir gefällt das Umfeld hier sehr gut, das Klima in der Mannschaft und im Verein ist einfach überragend - und wir sind erfolgreich. Ich habe also allen Grund, froh zu sein.

bundesliga.de: Sie mussten sich aber erst in die Mannschaft kämpfen.

Demirbay: Natürlich wollte ich gleich von Anfang an spielen. Aber auch als das zunächst nicht der Fall war, hatte ich nie Zweifel. Ich habe immer hart gearbeitet und tue das noch immer jeden Tag.

bundesliga.de: Sie mussten zwei Mal den Umweg über die 2. Bundesliga gehen, um nun in Hoffenheim mit 23 Jahren den Durchbruch in der Bundesliga zu schaffen. War es schwer für Sie, den Glauben zu bewahren, ein Erstligaspieler zu sein?

Demirbay: Es stimmt, es lief nicht immer so, wie ich mir das vorgestellt habe. Der Weg, den ich in der Vergangenheit gegangen bin, hat mich in vielerlei Hinsicht geprägt: in meiner Spielweise, in meinem Charakter. Ich wusste immer, dass ich Bundesliga kicken kann. Ich glaube, über die Frage - Packt er es in der Bundesliga, oder packt er es nicht? - sind wir jetzt hinweg. Für mich ist es nicht mehr so wichtig, was andere über mich sagen.

bundesliga.de: Hatten Sie nie Selbstzweifel?

Demirbay: Nein, aber der Weg über die 2. Bundesliga hat mich auf jeden Fall stärker gemacht. Ich habe meine Spielweise angepasst und bin effektiver geworden.

bundesliga.de: Sind Sie von der Position her eigentlich ein Zehner, ein Achter oder ein offensiver Sechser?

Demirbay: Das ist Ansichtssache. Ich kann auf der Doppelsechs, auf der Acht und auf der Zehn spielen. Als moderner, zentrale Mittelfeldspieler braucht man Stärken in der Offensive und der Defensive. Ohne das wird es heutzutage schwierig.

bundesliga.de: Warum haben Sie nun ausgerechnet in Hoffenheim den Durchbruch geschafft?

Demirbay: Ein funktionierendes Umfeld und das Vertrauen des Trainers sind sehr wichtig. Am Ende des Tages ist aber jeder für sich selbst verantwortlich. Man muss in jedem Training abliefern, sonst spielt man nicht. Und vor allem sollte man mit dem Erreichten nicht zufrieden sein.

bundesliga.de: Sie haben schon viele Trainer erlebt, was zeichnet denn den Trainer Julian Nagelsmann in Hoffenheim aus?

Demirbay: Er ist ein Trainer, der eine Linie verfolgt, der er zu einhundert Prozent treu bleibt. Ich fühle mich unter ihm sehr wohl und da spreche ich für alle, glaube ich. Es macht einfach jeden Tag Spaß mit ihm zu arbeiten. Die Art und Weise, wie er mit der Mannschaft umgeht, fördert die Spieler und schafft ein gutes Klima.

bundesliga.de: Es gibt zwei Überschneidungen in Ihrer Biographie mit Mesut Özil: Sie sind beide in Gelsenkirchen geboren und Ihre Familie stammt wie die Familie von Mesut Özil aus Devrek am Schwarzen Meer. Haben Sie sich dort schon getroffen?

Demirbay: Nein, wir sind uns in der Türkei noch nicht begegnet.

bundesliga.de: Wie Özil haben auch Sie einen starken linken Fuß. Angeblich stammt Ihre Stärke daher, dass Sie früher in Devrek auf dem Jahrmarkt Preise beim Preiskicken gewonnen haben.

Demirbay: (lacht). Oh, das sollte man nicht so hoch hängen. Man musste drei Elfmeter verwandeln, dann bekam man einen Preis. Irgendwann durfte ich nicht mehr mitmachen, weil ich immer gewonnen habe. Aber ganz ehrlich: Die Torhüter waren auch nicht so wirklich gut. Mein rechter Fuß ist aber übrigens auch nicht so schlecht, immerhin habe ich zwei meiner drei Tore in dieser Saison mit rechts erzielt.

bundesliga.de: Haben Sie Ihren rechten Fuß besonders trainiert?

Demirbay: (lacht) Nein, das ist Gottes Gabe.

bundesliga.de: Und wie arbeiten Sie an den Dingen, die von Gott nicht mit so viel Talent gesegnet wurden? Ihre Körpersprache zum Beispiel ist viel positiver geworden.

Demirbay: Man muss täglich an gewissen Dingen arbeiten, alleine schon deswegen, weil die Konkurrenz ja auch nicht stehen bleibt. Ich denke, es zahlt sich immer aus, wenn man hart arbeitet, nicht nur an seinen Schwächen, sondern auch an seinen Stärken.

bundesliga.de: Sie sind in Gelsenkirchen-Buer aufgewachsen, das ist traditionell Schalker Fangebiet. In türkischstämmigen Familien schlägt das Fußballherz aber immer noch für einen großen türkischen Verein.

Demirbay: Meine ganze Familie besteht aus Fenerbahce-Fans. Ich habe auch Sympathie für diesen Klub, aber ich bin da offener und finde auch die anderen großen Klubs aus der Türkei interessant.

bundesliga.de: Sie sind in Deutschland aufgewachsen, spielten aber für türkische Junioren-Nationalteams. Wie sind Sie da aufgenommen worden?

Demirbay: Ich hatte keine Sprachbarriere zu überwinden und wurde auch immer gut und respektvoll aufgenommen. Ich bin auch ein offener Typ, der mit jedem gut auskommt.

bundesliga.de: Jetzt stehen Sie vor der Frage, ob Sie für die türkische Nationalmannschaft spielen. Der türkische Nationaltrainer Fatih Terim hat Sie angesprochen. Sehen wir Sie bald im türkischen Nationaltrikot?

Demirbay: Sie dürfen spekulieren. Fakt ist: Ich habe die doppelte Staatsbürgerschaft beantragt und alles andere wird man sehen.

Video: Demirbays Traumtor überrascht Neuer & Co.

bundesliga.de: Am letzten Wochenende spielten Sie mit der TSG gegen den HSV (2:2), wo Sie in der ersten Mannschaft keine Chance bekommen haben. Jetzt ist das Spiel vorbei - ist jetzt vielleicht auch ein bisschen Spannung von Ihnen abgefallen?

Demirbay: Ich bin das Spiel angegangen, wie ein normales Spiel, in dem es drei Punkte zu gewinnen gibt. Besonders war es, weil ich habe mich gefreut, alte Mitspieler und Mitarbeiter vom HSV wieder zu sehen. Aber es war nicht so, dass ich mir gesagt habe: Das ist das Saison-Highlight für dich und jetzt musst du es allen beweisen.

bundesliga.de: Hoffenheim ist noch ungeschlagen, hat Tuchfühlung zur Spitzengruppe. Überrascht Sie dieser Erfolg?

Demirbay: Ganz ehrlich: Es überrascht mich nicht wirklich. Wir arbeiten täglich sehr hart und halten uns an einen gemeinsamen Plan. Und wir haben nicht nur 16 oder 17 starke Spieler, sondern einen ganzen Kader mit Persönlichkeiten, die alle voll mitziehen. Wir sind noch ungeschlagen, das spricht für das Trainerteam, für die Spieler und den ganzen Verein. Die erfolgreiche Saison bisher kommt sicher nicht von ungefähr. Aber es gilt auch auf dem Boden und realistisch zu bleiben.

bundesliga.de: Jetzt geht es am Samstag gegen Borussia Mönchengladbach.

Demirbay: Uns erwartet ein sehr, sehr guter Gegner. Aber wir sind auch ein unangenehmer Gegner, wir brauchen uns auch in Gladbach nicht zu verstecken. Ich glaube, das wird ein interessantes Spiel.

bundesliga.de: Sie sagen, wir brauchen uns nicht zu verstecken: Ist dieses Selbstbewusstsein durch die Erfolge gewachsen, oder hat der Trainer diese Mentalität von Anfang an gefördert?

Demirbay: Natürlich stecken wir im Moment voller Selbstbewusstsein aufgrund der guten Ergebnisse. Aber das heißt nicht, dass wir nun zufrieden sind. Es ist wichtig, immer gierig nach Erfolg zu bleiben. Dass nichts unmöglich ist, haben wir beim 1:1 bei den Bayern gesehen. Wir brauchen uns in der Bundesliga vor keinem Gegner zu verstecken, wir können auch in Gladbach unser Spiel durchsetzen.

bundesliga.de: War Ihr Tor und das Spiel in München bisher der Höhepunkt in Ihrer Laufbahn?

Demirbay: (lacht) Es war schon schön, dem weltbesten Torwart einen zu versenken, ohne dass der sich bewegt. Aber ich bin weiter gierig, ich will weiter Tore erzielen, Vorlagen geben und ich will mit Hoffenheim weiter Erfolg haben.

Das Interview führte Tobias Schächter.