Dortmund - An der Seitenlinie ist Jürgen Klopp die pure Emotion, sonst ein charmanter Plauderer. Aber wie erleben die BVB-Spieler ihren Meistertrainer Tag für Tag?

Mario Götze ist einer von Dortmunds "jungen Wilden", die in dieser Saison den Titel geholt und sich unter Jürgen Klopp in den Vordergrund gespielt haben.

Exklusiv für bundesliga.de gibt der 18-jährige Top-Scorer des BVB (sechs Tore, elf Vorlagen) Auskunft über seinen Trainer und erklärt, warum er am emotionalen Klopp auch die sachlich-ruhige Art zu schätzen weiß.

bundesliga.de: Mario Götze, Jürgen Klopp wird immer ein besonderes Händchen für junge Spieler nachgesagt. Unter ihm haben sich beim BVB Spieler wie Marcel Schmelzer, Sven Bender oder auch Sie in den Vordergrund gespielt. Wie haben Sie ihn erlebt?

Mario Götze: Bei mir war es so, dass ich mit 17 Jahren zur Profi-Mannschaft gekommen bin. Gerade in dieser Anfangszeit hat Jürgen Klopp mir als jungem Spieler sehr geholfen. Er hat am Anfang sehr viel mit mir gesprochen. Und alleine, dass er mir in den Spielen sein Vertrauen gegeben hat, war mir sehr wichtig und hat für mich viel bedeutet. Das ist das Wichtigste für jeden Spieler: Er muss das Vertrauen des Trainers spüren, und er muss regelmäßig spielen. Und Jürgen Klopp hat mich spielen lassen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

bundesliga.de: Jürgen Klopps Ansatz ist es, nicht Schwächen zu kritisieren, sondern die Stärken seiner Spieler zu fördern. Haben Sie das auch so erlebt?

Götze: Entscheidend ist die positive Ansprache unseres Trainers. Auch bei den Videoanalysen geht es, wenn Fehler angesprochen werden, niemals darum, einen einzelnen Spieler persönlich zu kritisieren, sondern ausschließlich darum, Situationen positionsbedingt zu erklären.

bundesliga.de: Spricht Jürgen Klopp generell viel mit den Spielern?

Götze: Das tut er in meinen Augen schon. Er sucht auch ab und zu das Einzelgespräch mit den Spielern. Aber das ist gar nicht das Wichtigste, das muss es gar nicht unbedingt immer sein. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie er mit der Mannschaft spricht. Das ist ein Verhältnis quasi wie mit einem Kumpel.

bundesliga.de: Was macht dieses Kumpelverhältnis aus?

Götze: Als Spieler spürst du das Vertrauen, das dir dein Trainer entgegenbringt. Das ist wichtig für deine Leistung und auch für deine Entwicklung insgesamt.

bundesliga.de: Woraus bezieht der "Kumpeltyp" Jürgen Klopp seine Autorität?

Götze: Das empfinde ich überhaupt nicht als Problem. Durch sein Fachwissen und durch seine Persönlichkeit besitzt er einfach sehr viel natürliche Autorität. Er weiß auch Privates und Berufliches sehr gut zu trennen. Wenn ein Spieler einen Fehler begangen hat, ist er für Jürgen Klopp deshalb kein schlechterer Mensch.

bundesliga.de: Jürgen Klopp gilt als großer Motivator - zurecht?

Götze: Er ist selber sehr begeisterungsfähig, allerdings auch sehr analytisch und rhetorisch überragend. Deshalb ist er in der Lage, unsere Mannschaft immer aufs Neue zu begeistern und zu fesseln.

bundesliga.de: Klopp gilt auch als ehrgeizig. Wie umgänglich ist der Trainer nach Rückschlägen?

Götze: Jürgen Klopp ist keiner, der in der Kabine rumtobt, er bleibt in der Regel immer sachlich und versucht, Hilfestellung zu leisten, er analysiert und macht konkrete Verbesserungsvorschläge. Rückschläge oder Niederlagen verarbeitet er sehr professionell. Er trägt das nicht lange mit sich herum.

bundesliga.de: Laut BVB-Boss Watzke ist Jürgen Klopp jemand, der "einen totalen Plan hat". Wie drückt sich das in der Trainingsarbeit aus?

Götze: Als Spieler hast du den Eindruck und die Gewissheit, dass nicht irgendetwas zufällig trainiert wird. Vielmehr kannst du den Sinn jeder Übung erkennen.

bundesliga.de: Steht aus Ihrer Sicht eher die Förderung der Individualität oder des Kollektivs im Vordergrund?

Götze: Einen guten Trainer wie Jürgen Klopp zeichnet beides aus. Um eine Mannschaft nach vorne zu entwickeln und besser zu machen, ist es notwendig, auch jeden einzelnen Spieler besser zu machen. Sein Hauptaugenmerk liegt zunächst einmal auf der Mannschaft und auf der Stärke der Defensive.

bundesliga.de: Wie schafft es Jürgen Klopp, Spielern Wertschätzung zu vermitteln, die nicht zur ersten Elf gehören?

Götze: Jeder weiß, dass zu einer guten und erfolgreichen Mannschaft viel mehr als elf Spieler gehören. Man hat nicht das Gefühl, fünftes Rad am Wagen zu sein, weil man spürt, dass unser Trainer nicht nur sagt, dass jeder gebraucht wird.

bundesliga.de: Hat sich Jürgen Klopp in dieser Meistersaison in irgendeiner Form verändert, wenn man mal von seinem zwischenzeitlichen Vollbart absieht?

Götze: Er ist eigentlich immer noch der Gleiche geblieben. Ich denke, jeder Mensch lernt immer etwas dazu, ganz gleich, ob durch Niederlagen oder auch durch Erfolge. Aber als Mensch ist er der geblieben, der er auch vor zwölf Monaten war.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte