Stuttgart - Es ist wahrlich eine schwere Zeit für Fredi Bobic. Woche für Woche muss der Sportdirektor des VfB Stuttgart der Öffentlichkeit erklären, wo denn jetzt genau die Gründe für den Absturz der Schwaben zu suchen sind. Das tat Bobic bislang mit einer beeindruckenden Sachlichkeit, wirkte stets gelassen und hatte offenbar volles Vertrauen in das Leistungsvermögen seiner angeschlagenen Mannschaft.

Am vergangenen Sonntag, nach der mehr als unglücklichen 2:4-Niederlage bei Bayer 04 Leverkusen, da redete der ehemalige Nationalstürmer allerdings Klartext. "Ab sofort haben wir nur noch Endspiele", sagte er und setzte somit seine Spieler gehörig unter Druck.

Hajnal erweist sich als Verstärkung

In der Tat bleiben dem VfB nur noch elf Partien, um dem drohenden Abstieg zu entrinnen. Das erste "Finale" steigt am kommenden Sonntag bei der ebenfalls kriselnden Frankfurter Eintracht. Da helfen der Mannschaft von Trainer Bruno Labbadia nur drei Punkte, und die Stuttgarter Chancen stehen dafür nicht einmal so schlecht, auch wenn sich das im Augenblick etwas merkwürdig anhört. Festzuhalten ist aber: Der VfB zeigte sowohl beim Europa-League-Auftritt bei Benfica Lissabon als auch in Leverkusen eine mehr als ordentliche Vorstellung.

Letztlich sind es die kleinen Dinge, die Labbadia und Co. Hoffnung machen. So hat sich die Verpflichtung des kleinen Ungarn Tamas Hajnal bereits als richtig erwiesen. Der ehemalige Dortmunder hat sich schon nach wenigen Wochen im VfB-Dress zum Dreh- und Angelpunkt der Stuttgarter Offensivbemühungen entwickelt.

Besonders seine technischen Fähigkeiten tun dem zuvor doch recht holprigen Spiel des VfB gut. Und dass Hajnal ein Mann der feinen Pässe ist, weiß man nicht erst seit seinem Zuspiel auf Martin Harnik, das dieser zum 1:1-Ausgleich in Leverkusen versenkte.

"Alle nötigen Tugenden an den Tag gelegt"

Apropos Harnik. Was der Angreifer derzeit für den VfB leistet, ist außergewöhnlich. Trotz nicht immer bester Anspiele hat Harnik mittlerweile in der Bundesliga bereits sieben Mal getroffen und so einen großen Anteil daran, dass der VfB überhaupt noch auf die Rettung hoffen darf.

Hinzu kommt, dass sich auch punkto Mentalität und Einstellung einiges bei den Schwaben getan hat. Das bestätigte auch Harnik nach dem Spiel in Leverkusen: "Wir können uns nicht die Einstellung absprechen, haben alle Tugenden an den Tag gelegt, die in so einer Situation notwendig sind."

Ziegler für Ulreich zwischen die Pfosten

Fakt ist aber auch, dass dem VfB schlichtweg die Punkte fehlen. Der Hauptgrund dafür ist sicherlich die hohe Anzahl an Gegentreffern. "Zurzeit ist bei uns jeder Ball drin", beklagte Labbadia jüngst. Sage und schreibe 47 Tore hat sich der VfB in mittlerweile 23 Bundesliga-Spielen eingefangen. Das bedeutet Platz 3 in der Liga - von unten, nur Gladbach und die Bremer sind noch schlechter.

Als Konsequenz daraus wird Labbadia in den kommenden Spielen auf Marc Ziegler setzen, die bisherige Nummer eins, Sven Ulreich, rückt ins zweite Glied. "Die Abwehr hat nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich habe zuerst Sven über den Wechsel informiert und danach Marc. Ich denke, das war ein faires Vorgehen", sagte Labbadia am Mittwoch. Von dem 34 Jahre alten Ziegler erhofft sich der VfB-Trainer "mehr Stabilität", nahm Ulreich jedoch ausdrücklich in Schutz: "Er ist nicht allein der Schuldige, und ich habe großen Respekt vor ihm."

Vor dem Europa-League-Rückspiel gegen Lissabon (Do., ab 20:50 Uhr im Live-Ticker) hat Labbadia seinen Akteuren noch einmal klar gemacht, dass auch der internationale Auftritt eine große Wertigkeit besitzt. "Natürlich ist die Bundesliga für uns im Moment wichtiger, aber die Mannschaft hat lange dafür gearbeitet, so weit in der Europa League zu kommen", sagte Labbadia: "Der Fokus liegt jetzt auf dem Spiel gegen Benfica, danach konzentrieren wir uns auf das Spiel in Frankfurt." Und darauf, endlich auch in der Defensive die für die Rettung notwendige Sicherheit zu zeigen.

Jens Fischer