Diesmal sind die Vorzeichen anders, wenn am Samstagabend Bayern München und Borussia Dortmund zum Topspiel gegeneinander antreten. Die Bayern sind Tabellenführer, der BVB steht nach zuletzt vier Niederlagen in Folge nur auf Platz 15, mit einem Rückstand von 14 Punkten auf den Rekordmeister.

Vor dem Klassiker spricht Karl-Heinz Riedle, Weltmeister von 1990 und mit Borussia Dortmund Champions-League-Sieger und Deutscher Meister, im Interview mit bundesliga.de über die komplizierte Situation der Borussia und ihre Chancen in München.

bundesliga.de: Am Samstagabend steigt das Topspiel zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. In diesem Jahr sind die Vorzeichen etwas anders, da der BVB tief im Tabellenkeller steckt. Ist es dennoch ein Duell auf Augenhöhe was die Qualität der beiden Mannschaften betrifft?

Karl-Heinz Riedle: Von der Qualität her sicherlich, vom Tabellenplatz nicht. Auf dem Papier wäre es eine klare Angelegenheit für die Bayern. Aber so kann man das nicht ganz stehen lassen. Borussia Dortmund hat seine Probleme, die Tore zu machen und die Spiele für sich zu entscheiden vor allem in der Bundesliga. Aber wenn man grundsätzlich die Qualität in der Champions League sieht, dann denke ich schon, dass Dortmund eine Chance hat, wenn die Mannschaft einen richtig guten Tag erwischt. Wenn sie an die Leistung der ersten Halbzeit im Pokalspiel in St. Pauli anknüpfen können, haben sie eine realistische Chance, in München etwas zu holen.

bundesliga.de: Worin liegt das größte Problem der Borussia? Ist es inzwischen vor allem ein mentales Problem?

Riedle: Schwer zu sagen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass wir zu meiner aktiven Zeit auch einmal bei Werder Bremen so eine Phase hatten, in der es im Europapokal super gelaufen ist, aber in der Bundesliga gar nicht. Wir haben die Kiste einfach nicht getroffen. Das ist der Wahnsinn. Es hängt an Kleinigkeiten, einem Pfostenschuss. Beim BVB  war es auch so. Wenn der Kopfball von Mats Hummels im letzten Spiel reingeht, läuft das Spiel komplett anders. Am Schluss ist es vielleicht schon eine mentale Sache. Man sucht nach Gründen.

bundesliga.de: Könnte das Spiel in München dann sogar eine Chance für den BVB, weil er dort nicht Favorit ist?

Riedle: Das sehe ich auch so. Die Bayern kommen jetzt eigentlich zum richtigen Zeitpunkt für Dortmund. Sie haben jetzt kein Spiel gegen einen Gegner, der ganz kompakt hintendrin steht. Gegen solche Mannschaften tun sie sich im Moment schwer. Aber gegen einen Gegner auf Augenhöhe werden die Chancen für die guten Dortmunder Konterspieler da sein.

bundesliga.de: Nach den Bayern trifft Dortmund auf den nächsten Brocken, Borussia Mönchengladbach. In den Spielen kann der BVB seine Aufholjagd starten und gegen vermeintlich direkte Konkurrenten punkten. Er kann aber auch noch tiefer unten reinrutschen und auf einem Abstiegsplatz landen.

Riedle: Es sind sich alle bewusst, dass das Programm nicht einfach ist. Normal ist in München wenig zu holen. Aber eine Chance ist da. Auch Gladbach ist stark. Das werden zwei entscheidende Spiele sein.

bundesliga.de: Was kann Jürgen Klopp jetzt machen? Muss er etwas ändern oder wird der Erfolg irgendwie von selbst wieder kommen?

Riedle: Man hat ja gesehen, dass er sehr engagiert dabei ist. Er wird sicher viele Einzelgespräche geführt und Videoanalysen gemacht und dabei gezeigt haben, woran es fehlt. Aber die Situation ist nicht so einfach. Er muss schauen, dass die Jungs mental auf der Höhe sind. Fußballerisch haben sie nichts verlernt. Es fehlt an Kleinigkeiten, deshalb glaube ich nicht, dass er arg viel in seinen ganzen Abläufen ändert.

bundesliga.de: Kommen wir auf die Bayern zu sprechen. Die hatten vor der Saison selbst erwartet, dass es kompliziert werden könnte. Nun dominieren sie wieder wie gewohnt. Wie beeindruckt sind Sie?

Riedle: Das ist wirklich beeindruckend, gerade auch der Auftritt in der Champions League beim AS Rom. Das war Fußball von einem anderen Stern. Auf die ganze Saison gesehen scheinen sie nicht schlagbar zu sein. Sie haben einen super Kader und eine tolle Mannschaft. Aber in einem Spiel ist immer alles möglich. Deshalb würde ich den BVB nie abschreiben.

bundesliga.de: Für die Meisterschaft dürfte es aber ziemlich eng werden.

Riedle: Das ist klar. Sie müssen gucken, dass sie wieder in Tritt und trotz alledem noch eine gute Platzierung hinkriegen.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass Mannschaften wie Mönchengladbach oder Wolfsburg noch an den Bayern dranbleiben können?

Riedle: Ich glaube, dass Bayern mit dem Kader und wenn dann mal wieder alle Mann an Bord sind, sicherlich schwer zu schlagen sein wird. Wolfsburg und Gladbach haben sicher auch gute Mannschaften. Aber ob sie bis zum Ende mithalten können, lasse ich mal dahingestellt sein.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski