München - Guter Wein und Torhüter sind vergleichbar. Diese Weisheit galt in Fußballdeutschland bis vor wenigen Jahren als unumstößlich. Sollte heißen: Je älter ein Keeper ist, desto besser hält er Bälle. In Zeiten, in denen die Nationalkeeper Maier, Köpke, Kahn oder Lehmann hießen, gab es nie einen Grund, diesen Leitsatz zu hinterfragen. Alle hüteten das Tor der Nationalelf bis in ihre Dreißiger hinein. Doch dann kam ein Neuer, genauer gesagt Manuel Neuer.

Nachdem sich Konkurrent Rene Adler verletzt hatte, avancierte Neuer bei der WM 2010 mit 24 Jahren zur neuen Nummer eins im deutschen Tor. Sein Status ist seitdem unumstritten. Das Ausnahmetalent läutete eine neue Ära an - und ebnete einer ganzen Generation talentierter Torhüter in der Bundesliga den Weg.

"Den alten Spruch können Sie inzwischen vergessen"

Keeper wie Gladbachs Marc-Andre ter Stegen (19), Stuttgarts Sven Ulreich (23), Leverkusens Bernd Leno (19) oder der Freiburger Oliver Baumann (21) stehen allesamt noch am Anfang ihrer Karriere.

Alle sind aber schon Stammspieler in ihren Vereinen. In der laufenden Hinrunde betrug das Durchschnittsalter aller eingesetzten Torhüter nur 25,9 Jahre. Lediglich sechs Clubs setzten auf Stammkeeper, die ihr 30. Lebensjahr bereits erreicht haben (Hoffenheim, Mainz, Bremen, Hamburg, Dortmund, Augsburg).

Das kommt nicht überraschend. Bundestorwarttrainer Andreas Köpke sagt: "Den alten Spruch mit dem besten Torwartalter ab 30 können Sie inzwischen vergessen." Die jungen Keeper genießen heute eine andere Ausbildung als ihre Vorgänger. Von klein auf werden sie an das moderne Torwartspiel herangeführt, bei dem der Keeper hoch steht und quasi als elfter Feldspieler den Libero gibt. Sauberes Passspiel und das Auge für die Spieleröffnung gehören heutzutage ebenso zum Anforderungsprofil eines Torwarts wie gute Reflexe auf der Linie und ein guter Abschlag.

35 Jahre als magische Grenze

Aus den ersten Jahrgängen, die diese Sozialisation von Kindesbeinen an genossen haben, sind inzwischen einige als Leistungsträger in der Bundesliga angekommen. Vergleicht man die Altersstruktur der Bundesliga-Keeper mit der vor zehn Jahren (Bild 1), wird deutlich: Die Keeper bekommen in jungen Jahren sehr viel mehr Einsatzzeit als vor einem Jahrzehnt. Die 21-Jährigen beanspruchen dabei prozentual die meisten Spielminuten für sich.

Älter als 35 ist heute keiner mehr, in der Saison 2001/02 hüteten hingegen noch sehr viele Routiniers die Tore der Liga. Aktuell der älteste eingesetzte Keeper ist Augsburgs Simon Jentzsch mit 35,5 Jahren. Zehn Jahre zuvor sprang der knapp 39-Jährige Perry Bräutigam noch als ältester Keeper für Rostock nach Bällen.

Erfahrene Abwehrspieler weiterhin gefragt

Ganz so drastisch hat sich die Altersstruktur auf den Positionen vor dem Torhüter nicht verändert. In der Abwehr sind erfahrene Profis weiterhin en vogue (Bild 2). Auch hier geht die Tendenz aber dahin, dass Spieler in jüngeren Jahren bereits mehr Einsatzzeit bekommen.

Die erfahrenen Abwehrspieler im Alter zwischen 27 und 28 stehen aber wie vor zehn Jahren im Schnitt am längsten auf dem Feld. Dieses Alter hat Hasan Salihamidzic lange hinter sich. Der Wolfsburger ist heute das, was Jürgen Kohler vor zehn Jahren war: der älteste eingesetzte Verteidiger der Saison. Mit seinen knapp 35 Lenzen ist "Brazzo" allerdings anderthalb Jahre jünger, als es "der Kokser" in der Saison 2001/02 war.

Dass gestandene Profis gerade im Defensivbereich wichtig sind, musste der FC Bayern in der Vorsaison beim Champions-League-Aus gegen Inter Mailand schmerzlich erfahren. Nach der Niederlage gegen Cambiasso und Co. meinte Bayern-Profi Thomas Müller: "Abgewichster sind die sicherlich. Die haben Leute da drin, die mehr Haare auf dem Rücken haben als auf dem Kopf."

Andreas Messmer

Wie die Altersstruktur bei den Stürmern und Mittelfeldspielern aussieht, lesen Sie in den kommenden Tagen auf bundesliga.de.