Köln - Für Julian Baumgartlinger und seine Kollegen von Mainz 05 geht ein hartes Trainingslager am Genfer See zuende. Im noblen Hotelresort Ermitage in Evian-les-Bains auf der französischen Seite des Sees, wo im nächsten Jahr auch die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft während der EM in Frankreich ihr Quartier aufschlagen wird, fanden die Mainzer beste Bedingungen vor. In den Testspielen gab es ein 1:1 gegen St. Etienne und ein 1:5 gegen Monaco. In den intensiven Trainingseinheiten ging Trainer Martin Schmidt in schnellkraftfördernde Spielformen über.

Nach einer harten Einheit lobte der Schweizer seine Spieler mit den Worten: „Es macht Spaß, euch zu knechten.“ Der österreichische Nationalspieler Julian Baumgartlinger, 26, redete zwischen zwei Trainingseinheiten mit bundesliga.de über die Aussichten der Mainzer in der kommenden Runde, warum er im Frühjahr seinen Vertrag um vier Jahre verlängert hat und warum die Bundesliga die ausgeglichenste Liga Europas ist.

bundesliga.de: Julian Baumgartlinger, Sie erlebten ihr erstes Trainingslager mit Martin Schmidt. Wie ist es so?

Julian Baumgartlinger: Martin Schmidt ist bei jedem Training mindestens so emotional dabei wie wir Spieler, er ist sehr engagiert, redet sehr viel, er wird auch mal laut, aber nie negativ, er puscht eher. Es ist ein sehr intensives Trainingslager, eines der intensivsten der letzten Jahre. Martin puscht uns ans Limit.

bundesliga.de: Bei den Einheiten hat man den Eindruck, der Trainer lässt nie locker und treibt euch an.

Baumgartlinger: Martin hat uns ja ihm Februar von Kasper Hjulmand übernommen, der ein komplett anderer, sehr ruhiger Trainertyp ist. Hjulmand hat sich auf wenige Anweisungen beschränkt und hatte auch eine andere Spielphilosophie, die sich eher auf Ballbesitz und Passspiel stützte. Martin hat deshalb schon Ende der vergangenen Runde damit angefangen, präsenter und aktiver zu sein. Und jetzt, zum Start in die neue Saison, hat er mit den neuen Spielern noch einmal zugelegt. Es ist auch wegen der Spielphilosophie mit Gegenpressing förderlich, wenn da einer da ist, der dich pusht, und dir das Gefühl gibt, du musst beim Ballverlust gleich wieder da sein wie ein Stromschlag. Er ist an der Außenlinie immer dabei.

"Die Konkurrenz ist größer geworden"

bundesliga.de: Die Ergebnisse der Trainingsspiele werden aufgeschrieben. Bekommt ihr da schon ein Feedback und ist das eine Möglichkeit, um eine Winner-Mentalität in die Mannschaft zu bekommen?

Baumgartlinger: Wir haben jetzt noch keine Auswertungen bekommen, das kann aber irgendwann sein. Aber man merkt bei Martin schon: Es geht in jedem Spiel ums Ergebnis. Martin hat das auch angesprochen, man trainiert nicht nur, man will auch gewinnen.

bundesliga.de: Was gab den Ausschlag, Ihren auslaufenden Vertrag bei Mainz 05 nach langen Überlegungen im Frühjahr um weitere vier Jahre zu verlängern?

Baumgartlinger: Grundsätzlich wollte ich eine so weitreichende Entscheidung nicht so schnell treffen. Ich bin 27 und erstmals auch ablösefrei gewesen, da denkt man schon darüber nach, was will ich, was habe ich. Diese Situation war schön, aber am Ende auch belastend. Der Trainerwechsel war dann schon eine Signalwirkung, die Spielweise wurde wieder an den Charakter der Mannschaft angepasst. Die Gespräche mit Martin Schmidt und Manager Christian Heidel waren sehr positiv. Langfristig unterschrieb ich deshalb, weil ich eine gewisse Planungs- und Zukunftssicherheit wollte. Das Umfeld ist sehr angenehm in Mainz, hier verliert niemand die Nerven, wenn es mal schlechter läuft. Auch in der Mannschaft ist das Klima sehr gut, die Truppe ist sehr charakterstark. Das hat eine große Rolle bei meiner Entscheidung gespielt.

bundesliga.de: In Shinji Okazaki und Johannes Geis verließen zwei Stammspieler die Mannschaft, bislang kamen sieben neue Profis dazu. Wie ist Ihr Eindruck vom neuen Kader?

Baumgartlinger: Die neuen Spieler machen einen sehr guten Eindruck, auch in für sie unbekannten und schwierigen Trainingsformen sind sie nicht abgefallen, ganz im Gegenteil. Das ist nicht immer üblich. Das beweist mir noch einmal, mit meiner Vertragsverlängerung richtig gelegen zu haben. Wir haben jetzt viele Spieler, die perspektivisch über die nächsten Jahre sich entwickeln können. Es ist ein Kader, der in der Breite gewachsen ist, die Altersstruktur ist mit Mitte 20 sehr gut. Wir haben uns toll verstärkt, auch die Konkurrenz ist größer geworden, gerade auf meiner Sechser-Position, wo Fabian Frei und Danny Latza schon gezeigt haben, was sie draufhaben. Ich sehe kein Problem darin, dass alle Positionen doppelt besetzt sind, die Konkurrenzsituation treibt eher an, als dass sie hemmt.

"Vorzeichen für einen guten Start sind sehr gut"

bundesliga.de: Die Ambitionen wachsen also in Mainz, sonst hätten Sie als österreichischer Nationalspieler wohl auch nicht so lange verlängert, oder?

Baumgartlinger: Es hat sich abgezeichnet, das Shinji Okazaki und Johannes Geis nicht bleiben werden. Aber Yunus Malli hat im Frühjahr schon verlängert, ein sehr junger, entwicklungsfähiger Spieler, die Innenverteidigung blieb gleich, wir haben ein gutes Gerüst, das zusammen geblieben ist. In den letzten Jahren verließen uns immer vier, fünf Stammspieler, dieses Jahr ist der Bruch nicht so krass. Wir müssen unsere Mentalität und Philosophie noch mehr verfeinern, dann sind wir eine konkurrenzfähige Mannschaft. Ich glaube, die Vorzeichen für einen guten Start sind sehr gut.

bundesliga.de: Sie bildeten mit Johannes Geis in der vergangenen Runde die Doppelsechs. Verändert sich Ihr Spiel durch den Weggang Ihres Partners?

Baumgartlinger: Das ist eventuell schon so. Es ist ja vielleicht auch gar nicht so schlecht, dass wir im Zentrum nun variabler werden müssen. Es gab schon eine klare Verteilung: Johannes zog sich zwischen die Innenverteidiger zurück und baute das Spiel mit seinen langen Pässen auf, ich spielte davor. Das war gut, weil die Rollenverteilung klar war. Vielleicht wird man so aber auch ein bisschen ausrechenbar. Jetzt haben wir Spieler auf der Position, die auch auf der Sechs und auf der Acht, spielen können - und wir können sehr variabel mi der Doppelsechs, mit einfacher Sechs oder mit Raute im Mittelfeld spielen. Ich denke, das fördert eine Weiterentwicklung unserer Spielweise.

bundesliga.de: Das heißt, es ist nicht zementiert, dass Mainz mit einer Doppelsechs spielt?

Baumgartlinger: Nein, ich denke, der Trainer will auch, dass wir in verschiedenen Systemen spielen und dadurch unausrechenbarer werden. Es hilft uns, denke ich, dass wir nicht nur ein System gegen alle Widerstände und Gegner durchdrücken müssen.

"Ingolstadt wird ein sehr unangenehmer Gegner sein"

bundesliga.de: Zum Saisonauftakt geht es wieder gegen einen Aufsteiger, zuhause gegen Ingolstadt.

Baumgartlinger: Ja, das ist eher undankbar. Im letzten Jahr mussten wir in Paderborn ran, das war auch unangenehm, die haben ein richtig gutes Spiel gemacht. Ingolstadt wird ein sehr unangenehmer Gegner sein. Wir werden aber versuchen, unsere Heimstärke und unsere Mentalität zu zeigen, dann sind wir auch ein unangenehmer Gegner.

bundesliga.de: In der österreichischen Nationalmannschaft stehen viele Spieler, die in der Bundesliga erfolgreich sind. Ist das auch ein Grund für den Aufschwung, Ihr seid auf dem Weg, euch für die EM in Frankreich zu qualifizieren?

Baumgartlinger: Die Bundesliga ist auch deshalb so stark, weil nicht nur am Wochenende in den Spielen der Konkurrenzkampf so groß ist, sondern auch in den Kadern unter der Woche im Training. Wir haben sehr viele Stammspieler, die sich in der Bundesliga auf höchstem Niveau Tag für Tag beweisen müssen. Das hat die österreichische Nationalmannschaft extrem weitergebracht.

bundesliga.de: Viele Spieler und Trainer sagen, die Spiele in der Bundesliga werden in jeder neuen Saison nur immer noch intensiver, wie ist Ihr Eindruck?

Baumgartlinger: Auch aus meiner Sicht hat die Leistungsdichte in den letzten zwei, drei Jahre noch einmal zugenommen. Fast alle Mannschaften - außer den absoluten Topteams - können unabhängig vom Budget in den Abstiegskampf kommen.

bundesliga.de: Liegt das auch daran, dass es viele Mannschaften gibt, die mittlerweile dieses intensive Gegenpressing spielen?

Baumgartlinger: Die Liga bleibt nicht stehen in der Entwicklung der Systeme und Spielweisen in Deutschland. Es gibt Ligen, die sich modernen Ansätzen eher verschließen. Meiner Meinung nach ist Deutschland auch Weltmeister geworden, weil alle Klubs und Trainer immer auf dem neuesten Stand sind. Die Trainer sind sehr innovativ und modern, hier wird schon überlegt, was vielleicht nach dem Gegenpressing kommt. Weil viele Teams Wert auf die Balleroberung legen, ist das Spiel auch unberechenbarer und so spannender geworden. Auch die Zahl der intensiven Sprints gerade auf den Außenbahnen hat extrem zugenommen. Auch auf der Sechser-Position werden diese Sprints immer mehr. Eine große Stärke von Deutschland ist auch, dass jungen Trainern und jungen Spielern eine Chance gegeben wird. Die Jugendmannschaften spielen mittlerweile so dynamisch und modern wie Männerteams. Das alles macht es für mich aus, dass Deutschland die ausgeglichenste Liga Europas hat.

Das Gespräch führte Tobias Schächter