München - Sechs Jahre hat er für die Bayern gespielt, sechs Jahre für den BVB - und er weiß, wie es ist, im Berliner Olympiastadion den DFB-Pokal in die Luft zu recken: Michael Rummenigge erinnert sich bei bundesliga.de an faszinierende Momente und nimmt die beiden Endspiel-Gegner unter die Lupe.

Drei Mal wurde der jüngere der Rummenigge-Brüder mit dem FC Bayern Deutscher Meister - den Pokal gewann er sowohl mit den Münchnern als auch mit dem BVB. Im Gespräch mit bundesliga.de blickt der 48-Jährige zurück auf dramatische Pokalmomente und Gänsehaut-Feeling. Michael Rummenigge erklärt, warum die Dortmunder mit Vorteilen in das Finale am Samstag gehen - und warum die Bayern einen Double-Gewinn des Meisters unbedingt verhindern wollen.

bundesliga.de: Michael Rummenigge, wie fühlt es sich an, wenn man im Pokalfinale den entscheidenden Elfmeter versenkt?

Michael Rummenigge: Sehr schön! Das Pokalfinale gegen Gladbach war das letzte Spiel meines Bruders für die Bayern, bevor er zu Inter Mailand wechselte. Für mich war es damals im Mai 1984 mit 20 Jahren der erste große Titel. Eigentlich sollte ich nicht schießen, aber es ging immer weiter. Lothar Matthäus, der dann zu den Bayern wechselte, hatte damals für Gladbach den ersten Elfmeter verschossen. Dann kam irgendwann mein Bruder auf mich zu und sagte "Wenn der nächste verschießt, dann nimm dir die Pille und schieß einfach." Das war nicht abgesprochen mit unserem Trainer Udo Lattek. Bei Gladbach stand damals Uli Sude im Tor. Ich war noch gar nicht ganz am Ball, da lag Uli schon in der Ecke. Ich konnte gar nicht mehr daneben schießen und habe ihn schön in die Ecke geschoben. Und dann brachen alle Dämme.

bundesliga.de: Erst seit 1985 werden die Endspiele dauerhaft in Berlin ausgetragen - und auch da standen Sie mit den Bayern im Finale gegen Bayer Uerdingen.

Rummenigge: Wir waren haushoher Favorit, sind in dem Jahr auch Meister geworden. Ich habe zunächst auf der Bank gesessen und dann von außen mit angesehen, wie wir durch Dieter Hoeneß in Führung gegangen sind und dann später Wolfgang Schäfer das Siegtor für Uerdingen gemacht hat. Ich bin noch eingewechselt worden, aber wir konnten das Spiel nicht mehr drehen. Bayer Uerdingen war der erste Sieger in diesem deutschen Tempel. Das war übrigens eine der besten Ideen, die der DFB je gehabt hat, dieses Endspiel dauerhaft nach Berlin zu vergeben.

bundesliga.de: Was macht denn die Faszination in Berlin aus?

Rummenigge: Es herrscht dort ein ganz besonderes Flair. Alle freuen sich immer wieder darauf. Die Spieler wollen es dorthin schaffen und die Fans sind heiß darauf, nach Berlin zu fahren. Wenn man dort spielt, zwischen diesen beiden großen Fan-Lagern, dann ist das einfach eine tolle Stimmung. Als ich 1989 mit dem BVB den Pokal gewonnen habe, war es unglaublich, was für eine Begeisterung schon in Berlin geherrscht hat. Das war echtes Gänsehaut-Feeling.

bundesliga.de: Zuvor waren Sie dort mit dem FC Bayern auch schon erfolgreich.

Rummenigge: 1986 sind wir erst glücklich Deutscher Meister geworden und haben dann mit einem 5:2-Erfolg über Stuttgart den Pokal gewonnen. Ich denke, dieses Finale war eines meiner besten und größten Spiele, das ich je für Bayern München gemacht habe. Drei Mal habe ich für Roland Wohlfahrt aufgelegt, zwei Mal selbst getroffen.

bundesliga.de: Wenn man diesen Sieg 1986 mit dem Triumph mit dem BVB 1989 vergleicht - was war anders?

Rummenigge: Mit Bayern München ist man immer Favorit. Da wird immer erwartet, dass man eine gute Rolle spielt und etwas gewinnt. Mit Borussia Dortmund waren wir damals eine echte No-Name-Mannschaft und konnten in der Meisterschaft nichts reißen. Aber wir waren eine verschworene Truppe. Und je weiter wir kamen im Pokal, desto mehr haben wir uns gesagt, dass wir unbedingt nach Berlin wollen. Dann kam das große Spiel, der Rückstand durch Bremens Riedle und der große Auftritt von Nobby Dickel. Es war ein unglaubliches Erlebnis, weil dieser Sieg eben alles andere als selbstverständlich war. Der BVB hatte 23 Jahre keinen Titel gewonnen.

bundesliga.de: Ist Ihnen dieser Pokalsieg mit dem BVB mehr wert als die anderen Erfolge?

Rummenigge: Für mich persönlich war natürlich auch der Erfolg 1986 eine tolle Erfahrung. Aber als Gesamtleistung der Mannschaft war dieser Sieg 1989 eine enorme Geschichte. Und der BVB hat ja seither den Pokal auch nicht mehr gewinnen können.

bundesliga.de: 1986 sind Sie mit den Bayern Double-Sieger geworden. War das vor dem Pokalfinale auch ein Thema für die Mannschaft?

Rummenigge: Das hat man im Hinterkopf, weil man damit Geschichte schreiben kann. Zu dem Zeitpunkt damals hatten auch lediglich einmal der 1. FC Köln und einmal die Bayern das Double gewonnen. Wir waren erst die dritte Mannschaft, die es geschafft hat, und entsprechend fokussiert man sich darauf. In seiner Laufbahn das Double zu gewinnen, ist etwas Außergewöhnliches.

bundesliga.de: Trauen Sie es dem BVB zu, in diesem Jahr auch erstmals das Double zu holen?

Rummenigge: Der FC Bayern ist vielleicht mit einem Gedanken schon im Champions-League-Finale. Aber ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, dass sich die Bayern vom BVB fünf Mal in Folge schlagen lassen wollen. Das hat es noch nie gegeben. Ich hoffe auf ein richtig tolles Finale.

bundesliga.de: Sehen Sie das Spiel auch als Duell auf Augenhöhe?

Rummenigge: Betrachtet man den Hintergrund, die Erfolgsgeschichte der Bayern in Deutschland und Europa, die Reputation und die finanzielle Situation, dann ist es das nicht. Aber sportlich ist es das sicherlich schon. Der letzte Sieg der Dortmunder war etwas glücklich, wenn man nur an den verschossenen Elfmeter von Robben denkt. Da wäre auch ein Unentschieden möglich gewesen und das zeigt die Ausgeglichenheit der beiden Clubs zurzeit. Insofern ist es ein Duell auf Augenhöhe.

bundesliga.de: Wenn man die Mannschaften miteinander vergleicht - wo sehen Sie für welches Team Vorteile?

Rummenigge: Die Bayern verfügen über mehr Erfahrung. Und sie haben zwei, drei Weltklassespieler in ihren Reihen mit Robben, Ribery und Schweinsteiger. Die Dortmunder verfügen eher über jugendliches Know-How und haben sich in den letzten zwei Jahren in einen regelrechten Rausch gespielt. Bei ihnen wächst Weltklasse heran. Spieler wie Götze, Hummels oder demnächst Reus haben das Potenzial dazu, sich zur Weltklasse zu entwickeln. Und dann wächst auch in der Bundesliga auf Dauer ein ernsthafter Konkurrent für die Bayern heran.

bundesliga.de: Die individuelle Qualität liegt zurzeit noch auf Seiten der Bayern. Wiegt dies aber am Ende womöglich das Dortmunder Kollektiv auf?

Rummenigge: Wenn man Mann für Mann vergleicht, sehe ich den FC Bayern im Moment noch leicht im Vorteil, aber die mannschaftliche Geschlossenheit spricht für Borussia Dortmund. Und zwar unabhängig davon, wer gerade spielt. Die Ersatzbank des BVB ist immer besser und stärker geworden. Jetzt hat diese Mannschaft die große Chance, das Double zu gewinnen, die Spieler sind richtig hungrig. Sie haben danach auch kein Champions-League-Finale mehr vor der Brust. Das alles könnte am Ende ein Vorteil für die Borussia sein.

bundesliga.de: Sie haben den Hunger auf Erfolge angesprochen. Jürgen Klopp sagt über sein Team selbst, dass die Gier nach Erfolg der größte Antrieb ist. Sind die Dortmunder gieriger als die Bayern?

Rummenigge: Die Bayern haben natürlich Spieler in ihrer Mannschaft, die schon einige Male Meister geworden sind und Titel errungen haben. Für sie ist es an erster Stelle wichtig, jetzt die Champions League zu gewinnen. Auf der anderen Seite wollen sie sich nicht die Blöße geben, zum fünften Mal in Folge gegen den BVB zu verlieren. Zudem werden die Bayern in Berlin mit der besten und stärksten Besetzung antreten. Also auch mit den Spielern, die im Finale der Champions League gesperrt sind. Sie werden sicher besonders heiß sein, selbst auch ihren Teil zu einem Titel beizutragen. Am Ende hoffe ich einfach auf echte Werbung für den deutschen Fußball.

bundesliga.de: Wagen Sie noch einen konkreten Tipp für das Endspiel?

Rummenigge: Das ist für mich aus familiärer Sicht immer etwas heikel. Ich sage es mal so: 2:2 nach Verlängerung, und im Elfmeterschießen soll der Glücklichere gewinnen. Vor allem möchte ich aber ein tolles Spiel sehen und gerne auch viele Tore.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte