Berlin - Ein letztes Foto mit einem Fan, ein allerletztes Autogramm – um kurz vor fünf Uhr in der Frühe stieg Jürgen Klopp mit Ehefrau Ulla in den Wagen und verschwand in die aufgehende Berliner Morgensonne.

Die Pokalparty des BVB im Kreuzberger Kraftwerk in den Stunden zuvor war eher eine Abschiedsfeier  - ohne Pott, ohne letzten Triumph, ohne Happy End. Dafür mit ganz viel Wehmut. Und der Gewissheit, dass die Ära Klopp in Dortmund jetzt tatsächlich vorbei ist.

"Ich muss vielen Leuten Danke sagen"

Oft hatte Jürgen Klopp in der Vergangenheit gezeigt, dass in ihm auch ein kleines Partymonster steckt. Tanzen bis zum Abwinken, Spaß pur. Dieses Mal war es anders. Der scheidende Trainer mied die Tanzfläche, war ruhiger als sonst, suchte nach dem Spiel im Kraftwerk lieber das Gespräch mit Menschen, die ihm in den vergangenen sieben Jahren ans Herz gewachsen sind. (Infografik: Jürgen Klopp beim BVB) Zumindest das wollte er sich nicht nehmen lassen in dieser letzten gemeinsamen Nacht, "weil ich vielen Leuten Danke sagen muss."

Noch einmal "Echte Liebe"

So wie zuvor auf dem Rasen dieses Endspiels, das so bitter endete. Zum dritten Mal in Folge hatte Jürgen Klopp die Borussia in ein Finale geführt, zum dritten Mal jubelten am Ende die anderen. Unmittelbar mit dem Schlusspfiff hatte Jürgen Klopp die Hand auf das BVB-Emblem seiner Trainingsjacke gelegt, seine Liebe und Dankbarkeit zu diesem Verein und diesen Fans demonstriert.

Und die Anhänger forderten ihren Trainer. "Jürgen Klopp"-Sprechchöre hallten durchs Olympiastadion. So laut, dass es dem 47-Jährigen noch einmal die Tränen in die Augen trieb. Wunderschön sei dieser Applaus gewesen, bekannte er später – "aber trösten kann dich in so einem Moment nichts."

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Die Hände tief in den Taschen vergraben, die Kappe ins Gesicht gezogen und die Lippen schmal aufeinander gepresst, war der Coach langsam zur Kurve gegangen. Eine letzte, ganz persönlich Ehrenrunde. Ein letzter Gruß an die Fans. Enttäuscht, melancholisch, nachdenklich. "Das tut extrem weh, der Abschiedsschmerz kommt. Da habe ich gemerkt, wie schwer es fällt, loszulassen", gestand er später mit stockender Stimme. Dann noch einmal eine Runde mit der Mannschaft. Am Ende dann der Abgang im goldenen Konfettiregen, als Wolfsburg den Pokal in die Höhe stemmte und Jürgen Klopp parallel zum vorerst letzten Mal als Trainer der Borussia den Platz verließ.

Noch in der Kabine hatte er ein paar Worte an seine Spieler gerichtet, jeden Profi und Betreuer aus dem gesamten Team lange und fest umarmt. Und später bekannt: "Es fiel mir verdammt schwer, jeden Einzelnen wieder loszulassen. Es war mir ein großes Vergnügen und eine Ehre, mit diesen Jungs zu arbeiten!"

Wahrscheinlich wird der ganze Schmerz sich erst in den nächsten Tagen richtig Bahn brechen. Abseits von Sieg und Niederlage. Wenn Jürgen Klopp noch intensiver spürt, was da gerade zu Ende gegangen ist. Und wenn auch der Verein und alle seine Anhänger realisieren müssen, dass dieser gemeinsame Weg mit so viel Herzblut, Emotionen und Leidenschaft nun tatsächlich abgeschlossen ist.

Zumindest vorerst. Denn was bleibt, das ist auf beiden Seiten die Erinnerung an eine großartige Zeit. Und die Hoffnung, das Fußballmärchen eines Tages vielleicht doch noch einmal fortzusetzen. "Es ist nicht so wichtig, was über einen gedacht wird, wenn man kommt", hatte Jürgen Klopp in seiner Ansprache nachts im Berliner Kraftwerk gesagt. "Es ist extrem wichtig, was über einen gedacht wird, wenn man geht. Und das nehmen wir mit, das packen wir ein, egal, wo es uns hin verschlägt – das werden wir nie vergessen." Und versprochen: "Wir sehen uns wieder!"

Aus Berlin berichtet Dietmar Nolte