Köln - Bereits drei Spieltage vor Schluss lässt sich festhalten, dass der 1. FC Köln eine überzeugende Saison gespielt hat. Vor dem Spiel gegen Werder Bremen, in dem der FC die Hanseaten vom sechsten Tabellenplatz verdrängen könnte, spricht Nationalspieler Jonas Hector im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die stetige Weiterentwicklung der Domstädter, über seinen Ruf, sich auch abseits des Fußballs seine Gedanken zu machen, und über Späße unter Teamkollegen.

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bundesliga.de: Herr Hector, der FC spielt eine sehr gute Saison und weist etwa die viertwenigsten Niederlagen auf. Die Mannschaft ist damit auf dem besten Wege ihr gestecktes Ziel, sich erneut zu verbessern, zu erreichen. Also dürfte allenthalben große Zufriedenheit herrschen?

Jonas Hector: Wir wissen zwar, dass wir auch die eine oder andere Phase hatten, in der wir mit uns selbst nicht ganz zufrieden sein konnten. Ich denke aber, dass wir über den gesamten Saisonverlauf gesehen durchaus zufrieden sein können mit dem, was wir bisher erreicht haben. Drei Spiele stehen ja noch aus. Schauen wir mal, was noch passiert.

bundesliga.de: Europa ist für den FC durchaus eine Option...

Hector: Niemand hätte damit gerechnet, dass es gerade in dieser Region der Tabelle so eng zugehen würde. Hertha als Fünfter hat 46 Punkte, Frankfurt als Elfter 41...

bundesliga.de: ...und der FC liegt bei 42 und könnte Werder, das bisher 45 Zähler hat, am Freitagabend wegen des besseren Torverhältnisses von Rang sechs verdrängen...

Hector: Natürlich sind wir stolz darauf, dass wir bis zum Schluss mitmischen können. Mal abwarten, was bei zwei noch ausstehenden Heimspielen und dem Derby in Leverkusen für uns am Ende drin sein wird.

bundesliga.de: Was für ein Spiel erwarten Sie gegen eine Bremer Elf, die auf Rang 15 überwintern musste, jetzt aber das zweitbeste Rückrundenteam stellt?

Hector: Ich rechne mit einem offenen Match. Wir haben in den vergangenen Heimspielen und vor allem zuletzt gegen Hoffenheim gezeigt, dass wir noch einmal alles in die Waagschale werfen wollen in Sachen Bereitschaft und Einsatz. Die Bremer wiederum dürften mit großem Selbstvertrauen antreten, denn der Lauf, den Werder seit Wochen hat, der ist wirklich nicht ohne.

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bundesliga.de: Trotz der erneuten Leistungssteigerung des FC entsteht bisweilen der Eindruck, dass die Entwicklung nicht jedem im Umfeld schnell genug vorangeht. Ist das enttäuschend für die Mannschaft?

Hector: Wir haben uns immer gesagt, dass wir voll auf Kurs liegen. Mag aber sein, dass ein klein wenig Enttäuschung über solches Anspruchsdenken im Hinterkopf eine Rolle spielt. Wir verstehen selbstverständlich, dass die Erwartungen steigen, wenn man erst einmal dort steht, wo wir mittlerweile angekommen sind. Das halte ich auch für normal. Trotzdem sollte die Verhältnismäßigkeit immer gewahrt bleiben.

bundesliga.de: Seit dem Wiederaufstieg vor drei Jahren hat sich das Team Schritt für Schritt verbessert. In welchem Bereich hat man in dieser Saison noch einmal einen entscheidenden Schritt gemacht?

Hier Hector ins Team der Saison 2016/17 wählen:

Hector: Gerade in der Hinrunde haben wir im Offensivspiel noch einmal deutlich zugelegt im Vergleich zu den beiden Vor-Saisons. Das zeigt nicht zuletzt unser Torverhältnis. Wir haben bereits jetzt fünf Treffer mehr erzielt als am Ende der vergangenen Spielzeit.

bundesliga.de: Mit Vertragsverlängerungen bzw. langen Vertragslaufzeiten von Führungsspielern wie Horn, Höger, Bittencourt, Risse, Sörensen, Heintz, Modeste und nicht zuletzt von Ihnen sollte dem FC eine blühende Zukunft winken...

Hector: Tatsächlich hat es der Verein in den vergangenen Jahren immer wieder geschafft die Leistungsträger zu halten, so dass wir heute eine verschworene Einheit sind. Wenn vor einer neuen Saison nicht so viele neue Spieler eingebaut werden müssen, macht das die Abläufe einfach leichter. Und bei den wenigen, die eingebaut werden müssen, geht das in der Regel reibungslos vonstatten. Unsere Vertragslaufzeiten sind also durchaus ein Faustpfand im Vergleich zu anderen Teams, bei denen vielleicht sogar bis zu zehn Spieler ausgetauscht werden müssen.

bundesliga.de: Was macht den FC so reizvoll für Top-Spieler wie Horn, Modeste oder Sie, die von internationalen Top-Clubs umworben sind?

Hector: Einige von uns sind den Weg bereits seit der Zweiten Liga bis heute mitgegangen. Das schweißt zusammen und führt dazu, dass man sich sehr mit dem Verein identifiziert. Es ist reizvoll, gemeinsam einen Schritt nach dem anderen zu machen und immer ein Stück weiter nach oben zu kommen. Darüber hinaus halte ich uns für eine sehr homogene Mannschaft, in der sich wirklich jeder mit jedem versteht, so dass man sich in diesem Team rundum wohl fühlen kann. Und das ist in keinem Arbeitsverhältnis von Nachteil (lacht).

bundesliga.de: Sie sind einer derjenigen, die den Weg aus der 2. Bundesliga mitgegangen sind und haben sich auch in Ihrem dritten Bundesliga-Jahr auf ohnehin hohem Niveau noch einmal gesteigert...

Hector: Ich würde grundsätzlich gar nicht sagen, dass ich immer konstant gut gespielt habe über die gesamte Saison hinweg. Ich hatte durchaus meine schwächeren Spiele und glaube, dass das auch menschlich ist. Es ist extrem schwer, das Niveau, das die Bundesliga von dir verlangt, Woche für Woche auf den Platz zu bringen.

bundesliga.de: Eine tiefe Leistungsdelle oder gar eine echte Krise über Wochen lassen sich bei Ihnen wirklich nicht finden...

Hector: Ich versuche in jedem Spiel einfach nur das was ich kann auf den Platz zu bringen und damit unserer Mannschaft zu helfen. Natürlich gibt es auch mal Partien, in denen es nicht so läuft. Das hängt dann vielleicht aber auch damit zusammen, dass das Mannschaftsgefüge per se nicht so gut funktioniert wie das normalerweise bei uns der Fall ist.

bundesliga.de: Seit dem SV Auersmacher, Ihrem Heimatverein, ging es seit 2010 immer nur nach oben - über den FC zur Nationalmannschaft und schließlich im vergangenen Sommer zur EM. Ist das Profi-Dasein heute für Sie längst "business as usual", oder gibt es noch Augenblicke, in denen Sie glauben zu träumen?

Hector: Ich bin mittlerweile fast sieben Jahre weg von meiner Heimat und doch gibt es immer noch diese ganz besonderen Momente für mich. Zum Beispiel wenn ich erneut zur Nationalmannschaft eingeladen werde oder einfach "nur“ dieser Augenblick, wenn man vor einem Heimspiel das erste Mal den Rasen betritt. Ich bin nach wie vor sehr dankbar, dass ich das Woche für Woche erleben darf, und es gibt immer wieder auch noch Neues zu erleben. Bald steht der Confed-Cup an und im kommenden Jahr findet eine WM statt, die ich als Aktiver auch noch nicht erlebt habe. Und wer weiß, wohin es den FC in der kommenden Saison führen wird?! All das sind Ereignisse und Erlebnisse, an denen ich sehr gerne teilhaben würde.

bundesliga.de: Rückschritte im Wortsinn haben Sie höchstens gemacht, wenn man das Spiel rein räumlich betrachtet. Von der Zehner-Position über die offensive Außenbahn und die Sechs sind Sie schließlich links hinten gelandet. Nicht nur für einen Spieler, der nie in einem Nachwuchsleistungszentrum ausgebildet wurde, ist diese Vielseitigkeit verblüffend...

Hector: Ich interessiere mich nun mal sehr für diesen Sport, und das nicht erst seit ich Profi bin.

bundesliga.de: Okay, aber Sie scheinen ein Fußballspiel regelrecht analysieren, ja beinahe sezieren zu können...

Hector: Ich schaue mir viele Spiele an und versuche tatsächlich, das, was ich sehe, auch zu analysieren. Und ich glaube, ich bin auch nicht komplett auf den Kopf gefallen (lacht). Deshalb gelingt es mir ganz gut, das eine oder andere, das ich gesehen habe beziehungsweise von mir verlangt wird, auf dem Rasen entsprechend umzusetzen.

bundesliga.de: Dass Sie nicht auf den Kopf gefallen sind, zeigt sich auch darin, dass Sie ein Fernstudium betreiben. Welche Überlegung steht hinter Ihrem Betriebswirtschaftsstudium?

Hector: Das ist ein Studiengang an der Fern-Uni Oldenburg, speziell angelegt für Leistungssportler. Das passt also schon einmal ganz gut. Es werden dort viele Facetten abgedeckt, die einen Profi-Verein ausmachen. Und ich kann mir durchaus vorstellen, nach meiner aktiven Karriere dem Fußball in irgendeiner entsprechenden Funktion verbunden zu bleiben. Obwohl mir das Studium wirklich Freude bereitet, bleibt bis dahin aber hoffentlich doch noch ein bisschen Zeit (lacht).

Video: Der Traum von Europa

bundesliga.de: Für Fußballer wie Sie, die über das Rasenviereck hinausdenken, haben die Medien den Begriff "der etwas andere Profi" geprägt. Können Sie damit etwas anfangen?

Hector: Nicht so richtig. Ich empfinde mich im Vergleich zu meinen Teamkollegen nicht als "anders" und würde mich ihnen gegenüber weder ab- noch aufwerten wollen. Diese Vergleiche sollen – wenn überhaupt nötig – lieber andere anstellen.

bundesliga.de: Sehen Ihre Kollegen das auch so, oder gibt es schon mal den einen oder anderen Spruch?

Hector: Späße oder Sprüche werden in einer Fußballerkabine immer und genügend gemacht. Über alles, was irgendwie eine Angriffsfläche bietet - und sei es bloß ein T-Shirt mit irgendeinem besonderen Aufdruck. Mal ist man selbst davon betroffen, mal ist man nur Zuschauer und mal ist man derjenige, der selbst einen Spruch macht.

bundesliga.de: Wo bieten Sie denn eine mögliche Angriffsfläche?

Hector: Das werde ich Ihnen hier sicher nicht verraten (lacht).

Das Gespräch führte Andreas Kötter