Mainz - Für den 1. FSV Mainz 05 war es nicht nur wegen des Trainerwechsels von Kasper Hjulmand zu Martin Schmidt eine turbulente Saison. So wechselte sich in der ersten Saisonhälfte eine längere Erfolgsphase ab mit einer Serie von neun Spielen ohne Sieg.

Johannes Geis, trotz seiner nur 21 Jahre schon Chef im Mittelfeld der 05er, spricht im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Gründe dafür, dass man sich im Saisonendspurt im Abstiegskampf wiederfindet, über die Spekulationen um seine Person und über Vergleiche mit Bastian Schweinsteiger.

"Mussten großen Umbruch bewältigen"

bundesliga.de: Herr Geis, die grundsätzliche Wahrnehmung des FSV Mainz ist - nicht erst seit dieser Saison - alles andere als die eines Abstiegskandidaten; und doch sind es aktuell nur noch vier Punkte bis zum Relegationsplatz ...

Johannes Geis: Wir mussten im vergangenen Sommer einen großen Umbruch bewältigen. Leistungsträger wie Nicolai Müller und Eric Maxim Choupo-Moting haben uns damals verlassen, und es ist alles andere als einfach solche wichtigen Spieler zu ersetzen. Und obwohl wir dennoch guten Fußball, wenn auch nicht mehr das typische Mainzer Spiel der vergangenen Jahre gespielt haben, wurden wir nicht belohnt, wie etwa die Heimniederlage gegen Werder Bremen oder das Unentschieden gegen den VfB Stuttgart gezeigt haben.

Beide Spiele hätten wir gewinnen müssen. Das waren Knackpunkte. Und wenn man diese Punkte nicht holt, kann es leider passieren, dass man sich plötzlich im Abstiegskampf wiederfindet. So wie wir jetzt. Aber wir wissen, dass wir eine gute Truppe sind, die da wieder herauskommen wird.

"Wichtigen Punkte werden jetzt erst vergeben"

bundesliga.de: Ihr Teamkollege Stefan Bell hat nach der Heimniederlage gegen Leverkusen gesagt, dass "der letzte Schritt, der letzte Meter, der weh tut", gefehlt habe; hat man sich nach dem Trainerwechsel von Kasper Hjulmand zu Martin Schmidt und den folgenden sehr ordentlichen Auftritten schon zu sicher gefühlt?

Geis: Nein, das möchte ich niemandem unterstellen. Leverkusen hat uns mit den Mitteln geschlagen, die wir eigentlich in die Waagschale werfen wollten. Wir konnten diesmal nicht umsetzen, was der Trainer von uns verlangt hat. Ich denke vielmehr, dass die Spiele zuvor, gegen Wolfsburg, gegen Borussia Mönchengladbach und in Augsburg, gezeigt haben, dass jeder bei uns bereit ist die entscheidenden Schritte dafür zu machen, dass wir nicht absteigen. Vergessen wir nicht, dass Leverkusen eine Weltklasse-Mannschaft ist, die zu Recht um die Champions-League-Plätze kämpft. Die für uns wichtigen Punkte werden jetzt erst vergeben.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass der Abstiegskampf für Mainz bis zum letzten Spieltag anhalten könnte?

Geis: Wir spielen jetzt in Freiburg (zum Vorbericht), dann gegen Schalke und Hamburg und danach noch Stuttgart, Köln und Bayern. Wir haben zwar eine bessere Ausgangslage als unsere Konkurrenten, wissen aber, dass die anderen Teams ebenfalls sehr viel Herz haben und alles geben werden. Deshalb bin ich überzeugt, dass es bis zum Ende ein ganz harter Abstiegskampf wird.

bundesliga.de: Freiburg könnte Mainz mit einem Sieg in der Tabelle überholen ...

Geis: Wir wissen alle, dass es in Freiburg, vor ausverkauftem Haus und mit Fans, die auf den Rängen ebenso viel Alarm machen wie die Mannschaft auf dem Rasen, sehr schwer wird. Auch Freiburg hatte eine ganze Reihe Spiele, wo man erst in den letzten Minuten Punkte abgeben musste, und kann auf junge Spielern setzten, die lernen wollen und immer Gas geben. Selbstverständlich möchten wir die drei Punkte mitnehmen. Wenn wir aber nicht unsere beste Leistung abrufen, wird das auf keinen Fall etwas. Das muss uns klar sein.

"Im Abstiegskampf geht es um wahnsinnig viel"

bundesliga.de: Wenn Sie die bisherige Saison Revue passieren lassen, also den Start mit einem neuen Trainer, eine Serie von acht Spielen ohne Niederlage, dann eine von neun Partien ohne Sieg, ein schlechter Rückrunden-Auftakt und schließlich der Trainerwechsel - was macht das mit einer Mannschaf?

Geis: Ein Trainerwechsel ist nie einfach, weil die Mannschaft weiß, dass sie dazu ihren Teil beigetragen hat. Bleiben die Ergebnisse aus, weil die Mannschaft die Pläne des Trainers nicht umsetzt, ist es im Fußball nun mal leider so, dass der Trainer als erster gehen muss. Ich bin mir aber auch sehr wohl bewusst, wie schnelllebig das Fußballgeschäft ist.

Es bleibt einem also nur die Wahl, sich der Situation zu stellen und dem neuen Trainer eine gute Leistung anzubieten. Für uns war es ein großer Vorteil, dass Martin Schmidt uns schon gut kannte, weil er in jedem Trainingslager dabei war und umgehend einschätzen konnte, mit welchen Spielertypen er es zu tun bekommen würde.

bundesliga.de: Sie zumindest haben sich weder durch den Abstiegskampf noch durch die Spekulationen um Ihre Person daran hindern lassen diese "gute Leistungen anzubieten"...

Geis: Ich halte diese Dinge so weit wie möglich weg von mir. Darum kümmert sich ausschließlich mein Berater, Björn Bezemer, der dafür sorgt, dass ich mich voll und ganz auf Mainz konzentrieren kann. Im Abstiegskampf geht es um wahnsinnig viel für den Club und seine Angestellten. Da wäre es völlig unangebracht, sich jetzt irgendwelche Flausen in den Kopf setzen zu lassen oder darüber nachzudenken, wo man in der kommenden Saison vielleicht spielt. Im Sommer setzen wir uns alle zusammen und beraten, was das Beste ist. Jetzt aber zählt einzig und allein, dass Mainz auch in der kommenden Saison in der Bundesliga spielt.

"Es bringt nichts große Töne zu spucken"

bundesliga.de: Sie sind erst 21; woher nehmen Sie diese Ruhe, nicht nur am Ball, sondern auch abseits des Rasens?

Geis: Ich habe ein sehr ruhiges Umfeld, eine tolle Familie, super Freunde und eine liebe Freundin, die mich in allen Lagen unterstützen. Sie tragen großen Anteil daran, dass ich so gelassen sein kann. Gerade in der aktuellen Druck-Situation, im Abstiegskampf, ist es eine große Hilfe, wenn man zuhause auch einmal abschalten kann.

bundesliga.de: Gerade abseits des Rasens können für einen jungen, aufstrebenden Fußballprofi aber auch eine Menge Fallstricke liegen...

Geis: Ich habe schon in Fürth viel erlebt und viel gelernt. Das hat mich trotz meines jungen Alters ein Stück weit reifen lassen. Man muss im Leben Prioritäten setzen und muss wissen, was man will. Denn man hat nur dieses eine Leben. Wenn einer Fußballprofi werden will oder vielleicht auch Arzt, muss er diesen Weg mit aller Leidenschaft gehen. Deswegen lasse ich mich von niemandem aus der Ruhe bringen.

Für ebenso wichtig halte ich es aber, dass man immer auf dem Boden bleibt und nie vergisst, dass es im Fußball Höhen, aber auch viele Tiefen geben kann. Einer tollen Saison kann eine folgen, die nicht so gut ist. Deshalb bringt es nichts, große Töne zu spucken. Wichtig ist einzig, dass man immer seine Arbeit macht. Der Rest kommt von ganz alleine.

"Vergleich mit Schweinsteiger ist eine Ehre!"

bundesliga.de: Stichwort "Arbeit": Eine echte Sommerpause wird es für Sie wegen der U21-EM nicht geben; machen Sie sich Gedanken, wie Sie diese zusätzliche Belastung verkraften werden?

Geis: Das ist das Los, wenn man als Fußballer viel erreichen will. Und es ist ein gutes Los! Es gibt bestimmt sehr viele Kicker, die auch gerne dabei wären, am Ende aber können es aber nur 23 sein, die mitfahren werden. Wenn ich im Sommer tatsächlich dabei sein darf, ist das eine wunderschöne Sache, für die ich gerne in Kauf nehme, dass ich vielleicht zwei oder drei Wochen weniger Urlaub habe als andere Profis.

bundesliga.de: Diese Ruhe und Gelassenheit nicht nur am Ball haben Ihnen schon Vergleiche mit Bastian Schweinsteiger eingebracht; mögen Sie solche Vergleiche überhaupt?

Geis: Wenn man tatsächlich mit einem Spieler wie Bastian Schweinsteiger in Verbindung gebracht wird, ist das auf jeden Fall eine schöne Sache, weil man durch gute Leistungen auf sich aufmerksam machen konnte. Letztendlich hat zwar jeder seinen eigenen Stil, nichtsdestotrotz ist es eine große Ehre, mit diesem Weltklasse-Mann verglichen zu werden.

Das Interview führte Andreas Kötter