Zusammenfassung

  • Im Exklusiv-Interview spricht Jörg Schmadtke über seine Aufgabe beim VfL Wolfsburg

  • Schmadtke: "Ich bin der Meinung, dass es für fehlendes Selbstbewusstsein keinen Grund gibt"

  • Seit dem Sommer 2018 ist der ehemalige Kölner in Wolfsburg Geschäftsführer Sport

Wolfsburg - Zweimal in Folge konnte der VfL Wolfsburg die Klasse erst in der Relegation halten. Dass der Deutsche Meister von 2009 und der Pokalsieger von 2015 aber ganz andere Ambitionen hat, ist kein Geheimnis. Jetzt soll mit Jörg Schmadtke als Geschäftsführer Sport ein Mann den VfL zurück in die Erfolgsspur führen, der auf seinen bisherigen Stationen bewiesen hat, dass ihn gerade solch schwierige Situationen reizen. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Schmadtke über erste Maßnahmen, über die herausragenden Arbeitsbedingungen beim VfL und über das Verhältnis des Clubs zu seinen Fans.

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bundesliga.de: Herr Schmadtke, wenn eine Anfrage an Sie herangetragen wird wie die aus Wolfsburg, welche Kriterien sind es, nach denen Sie entscheiden "Ja, das mache ich" oder eben auch "Nein, das ist nichts für mich"?

Jörg Schmadtke: Ich sehe mir zunächst an, was mit dem Club zuletzt passiert ist und warum gewisse Dinge passiert sind. Wenn ich zu dem Schluss komme, dass etwas im Argen liegt, das ich möglicherweise anders strukturieren könnte, beschäftige ich mich intensiver mit einer solchen Anfrage.

"Ich habe in diesen Aufgaben immer mehr Chance als Risiko gesehen. Das mag meinem Naturell entsprechen, auch wenn ich vielleicht nicht immer so wirke, als sei das Glas für mich eher halbvoll als halbleer." Jörg Schmadtke

bundesliga.de: Im Argen gelegen, das haben die Dinge vor Ihrem jeweiligen Amtsantritt auch in Aachen, in Hannover und in Köln. Je schwieriger die Situation, desto reizvoller also die Aufgabe für Sie?

Schmadtke: Diesen Clubs habe ich mich angeschlossen, weil sich Real Madrid, der FC Barcelona, Paris St. Germain oder der FC Bayern München bisher nicht bei mir gemeldet haben. (lacht) Nein. Im Ernst. Ich habe in diesen Aufgaben immer mehr Chance als Risiko gesehen. Das mag meinem Naturell entsprechen, auch wenn ich vielleicht nicht immer so wirke, als sei das Glas für mich eher halbvoll als halbleer.

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bundesliga.de: Sie waren nach Ihrer Trennung vom 1. FC Köln acht Monate lang nicht Handelnder, sondern Beobachter der Bundesliga. Wie wichtig war diese Auszeit, beziehungsweise wie haben Sie die Zeit genutzt?

Schmadtke: Ich glaube, dass diese Zeit wichtig war. Und komischerweise hatte ich derartige Phasen während meiner Laufbahn als Funktionär des Öfteren. Zum einen schärft das den Blick für das Gesamtprodukt Bundesliga. Zum anderen hat man plötzlich die Muße ein paar Dinge zu reflektieren, die untergehen, solange man in das Tagesgeschäft der Bundesliga eingebunden ist.

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bundesliga.de: Wie haben Sie den VfL Wolfsburg in dieser freien Zeit wahrgenommen?

Schmadtke: Um ehrlich zu sein, habe ich mich nicht allzu intensiv mit der Bundesliga beschäftigt, sondern zunächst meine eigenen Angelegenheiten aus der Kölner Zeit abgearbeitet. Das, was man über den VfL Wolfsburg gelesen oder gesehen hat, wirkte allerdings etwas unrund. Grundsätzlich bin ich aber zurückhaltend mit derartigen Betrachtungen von außen. Manches mag aus dieser Perspektive zwar seltsam wirken, tatsächlich aber gibt es intern oft gute Gründe dafür, warum Entscheidungsprozesse so und nichts anders vorangetrieben worden sind.

bundesliga.de: Was waren die ersten Schritte, nachdem man Sie engagiert hatte?

Schmadtke: Ich habe mir einen Putzlappen geschnappt und erst einmal meinen Schreibtisch gewischt. Und im Anschluss habe ich gleich auch mal durchgesaugt. (lacht) Nein. Blödsinn. Tatsächlich schaut man sich erst einmal die Struktur des Vereins an. Der VfL ist eine hundertprozentige Tochter der Volkswagen AG, und einige Dinge unterscheiden sich hier deutlich von den Gegebenheiten bei vielen anderen Clubs. Zum Beispiel haben wir Mitarbeiter, die nach Tarifvertrag bezahlt werden, und es gibt einen Betriebsrat, der extra für den VfL zuständig ist.

Jörg Schmadtke (hier mit VfL-Aufsichtsratschef Frank Witter):
Jörg Schmadtke (hier mit VfL-Aufsichtsratschef Frank Witter): "Einige Dinge unterscheiden sich hier deutlich von den Gegebenheiten bei vielen anderen Clubs" © imago / Hübner

bundesliga.de: Erschweren diese Rahmenbedingungen Ihre Arbeit?

Schmadtke: Nein. Ich bewerte das nicht, sondern sehe das sehr neutral. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, nicht mit einer Blaupause herumzulaufen und die jedem Club überstülpen zu wollen. Stattdessen gilt es für jeden Club ein individuelles Storyboard zu entwerfen. Zunächst ist es wichtig, dass man das Gespräch mit Mitarbeitern sucht und ihnen zuhört. Diese Gespräche lässt man dann Revue passieren und schaut, ob die Informationen deckungsgleich sind oder ob sie sich stark unterscheiden. Sind sie deckungsgleich, erhält man ein rundes Bild, sind sie das nicht, muss man versuchen zu klären, warum das so ist.

bundesliga.de: Wie war das beim VfL?

Schmadtke: Hier waren die Informationen relativ deckungsgleich.

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bundesliga.de: Was macht es mit einem Club und den Menschen, die dort arbeiten, wenn man trotz deutlich größerer Ambitionen zweimal in Folge in die Relegation muss?

Schmadtke: Ich denke, dass man demütiger geworden ist und vielleicht auch ein wenig ängstlich. Zugegebenermaßen waren die vergangenen zwei, drei Jahre alles andere als top – wobei die Ausgangslage relativ kommod war. Schließlich war der VfL vor gerade einmal drei Jahren noch Vize-Meister und Pokalsieger.

bundesliga.de: Umso größer war allerdings die Fallhöhe.

Schmadtke: Es mag sein, dass der eine oder andere gedacht hat: "Das wird schon so weitergehen". Bloß ist es eben gemeinhin nicht so, dass die Dinge ganz von selbst so weiterlaufen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es für fehlendes Selbstbewusstsein keinen Grund gibt. Immerhin ist dieser Club seit über 20 Jahren Teil der Bundesliga, und man ist in dieser Zeit Meister und Pokalsieger geworden und hat den deutschen Fußball in der Champions League ausgesprochen gut repräsentiert. Es gibt also durchaus Dinge, auf die man stolz sein kann.

"Ich bin der Meinung, dass es für fehlendes Selbstbewusstsein keinen Grund gibt. Immerhin ist dieser Club seit über 20 Jahren Teil der Bundesliga" Jörg Schmadtke

bundesliga.de: Ihr Motto lautet: "Ich tue alles, damit der Club dahin kommt, wo er meines Erachtens stehen könnte" – welche Möglichkeiten hat der VfL, und wo gehört er Ihrer Meinung nach hin?

Schmadtke: Die Infrastruktur des Clubs ist auf Top-Niveau. Die Trainingsmöglichkeiten, die Ausstattung der Plätze, die Funktionsräume – da gibt es nicht viel Besseres. Ich bin in der Bundesliga ein bisschen rumgekommen und weiß, wovon ich rede. Diese Voraussetzungen gilt es zu nutzen, um sich zu stabilisieren und eine ruhigere Saison zu durchleben als es die vergangenen beiden waren. Grundsätzlich gehört der VfL in die obere Tabellenhälfte.

bundesliga.de: Von welchem Zeitraum sprechen wir?

Schmadtke: Wie lange eine solche Stabilisierungsphase dauert, ist schwer zu prognostizieren. Um grundsätzliche Dinge zu ändern, bedarf es normalerweise drei bis vier Transferperioden; und damit wären wir schon bei zwei Jahren.

bundesliga.de: Wie zufrieden sind Sie zwei Monate nach Amtsantritt mit dem aktuellen Stand der Dinge?

Schmadtke: Ich bin ein genügsamer Mensch und bin nicht unzufrieden. Was die Kaderplanung betrifft, sind wir im Zeitplan. Ich wäre zwar auch nicht traurig, wenn wir schon weiter wären. Aber manchmal ist es im Hinblick auf den Saisonstart gar nicht so gut, wenn man zu diesem frühen Zeitpunkt bereits weiter ist, als man sich das vorgenommen hatte.

© imago / regios24

bundesliga.de: Mit Marcel Schäfer wurde ein Mann als Sportdirektor verpflichtet, der 2009 mit dem VfL Meister war und sich wie kaum ein Zweiter mit dem Verein identifiziert. Wie wird Ihre Zusammenarbeit aussehen?

Schmadtke: Marcel hat sich dankenswerter Weise darauf eingelassen, sein USA-Abenteuer früher als geplant zu beenden (Schäfer löste seinen bis 2019 geltenden Vertrag mit Tampa Bay Rowdies vorzeitig auf; d. Red.). Wir werden so zusammenarbeiten, wie das ein Geschäftsführer Sport und ein Sportdirektor tun sollten. Marcel wird jetzt vom Spieler zum Funktionär und er muss seinen eigenen Weg finden. Dieses gewisse Maß an Freiheit ist wichtig, und ich werde ihn auf gar keinen Fall in ein Korsett packen. Er soll seine eigenen Ideen entwickeln, selbst wenn er dabei vielleicht mal in eine Einbahnstraße läuft. Das ist nicht schlimm. Entscheidend ist, wie man sich danach verhält, und dass wir die Dinge besprechen.

>>> So läuft die Vorbereitung der Bundesliga-Clubs: Der Sommerfahrplan im Überblick

bundesliga.de: Eine geplante China-Reise haben Sie ausgesetzt, zudem wurde auf ein auswärtiges Trainingslager verzichtet. Welche Überlegungen haben dazu geführt?

Schmadtke: Die China-Reise hat nicht in die Vorbereitung gepasst, weil wir einige Dinge nach- beziehungsweise aufzuarbeiten hatten. Aber das werden wir nachholen. Was den Verzicht auf ein Trainingslager betrifft: Zum einen haben wir hier vor Ort die mit Abstand besten Bedingungen, und wenn man solche idealen Arbeitsbedingungen hat, warum sollte man dann Kompromisse eingehen?! Zum anderen hat es für die Jungs den angenehmen Nebeneffekt, dass sie abends nach Hause fahren und in ihren eigenen Betten schlafen können. Aber ich will gar nicht leugnen, dass hinter der Entscheidung, auf ein Trainingslager zu verzichten, auch eine gewisse Symbolik steckt. Nämlich das Signal an unsere Fans: "Hört mal Leute, wir haben sehr wohl verstanden, dass es gilt ein paar Dinge aufzuarbeiten. Und das machen wir jetzt vor euren Augen!"

Quiz: Wie gut kennst du den VfL Wolfsburg?

bundesliga.de: In der Tat war das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer auf der einen und Fans auf der anderen Seite nicht ungetrübt, vor allem Trainer Bruno Labbadia hatte vom ersten Tag an einen schweren Stand...

Schmadtke: Ich selbst habe das nicht miterlebt, und es fällt mir schwer Dinge zu beurteilen, die ich nur aus der Ferne wahrgenommen habe. In den zwei Monaten, die ich nun hier bin, habe ich aber festgestellt, dass die Bindung zwischen Fans und Club eine sehr enge ist. Das mag auch daran liegen, dass viele unserer Fans bei Volkswagen arbeiten und schon immer um die enge Bindung zwischen Werk und VfL wissen.

Das Interview führte Andreas Kötter.