Köln - Der 1. FC Köln ist mit vier Punkten erfolgreich in die neue Saison gestartet und setzt den von Sportvorstand Jörg Schmadtke und Trainer Peter Stöger vor drei Jahren eingeschlagenen Weg unbeirrt fort. Am Freitagabend gegen Freiburg (>>> Zum Matchcenter #KOESCF) können die Geißböcke sogar erstmals nach fast genau 20 Jahren die Tabellenführung übernehmen - im August 1996 war das der Fall durch einen 3:1-Sieg gegen den Sport-Club mit einem Torhüter namens Schmadtke. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Schmadtke darüber, was die Konsolidierung eines Profi-Clubs mit Gartenpflege zu tun hat, er lobt das nur vermeintlich übermütige Kölner Umfeld und sieht in der Vertragsverlängerung von Jonas Hector ein wichtiges Zeichen für den Transfer-Markt.

bundesliga.de: Herr Schmadtke, Sie haben für die Entwicklung des 1. FC Köln seit Ihrem Amtsantritt kürzlich das Bild vom "Patienten auf der Intensivstation, der nach Notoperationen und folgender Reha eine Kur absolviert" gewählt...

Jörg Schmadtke: Ja. Das habe ich gegenüber dem "Kicker" gesagt. Allerdings habe ich auf dieses Bild kein Urheberrecht. Es stammt von unserem Präsidenten (Werner Spinner; d. Red.), der die Entwicklung des Clubs auf einer Mitgliederversammlung so skizziert hat.

bundesliga.de: Wenn man sich, weniger dramatisch, einen Verein als Bauvorhaben vorstellt, und Sie gemeinsam mit Peter Stöger und Alexander Wehrle 2013 den Grundstein gelegt haben, wie weit ist das Projekt 1. FC Köln heute fortgeschritten?

Schmadtke: Nimmt man das Bild vom Bauvorhaben als Grundlage, würde ich sagen, dass wir damals erst einmal ein bisschen was abgerissen haben, bevor wir beginnen konnten neu aufzubauen. Und wenn Sie mich fragen, wieweit wir heute sind, würde ich antworten: "Den Keller und die Bodenplatte haben wir fertig". (schmunzelt)

bundesliga.de: Kann ein Profi-Club wie ein Haus überhaupt irgendwann fertig werden, oder bedeutet Stillstand bereits Rückschritt?

Schmadtke: Haben Sie ein Haus? Nein? Dann stellen Sie sich einen Garten vor. Haben Sie den Rasen endlich gemäht, fällt Ihnen plötzlich auf, dass Sie die Bäume auch mal wieder beschneiden müssten. Später müssen noch die Blumenbeete vom Unkraut befreit werden. Und wenn Sie das alles erledigt haben, ist der Rasen schon wieder so weit gewachsen, dass er erneut gemäht werden muss. So ähnlich ist das auch mit einem Fußball-Club. Das ist der Job und ist ein bisschen wie bei Sisyphos: Ganz fertig wird man nie.

Video: Das Gefühl 1. FC Köln

bundesliga.de: Was bedeutet das für den weiteren Weg des 1. FC Köln?

Schmadtke: Diese Frage lässt sich seriös nur sehr schwer beantworten. Würde man die wirtschaftlichen Zahlen der vergangenen Wochen und Monate heranziehen, müsste man zu dem Schluss kommen, dass die Entwicklung, die wir gerade durchlaufen, endlich ist. Soll heißen: Aufgrund unserer wirtschaftlichen Voraussetzungen hätten wir nur dann eine Chance ins internationale Geschäft zu kommen, wenn wir sportlich top sind und gleichzeitig andere Vereine schwächeln. Planerisch dagegen wäre eine Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb nach diesen Zahlen kaum möglich. Das ist zunächst einmal keine besonders erfreuliche Erkenntnis. Das Schöne an der Bundesliga ist aber, dass es genügend Beispiele gibt, die zeigen, dass es dennoch klappen kann, wenn es einem gelingt, das gewisse Momentum zu nutzen.

bundesliga.de: Ist der FC bereits so weit, solche Chancen nutzen zu können?

Schmadtke: Zunächst einmal denke ich, dass wir durchaus herausstellen dürfen, dass wir bisher einen guten Job gemacht haben. Denn es ist uns gelungen wirtschaftlich stärkere Clubs hinter uns zu lassen. Hätten wir aber vor einer Woche miteinander gesprochen, hätte ich wohl gesagt "Ein Punkt in Wolfsburg, das wäre toll". Jetzt ist das Spiel gespielt, und wir haben diesen einen Punkt, könnten nun aber sagen "Eigentlich hätten wir dort gewinnen können." Ist das Glas also halbleer oder halbvoll? Beides ist richtig, und wir wollen nun versuchen, das Glas vielleicht noch etwas voller zu bekommen. Wir wollen nicht jedes Jahr "nur" Neunter werden. Aber ich kann nicht in die Saison starten und zu meinem Präsidium und meinem Trainer sagen "Wir drehen jetzt an dieser und jener Stellschraube und bewerkstelligen zwei, drei Transfer - dann haben wir es! Dann kommen wir ins internationale Geschäft!" Nein. So einfach geht das nicht.

bundesliga.de: Ist es da schwierig die Kölner Mentalität, den kolportierten Hang zum Überschwang, in den Griff zu bekommen?

Schmadtke: Überhaupt nicht. Man mag das als Außenstehender, als Nicht-Kölner vielleicht annehmen. Ich aber habe dieses vermeintliche Phänomen, von dem ich vorher auch gehört hatte, während meiner Zeit in Köln bisher nicht wahrgenommen. Ich kann nicht bestätigen, dass hier bei einer Führung zur Halbzeitpause gleich von der Deutschen Meisterschaft gesprochen wird. Vielmehr ist es meine Erfahrung, dass man sehr nüchtern und sehr analytisch über alles diskutieren kann, was den 1. FC Köln betrifft, ohne dass man gleich ausgepeitscht würde, weil man nicht auch von der Deutschen Meisterschaft gesprochen hat. (schmunzelt)

bundesliga.de: Sie haben bezüglich der Vertragsverlängerung von Jonas Hector von einem "nostalgischen Blick zurück" gesprochen. Ist in einem solchen Moment selbst einer, der so lange im Geschäft ist wie Sie, überrascht, vielleicht sogar gerührt?

Schmadtke: Überrascht war ich nicht. Aber vielleicht tatsächlich ein wenig gerührt. Ich habe Jonas’ Entscheidung als sehr angenehm und als sehr speziell empfunden. Denn diese Entscheidung war und ist ein deutlicher und schöner Kontrapunkt zu dem, was sich sonst in diesem Sommer auf dem Transfermarkt abgespielt hat. Das ist ein Zeichen in den Markt hinein,  das auch deutlich wahrgenommen wird.

Video: Mit Hector, Horn und Modeste in eine erfolgreiche Zukunft

bundesliga.de: Was sagt Hectors Entscheidung aus über den 1. FC Köln und über die aktuelle Mannschaft?

Schmadtke: Dass diese Mannschaft und ihre Spieler ein Stück weit werte- und nicht nur wirtschaftlich orientiert sind. Offensichtlich haben der Verein und diese Mannschaft eine bindende Kraft. Jonas ist unser einziger aktueller Nationalspieler und hat gerade erfolgreich eine EM gespielt. Das hat es in Köln schon lange nicht mehr gegeben. Er hat in diesem Club eine herausragende Position, die a) manchmal zu wenig herausgestellt wird und die b) er selbst aber gar nicht leben will. Dass es gelungen ist ausgerechnet mit ihm zu verlängern, ist für mich das Sahnehäubchen auf die aktuelle Entwicklung.

bundesliga.de: In dieses Bild passt, dass der 1. FC Köln der Club in der Bundesliga ist, der mit sieben die meisten Spieler aus der eigenen Stadt im Kader hat.

Schmadtke: Ich möchte das nicht überhöhen. Wir haben nicht bewusst gesagt "Wir müssen möglichst viele Kölner im Kader haben, um so das Lokal-Pathos zu bedienen". Das war sicherlich nicht der Gedanke. Jeder dieser Fälle hat vielmehr seine ganz eigene, logische Geschichte. Marco Höger etwa wollte unbedingt für den 1. FC Köln spielen, Marcel Risse wollte zurück in seine Heimatstadt, und Timo Horn ist in diesem Club groß geworden. Fakt ist, dass es uns im Moment gelingt, die bindende Kraft, die ich schon erwähnt habe, vernünftig einzusetzen.

bundesliga.de: Apropos "nostalgischer Blick zurück": Gibt es den bei Ihnen auch, wenn es - wie am Freitag - gegen Ihren Ex-Club, den SC Freiburg geht?

Schmadtke: Dass ich dort gespielt habe, liegt mittlerweile 20 Jahre zurück. Trotzdem ist Fritz Keller, der schon damals dem Präsidium angehörte, heute dort Präsident. Und ich freue mich sehr darauf, dass ich ihn jetzt auf ein Glas Wein treffen werde. Die persönliche Bedeutung ist für mich zwar nicht zu vergleichen mit der eines Spieles gegen Fortuna Düsseldorf, der Club meiner Heimatstadt. Dennoch ist ein Spiel gegen Freiburg für mich etwas anderes als ein Spiel gegen Ingolstadt, Darmstadt oder welchen anderen Verein auch immer. Nicht zuletzt, weil ich die schönste Zeit meiner aktiven Karriere in Freiburg erlebt habe und dort meine Tochter geboren wurde.

bundesliga.de: Auch der SC Freiburg ist ein gutes Beispiel dafür, was mit vermeintlich geringeren Mitteln erreicht werden kann. Hat man als Manager eines anderen Profi-Clubs die Zeit genauer hinzuschauen, was woanders geleistet wird?

Schmadtke: So wie der SC aufgestellt ist und wie man sich dort gibt, liegt mir Freiburg sicherlich näher als der eine oder andere Club der Bundesliga, das ist zunächst einmal richtig. Und ich denke schon, dass ich die Zeit habe bzw. mir die Zeit nehme, um genau hinzuschauen. Letztlich ist es Teil des Jobs, die Mitbewerber zumindest ein Stück weit im Blick zu behalten und sich damit zu beschäftigen, was dort geschieht.

bundesliga.de: Wahrscheinlich ist diese Offenheit ein Grund dafür, dass Sie immer wieder Lösungen finden, wie Didier Ya Konan oder Mohammed Abdellaoue in Hannover, auf die andere nicht kommen. Wie sind Sie nun auf Artjoms Rudnevs gekommen, der zuletzt nicht so recht Fuß fassen konnte?

Schmadtke: Rudnevs war eine Idee von Peter Stöger, aber ich bin viel unterwegs und sehe mir viele Spieler an. Und ich notiere mir das eine oder andere. Ich habe zwar ein nicht so ausgeprägtes Namensgedächtnis, erinnere mich aber hervorragend an Gesichter und an bestimmte Ereignisse, bei denen mir etwas Besonderes aufgefallen ist. Wird mir ein Spieler angeboten, schaue ich in meinen Unterlagen nach, so war es auch bei Ya Konan. Dann wägt man gemeinsam mit dem Trainer Risiko und Chance ab und entscheidet sich für oder gegen die Verpflichtung des Spielers.

bundesliga.de: Was waren ihre ersten Gedanken, als Peter Stöger Sie auf Rudnevs angesprochen hat?

Schmadtke: Ich habe zunächst überlegt, wie ich den Spieler selbst wahrgenommen habe. Mein Bild war und ist das eines extrem laufstarken und sehr gradlinigen Profis, der die Bundesliga gut kennt. Das passte genau in das Profil, das wir gesucht haben. Und nachdem Rudnevs von unserer Scouting-Abteilung analysiert, bildlich in alle Bestandteile zerlegt und schließlich wieder zusammengesetzt worden war, haben wir uns für ihn entschieden.

bundesliga.de: Versteht der Fachmann Schmadtke da die Faszination, die für viele Fans vom Bundesliga Fantasy Manager ausgeht?

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Schmadtke: Ja, klar! Ich weiß zwar, dass die Realität doch ein wenig anders aussieht, aber ich kann die Faszination dieses Spiels sehr gut nachvollziehen. Für die Fans ist das sehr attraktiv.

Das Gespräch führte Andreas Kötter