Bundesliga

Jörg Schmadtke: "Es ist ein bisschen wie bei Sisyphos - ganz fertig wird man nie"

bundesliga.de: Was bedeutet das für den weiteren Weg des 1. FC Köln?

Schmadtke: Diese Frage lässt sich seriös nur sehr schwer beantworten. Würde man die wirtschaftlichen Zahlen der vergangenen Wochen und Monate heranziehen, müsste man zu dem Schluss kommen, dass die Entwicklung, die wir gerade durchlaufen, endlich ist. Soll heißen: Aufgrund unserer wirtschaftlichen Voraussetzungen hätten wir nur dann eine Chance ins internationale Geschäft zu kommen, wenn wir sportlich top sind und gleichzeitig andere Vereine schwächeln. Planerisch dagegen wäre eine Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb nach diesen Zahlen kaum möglich. Das ist zunächst einmal keine besonders erfreuliche Erkenntnis. Das Schöne an der Bundesliga ist aber, dass es genügend Beispiele gibt, die zeigen, dass es dennoch klappen kann, wenn es einem gelingt, das gewisse Momentum zu nutzen.

bundesliga.de: Ist der FC bereits so weit, solche Chancen nutzen zu können?

Schmadtke: Zunächst einmal denke ich, dass wir durchaus herausstellen dürfen, dass wir bisher einen guten Job gemacht haben. Denn es ist uns gelungen wirtschaftlich stärkere Clubs hinter uns zu lassen. Hätten wir aber vor einer Woche miteinander gesprochen, hätte ich wohl gesagt "Ein Punkt in Wolfsburg, das wäre toll". Jetzt ist das Spiel gespielt, und wir haben diesen einen Punkt, könnten nun aber sagen "Eigentlich hätten wir dort gewinnen können." Ist das Glas also halbleer oder halbvoll? Beides ist richtig, und wir wollen nun versuchen, das Glas vielleicht noch etwas voller zu bekommen. Wir wollen nicht jedes Jahr "nur" Neunter werden. Aber ich kann nicht in die Saison starten und zu meinem Präsidium und meinem Trainer sagen "Wir drehen jetzt an dieser und jener Stellschraube und bewerkstelligen zwei, drei Transfer - dann haben wir es! Dann kommen wir ins internationale Geschäft!" Nein. So einfach geht das nicht.

bundesliga.de: Ist es da schwierig die Kölner Mentalität, den kolportierten Hang zum Überschwang, in den Griff zu bekommen?

Schmadtke: Überhaupt nicht. Man mag das als Außenstehender, als Nicht-Kölner vielleicht annehmen. Ich aber habe dieses vermeintliche Phänomen, von dem ich vorher auch gehört hatte, während meiner Zeit in Köln bisher nicht wahrgenommen. Ich kann nicht bestätigen, dass hier bei einer Führung zur Halbzeitpause gleich von der Deutschen Meisterschaft gesprochen wird. Vielmehr ist es meine Erfahrung, dass man sehr nüchtern und sehr analytisch über alles diskutieren kann, was den 1. FC Köln betrifft, ohne dass man gleich ausgepeitscht würde, weil man nicht auch von der Deutschen Meisterschaft gesprochen hat. (schmunzelt)

bundesliga.de: Was sagt Hectors Entscheidung aus über den 1. FC Köln und über die aktuelle Mannschaft?

Schmadtke: Dass diese Mannschaft und ihre Spieler ein Stück weit werte- und nicht nur wirtschaftlich orientiert sind. Offensichtlich haben der Verein und diese Mannschaft eine bindende Kraft. Jonas ist unser einziger aktueller Nationalspieler und hat gerade erfolgreich eine EM gespielt. Das hat es in Köln schon lange nicht mehr gegeben. Er hat in diesem Club eine herausragende Position, die a) manchmal zu wenig herausgestellt wird und die b) er selbst aber gar nicht leben will. Dass es gelungen ist ausgerechnet mit ihm zu verlängern, ist für mich das Sahnehäubchen auf die aktuelle Entwicklung.

bundesliga.de: In dieses Bild passt, dass der 1. FC Köln der Club in der Bundesliga ist, der mit sieben die meisten Spieler aus der eigenen Stadt im Kader hat.

Schmadtke: Ich möchte das nicht überhöhen. Wir haben nicht bewusst gesagt "Wir müssen möglichst viele Kölner im Kader haben, um so das Lokal-Pathos zu bedienen". Das war sicherlich nicht der Gedanke. Jeder dieser Fälle hat vielmehr seine ganz eigene, logische Geschichte. Marco Höger etwa wollte unbedingt für den 1. FC Köln spielen, Marcel Risse wollte zurück in seine Heimatstadt, und Timo Horn ist in diesem Club groß geworden. Fakt ist, dass es uns im Moment gelingt, die bindende Kraft, die ich schon erwähnt habe, vernünftig einzusetzen.