Köln - Der SC Freiburg sieht sich gut gerüstet für die kommende Saison. Der Aufsteiger hat seine Personalplanungen weitgehend abgeschlossen und einige Veränderungen am Kader vorgenommen. "Es lässt sich gut an", glaubt Jochen Saier, der Sportvorstand der Breisgauer im Interview mit bundesliga.de. Durch den Aufstieg sei positive Energie und Freude freigesetzt worden, "die wollen wir jetzt in die Bundesliga mitnehmen".

bundesliga.de: Herr Saier, die Sommerpause hat in diesem Jahr viel länger gedauert als in den vergangenen Jahren. Hat dies Ihren Job als Sportvorstand erleichtert oder war kein Unterschied festzustellen?

Jochen Saier: In meiner Funktion hat man nur wenig von der Sommerpause. Wenn alle anderen nach der getanen Arbeit den Puls runterfahren, beginnt für mich die Hochphase. Aber das sind auch fließende Prozesse über das ganze Jahr. Wir konnten unsere Arbeit schnell umsetzen, nachdem klar war, dass wir den direkten Wiederaufstieg schaffen. So konnten wir schon vorher relativ viel abarbeiten. In den letzten ein, zwei Wochen war es einen Tick ruhiger. Aber zum Ende der Transferperiode wird es noch einmal etwas hektischer. Wir werden allerdings nicht mehr allzu viel tun und halten nur noch auf ein oder zwei Positionen die Augen offen.

bundesliga.de: Der Sport-Club hat bereits sieben Neuzugänge verpflichtet. Worauf haben Sie bei der Zusammenstellung des Kaders für die neue Saison vor allem geachtet?

Saier: Unser vorrangiges Ziel war, unsere Gruppe, die wir als sehr interessant erachten, zusammenzuhalten. Wir haben erst "nur" Transfers von Leihspielern gemacht. Wir wollten von der Stammformation des aktuellen Kaders niemanden abgeben. Diesen Bereich haben wir als erstes abgearbeitet. Die jungen, talentierten und hungrigen Spieler haben das auch so gesehen und wollten die nächste Stufe in ihrer Entwicklung bei uns gehen. Hier finden sie ein gutes Umfeld vor und haben nach dem Zweitliga-Jahr ein Standing. Da wir wissen, was in der Bundesliga auf uns zukommt, wollten wir unseren Kader deutlich verdichten, Positionen doppelt besetzen und uns idealerweise auch auf der einen oder anderen Position verstärken. Das war die Zielsetzung. Vom Gefühl her lässt sich das gut an.

"Wir müssen nicht alles falsch machen, um abzusteigen"

bundesliga.de: Auf der Bank des Sport-Clubs sitzt Christian Streich, der mittlerweile mit seinen viereinhalb Jahren im Amt der dienstälteste Trainer der Bundesliga ist. Wie groß ist für ihn die Herausforderung, nach dem Wiederaufstieg die Philosophie des Vereins in der Bundesliga fortzusetzen?

Saier: Das ist für uns alle und so auch für ihn eine Herausforderung, aber auch eine Aufgabe, auf die er sich freut. Bei uns wird niemand davon sprechen, dass eine Phase in der 2. Bundesliga toll ist, weil sie finanzielle Einbußen über Jahre im TV-Ranking bedeutet. Aber es hat auch einmal gut getan, deutlich mehr Spiele zu gewinnen und als Meister aufzusteigen. Das war in der Stadt zu spüren. Es ist ja keine Geheimnis, dass sich eine Arbeitswoche mit mehr Leichtigkeit gestaltet, wenn du Spiele gewinnst und von Beginn an oben dabei bist. Diese positive Energie und diese Freude wollen wir jetzt in die Bundesliga mitnehmen.

bundesliga.de: Wie geht der SC Freiburg die neue Saison in der Bundesliga an? Sehen Sie sich als Underdog oder als etablierter Bundesligist, für den das eine Jahr in der 2. Bundesliga ein schnell reparierter Betriebsunfall darstellte?

Saier: Wir gehen die Aufgabe mit einem Schuss Demut aber auch Überzeugung an und werden die Aufgabe mit Augenmaß begleiten. Wir wissen aber auch, dass wir als Gruppe über das ganze Jahr sehr eng beisammen bleiben müssen, um unser Ziel zu erreichen und eine erfolgreiche Bundesliga-Saison zu spielen. Man kann die Bundesliga ganz gut dreiteilen, was den Personalaufwand für den Spielbetrieb angeht. Das obere Drittel hat nichts mit dem mittleren Drittel zu tun und das mittlere Drittel relativ wenig mit dem unteren Drittel. Wir gehören zum unteren Drittel. Dennoch haben wir in sechs der letzten sieben Jahre in der Bundesliga gespielt. Wir müssen uns auch nicht kleiner machen, als wir sind. Wir wissen aber auch, dass wir zu der Gruppe gehören, die strampeln muss. Wir müssen nicht alles falsch machen, um abzusteigen. Das ist unser Los, aber auch eine gute Position, um die Arbeit anzugehen. Wir fühlen uns nicht unwohl in unserer Rolle. Wir sind kein Underdog. Wenn man die letzten 15 Jahre anschaut, sind wir schon irgendwie etabliert. Aber ganz etabliert ist man als SC Freiburg von der äußeren Wahrnehmung und der Infrastruktur auch wieder nicht. Das unterscheidet uns auch noch von Standorten wir Mainz oder Augsburg, die vielleicht noch als stabiler wahrgenommen werden.

"Wir sehen uns gut gerüstet"

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bundesliga.de: In dieser Hinsicht wird der SC Freiburg mit dem neuen Stadion aber in absehbarer Zukunft aufholen.

Saier: Genau. Das neue Stadion "ist auf dem Gleis". Wir haben intensiv daran gearbeitet, tun es immer noch und sind im Zeitplan. Diesen Schritt haben wir auch machen müssen. Wir lieben unser Stadion. Es steht für ehrlichen Fußball, es ist emotional, laut und eng und toll. Aber mit der Infrastruktur werden wir auf Strecke - und damit meine ich nicht die nächsten drei, vier Jahre sondern 15 bis 20 Jahre - hinten runterfallen. Die Abhängigkeit von TV-Geldern wird noch größer werden und ist nicht ganz gesund. Wir müssen in den Säulen Vermarktung und Ticketing stabiler werden und diese Dinge ausbauen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Für die aktuelle Saison sehen wir uns aber gut gerüstet.

bundesliga.de: Welche Erwartungen haben Sie insgesamt vor der neuen Saison? Bahnt sich an der Spitze wieder ein Zweikampf an, wird die halbe Liga gefühlt gegen den Abstieg kämpfen?

Saier: Es gibt sechs, sieben Vereine, die mit dem Abstieg überhaupt nichts zu tun haben. Aber in den letzten Jahren hat man auch gesehen, dass die Übergänge dann fließend sind. Ich glaube, dass wieder einige Mannschaften im Rennen sein werden und es ein größerer Abstiegskampf wird. An der Tabellenspitze hat Bayern München eine solche Stabilität und ein solches Fundament, dass es schwer werden wird, daran zu wackeln. Es gibt viele spannende Mannschaften wie Dortmund, das einen Veränderungsprozess durchläuft oder Leverkusen, das seine Mannschaft zusammenhalten konnte. Ich bin gespannt, würde aber die Bayern im Ranking schon ganz oben einorden.

bundesliga.de: Die großen Bayern haben aber schon seit einigen Jahren nicht mehr in Freiburg gewonnen.

Saier: Genau. Ich erinnere mich an unseren 2:1-Sieg am vorletzten Spieltag der vorletzten Saison. Aber wenn du eine Woche später absteigst - ein größerer Hammer geht ja nicht.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski