Als David Beckham wutentbrannt die Eckfahne umtrat und einen Urschrei in den italienischen Nachthimmel schickte, war für Werder das grün-weiße Wunder von Mailand vollbracht.

Ausgelassen wie Bambini-Fußballer tollten die Spieler des deutschen Vize-Meisters über den Rasen des Giuseppe-Meazza-Stadions, dirigiert von Zeremonienmeister Claudio Pizarro.

"Pizza" schießt Milan in tiefe Trauer

Mit seinen beiden Kopfballtoren in der 68. und 78. Minute hatte der Peruaner noch ein hochverdientes 2:2 (0:2)-Unentschieden beim AC Mailand erzwungen, nach dem 1:1 vor einer Woche im Weserstadion das perfekte Ergebnis zum Erreichen des Achtelfinales.

"Dieses Spiel haben wir gebraucht. Besonders wichtig war, dass wir bis zur letzten Sekunde voll konzentriert waren", sagte der Südamerikaner. Noch in der vergangenen Woche wegen Fehlens beim Abschlusstraining in der Bundesliga suspendiert, entschuldigte sich der 30-Jährige nun mit einem eminent wichtigen Doppelpack.

Allofs hält den Ball flach

Als stiller Genießer beobachtete Werder-Trainer Thomas Schaaf das fröhliche Treiben nach dem Abpfiff, in Gedanken schon längst beim Gastspiel von Rekordmeister Bayern München am Sonntag im Weserstadion. Bei aller inneren Freude konnte und wollte sich der Coach dem spontanen Freudentaumel seiner Schützlinge nicht anschließen: "Soll ich wie ein Huhn über den Platz laufen? Dieses Ergebnis war ein schönes Zeichen, aber wir müssen uns schnell wieder sensibilisieren für die Partie am Sonntag. "

Doch die Hanseaten werden mit breiter Brust gegen den Titelverteidiger, dem mit einem 5:0-Triumph in der Champions League bei Sporting Lissabon ebenfalls ein Befreiungsschlag gelang, antreten. "Nur wenige Mannschaften können in Mailand ein 0:2 aufholen. Das gibt großes Selbstvertrauen, und wir können es auch noch besser", erklärte Innenverteidiger Per Mertesacker.

Beifall aus der Curva Sud

Nicht nur der Nationalspieler, alle Bremer staunten, wie saft- und kraftlos die "Ü30-Auswahl" des Traditionsclubs aus der Lombardei über den Rasen schlich. Selbst nach Toren von Weltmeister Andrea Pirlo in der 26. Minute per Handelfmeter sowie Pato in der 33. Minute spielten die Gastgeber ihren uninspirierten Altherren-Fußball herunter und spekulierten vergeblich darauf, nur mit ihrer Routine den Vorsprung über die Zeit zu retten. Ohne die verletzten Ballzauberer Kaka und Ronaldinho fehlte es an jeglicher Kreativität.

Sogar die 23.280 Milan-Fans klatschen am Ende Beifall für die Hanseaten, die nun nach turbulenten Wochen und großen Problemen sportlich doch noch einmal die Kurve kriegen könnten - wenn auch gegen Bayern München gepunktet wird. Werder-Sportdirektor Klaus Allofs ist davon überzeugt: "Unser Weiterkommen ist total verdient. Uns fehlte einfach ein Erfolgserlebnis, jetzt ist es da." Kapitän Torsten Frings ergänzte: "Überlegen waren wir oft, doch diesmal haben wir den Sack endlich mal zugemacht."

Bye Bye "Becks"?

Was für die Norddeutschen die Wende zum Besseren bedeuten könnte, war für David Beckham möglicherweise schon der Abschied vom Mailänder Publikum. Nach wie vor ist nicht geklärt, ob und wann der Superstar zu Los Angeles Galaxy zurückkehren muss, sportliche Argumente dafür, dass der AC Mailand sein Ablöse-Angebot an den US-Club erhöht, lieferte der Engländer gegen Werder jedenfalls nicht.

"Jeden Tag werde ich gefragt, wie es mit mir weitergeht. Das nervt, denn ich weiß es ja selbst immer noch nicht", klagte der Mittelfeldspieler, der aber den K.o. im UEFA-Pokal nach seinem spontanen Wutanfall beim Schlusspfiff offensichtlich doch recht schnell verdaut hatte: "Natürlich war das eine enttäuschende Nacht für uns alle, aber so etwas passiert nun einmal im Fußball."