München - Bereits seit 16 Jahren arbeitet Jerome Touboul für die "L'Equipe", Frankreichs größte Sporttageszeitung, für die er täglich über Paris Saint-Germain berichtet. Vor dem Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League bei Bayer Leverkusen (Dienstag, ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) erklärt der Experte den Weg des amtierenden französischen Meisters und spricht über seine Chancen und die Perspektiven in der Königsklasse.

bundesliga.de: Herr Touboul, ist Paris Saint-Germain stärker geworden als in der vergangenen Saison?

Jerome Touboul: Ja, die Mannschaft ist noch stabiler und gefährlicher. Vor einem Jahr schied PSG gegen den FC Barcelona im Viertelfinale der Champions League aus, obwohl Paris in der Lage war, weiter zu kommen. Barca kam ja nur durch zwei Unentschieden ins Halbfinale. Das Problem war, dass die Spieler von PSG nicht genug an das Unmögliche geglaubt hatten, weil man gewisse Komplexe hatte. Jetzt denke ich, dass diese nun weg sind, auch wenn man noch nicht weiß, wo das wahre Niveau von PSG liegt, denn sie haben es in dieser Saison dank leichter Lose noch mit keinem hochkarätigen Gegner zu tun gehabt. Außerdem hat dieses Team mit dem Stürmer Edinson Cavani, der aus Neapel für 60 Millionen Euro kam, noch an Qualität gewonnen, auch wenn der Uruguayer im Hinspiel verletzungsbedingt fehlen wird. Seit etwa einem Monat spielt Paris allerdings nicht mehr ganz so dominant. Die große Unbekannte bleibt daher: Wie würde diese Mannschaft gegen Top-Teams wie den FC Bayern München, Chelsea oder Real Madrid aussehen?

bundesliga.de: Kann Paris gegen Bayer Leverkusen ausscheiden?

Touboul: Wenn man allein die Achse bei Paris sieht mit Thiago Silva, Thiago Motta und Zlatan Ibrahimovic, ist es schwer, etwas besseres in Europa zu finden. Bayer verfügt über keine Spieler dieses Niveaus. Aber Paris ist nicht so imponierend wie noch Ende 2013, insofern gibt es leichte Zweifel. Körperlich ist die Mannschaft nicht mehr so frisch, da gibt es ein paar Defizite, und die Abwehr wackelt immer wieder. PSG spielt nicht oft zu Null. Der Einzige, der konstant ist, ist Ibrahimovic.

bundesliga.de: Welches Image hat Bayer Leverkusen in Frankreich?

Touboul: Stefan Kießling ist bekannt durch seine Tore und seine Effektivität. Aber man weiß auch, dass dieses Team kurz vor der Winterpause und kurz danach eine schlechte Phase hatte. Nun geht es wieder besser, aber Paris sollte es schaffen, auch wenn PSG viel zu sehr gelobt wird. Bayer steht nicht zufällig seit etlichen Wochen auf dem 2. Platz einer Liga, die im vergangenen Mai mit Bayern München und Borussia Dortmund zwei Vereine im Finale der Champions League hatte. Außerdem hat Paris in dieser Saison gegen keine einzige Mannschaft aus den Top 4 der Ligue 1 gewinnen können. Es wird also nicht so leicht für PSG.

bundesliga.de: Was wird der Schlüssel in diesem Duell?

Touboul: Die Form und die Leistung eines Ibrahimovic, aber auch eines Thiago Motta, das Hirn des Pariser Star-Ensembles. Aber auch der physische Aspekt könnte eine Rolle spielen, denn die Leverkusener sind durch die Winterpause körperlich gut drauf und einfach frischer. Sie hatten zuletzt keine englischen Wochen.

bundesliga.de: Kann Paris Saint-Germain bereits in dieser Saison die Champions League gewinnen?

Touboul: Ich glaube, das ist ein bisschen verfrüht. Wenn man die Bayern, Real Madrid oder Chelsea sieht, hat man den Eindruck, dass sie etwas mehr vorzuweisen haben, zum Beispiel einen breiteren Kader. Spieler wie Ezequiel Lavezzi, Lucas Moura, Javier Pastore oder Jeremy Menez haben sich nicht durchgesetzt. Paris ist darum sehr abhängig von Ibrahimovic, während Bayern auch ohne Ribery gewinnt, Barcelona ohne Messi und Real Madrid ohne Cristiano Ronaldo genauso. Das könnte für Paris fatal sein. 

Das Gespräch führte Alexis Menuge