Fortaleza - Jerome und Kevin-Prince Boateng haben fast jeden Tag Kontakt. Die Halbbrüder schreiben sich SMS, chatten oder telefonieren, sie wollen am Leben des anderen teilhaben. Bei der WM herrschte bislang aber Funkstille. "Wir hatten noch keinen Kontakt, jeder konzentriert sich auf sich selbst", verriet Jerome Boateng. 

Ein Gespräch wäre derzeit auch nicht so einfach. Der eine, der für Deutschland Weltfußballer Ronaldo zu einem Statisten degradierte, schwebt auf Wolke sieben. Der andere, der bei Ghana lange Zeit nur die Bank drückte, ist am Boden zerstört. 

Und um das Dilemma perfekt zu machen, treten die beiden charakterlich so unterschiedlichen Boateng-Brüder am Samstag in Fortaleza auch noch gegeneinander an (ab 20:45 Uhr im Live-Ticker). Jerome (25) kann, wenn auch mit einer Schiene am verletzten Daumen, mit der deutschen Nationalmannschaft den zwei Jahre älteren Kevin-Prince und dessen Ghanaer schon aus dem Turnier schießen. Eine harte Belastungsprobe für die Bruderliebe.

Offene Rechnung nach Kritik im Vorfeld

"Ich freue mich sehr auf das Spiel und darauf, dass beide Boateng-Brüder auf einem Platz stehen werden", versicherte Kevin-Prince. Das war allerdings vor der 1:2-Auftaktpleite Ghanas gegen die USA gewesen, bei der der gebürtige Berliner dann auch noch 59 Minuten lang auf der Bank saß. Danach kam dem leicht genervten Schalke-Star kein Wort über Deutschland oder Bruder Jerome über die Lippen.

Die Chance, dass der ehemalige Milan-Profi gegen die deutsche Mannschaft wieder zur Startformation der "Black Stars" gehört, ist groß. Ob Boateng dann aber viel Freude haben wird, ist fraglich. Denn Philipp Lahm und Co. sind heiß auf den früheren DFB-Juniorennationalspieler. Dessen Kritik im Vorfeld der WM haben sie nicht vergessen, auch Bruder Jerome nicht.

Er vermisse in der deutschen Mannschaft "Typen und Charaktere, die eine Mannschaft mitreißen können", hatte Boateng bemängelt: "Immer, wenn es darauf ankam, haben sie es nicht geschafft." Es fehle ein Typ wie Stefan Effenberg oder Michael Ballack.

Unzertrennlich auf dem Bolzplatz

Eben jenen Ballack hatte Boateng bei seinem denkwürdigen Foul kurz vor der WM 2010 für das Endturnier außer Gefecht gesetzt. Danach stand er in ganz Deutschland am Pranger. Und auch in der Beziehung zu Bruder Jerome kriselte es damals. "Zu der Zeit haben wir sicher ein wenig gestritten", sagt Kevin-Prince.

Früher, als sie gemeinsam auf dem 30 mal 15 Meter kleinen Bolzplatz "An der Panke" im Berliner Problembezirk Wedding kickten, waren sie unzertrennlich. Später auch bei Hertha BSC, erst in der U23, danach in der Profimannschaft. Einmal, am 10. Februar 2009, spielten beide sogar gemeinsam für die deutsche U21. Danach entschied sich Kevin-Prince wegen fehlender Perspektive im A-Team für Ghana, für das Land des gemeinsamen Vaters George.

Bruder Jerome suchte seine Chance in der deutschen Auswahl - und nutzte sie. Aus der Startelf ist der Bayern-Verteidiger nicht mehr wegzudenken, beim 4:0 zum WM-Start gegen Portugal stach er sogar den chancenlosen Weltfußballer aus. "Boateng hat es klasse gegen Ronaldo gemacht", schwärmte Bundestrainer Joachim Löw.

Ein Boateng gewinnt auf jeden Fall

Gegen Ghana wird Jerome genauso kompromisslos gegen seinen Bruder vorgehen, sollten sie sich begegnen. Schon bei der WM 2010 in Südafrika war es am letzten Gruppenspieltag zum direkten Boateng-Duell gekommen, damals gewann Deutschland 1:0, beide Teams kamen weiter. Das dürfte diesmal bei einer Niederlage von Ghana nicht passieren.

Ein Boateng wird aber auf jeden Fall gewinnen - Vater Prince. "Für mich ist es das leichteste Spiel überhaupt", sagte er der "tz": "Egal, was passiert, ich kann ja nur gewinnen."