München - "Mir san mir": Der Leitspruch des FC Bayern dokumentiert seit Jahrzehnten die Selbstverständlichkeit, mit der die Münchner ihre Siege in der Bundesliga einplanen. Dabei spielte es bislang keine Rolle, wer der Gegner ist und wo die Partie stattfindet.

In der momentanen Situation gilt das bajuwarische Motto allerdings nur noch in der heimischen Allianz Arena, denn jenseits des Weißwurstäquators ist der Rekordmeister derzeit anfällig wie nie. Zwar steht die Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes mit fünf Siegen, drei Remis und vier Niederlagen in der Auswärtstabelle immer noch auf Platz 4, doch die Bilanz seit Anfang Oktober ist für Bayern-Verhältnisse katastrophal.

"Wir haben auswärts ein großes Problem"



In Zahlen ausgedrückt: Der FCB gewann nur zwei der letzten neun Auswärtsspiele in der Bundesliga - in der Rückrunde durfte man noch kein einziges Mal einen "Dreier" bejubeln (zwei Unentschieden, zwei Niederlagen). Nimmt man den Champions-League-Auftritt in Basel hinzu, hat der FC Bayern auswärts seit drei Spielen gar nicht mehr getroffen (Freiburg, Basel, Leverkusen) - das war dem Rekordmeister zuletzt vor zehn Jahren passiert.

Während man in der Allianz Arena 83 Prozent der möglichen Punkte in der Bundesliga holte und im Schnitt drei Tore pro Spiel erzielte, sind es in der Fremde nur 50 Prozent der Punkte - und lediglich 1,25 Tore pro Spiel. Dabei wissen Club-Verantwortliche, Spieler und Fans längst, wo der Schuh drückt - alleine mit der Umsetzung hapert es. "Wir haben auswärts ein großes Problem im Moment. Wenn wir das nicht lösen, werden wir keine Erfolge feiern", erkannte Mario Gomez nach der 0:1-Niederlage im Champions-League-Hinspiel gegen den FC Basel.

Und auch FCB-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sprach unlängst die ungewohnte Negativserie in der Fremde an. "Es gibt halt einen Unterschied zwischen Auswärts- und Heimspielen. Da wird die Mannschaft dran arbeiten müssen, dass auswärts auch die Punkte und Erfolge erzielt werden. Sonst werden wir unsere Ziele dieses Jahr nicht erreichen können." Problem erkannt - aber nicht gebannt: Beim nächsten Auftritt in der Fremde gab es für Gomez und Co. mit dem 0:2 in Leverkusen erneut eine Auswärtsschlappe.

Ein Gegentor genügt - und Bayern gerät ins Wanken



"Ich weiß nicht, woran es liegt", sinnierte Arjen Robben nach dem Auftritt in der BayArena. "Wie soll ich das erklären? Fußball ist manchmal ganz komisch. Wenn wir oben stehen würden, Tabellenführer wären, dann wären die Bälle heute wahrscheinlich rein gegangen. In unserer aktuellen Situation klappt es aber einfach nicht."

Die Protagonisten tappen also weitgehend im Dunkeln - doch aus den Niederlagen lässt sich ein klares Muster ableiten: Ein Gegentor genügt bereits, um die Bayern ins Mark zu treffen. Acht Mal gerieten sie in der aktuellen Saison mit 0:1 in Rückstand, gewonnen haben sie danach nur ein einziges Mal. Wohl nicht zu Unrecht verweisen Kritik darauf, dass die Taktik zu unflexibel ist, wenn man erst einmal in Rückstand gerät.

An einer mangelnden Dominanz liegt es jedenfalls nicht, dass der Tabellenzweite in fremden Stadien kaum etwas Zählbares mitnehmen kann. Mit etwa 60 Prozent ist der Ballbesitz-Anteil in der Rückrunde auswärts und zu Hause gleich hoch, wobei die Fehlpassquote in der Fremde etwas höher (14 Prozent) als in der Allianz Arena (12 Prozent). Auch in Punkto Zweikampfstärke waren die Münchner zu Hause etwas besser (52 Prozent gewonnen) als auswärts (50 Prozent).

Lösungsansätze müssen her



Dabei genügt ein Blick in die Torschussstatistik, um das bajuwarische Übel zu erkennen: In der Rückrunde gelangen dem FC Bayern mit 60 Torschüssen in vier Auswärtsspielen nur zwei Tore, was einer desolaten Trefferquote von 3,3 Prozent entspricht.

Wo es einerseits nicht an der Quantität mangelte, fehlte es andererseits an Qualität. Die Heynckes-Truppe schaffte es außerhalb der Allianz Arena kaum, sich Großchancen zu erarbeiten: In drei Rückrunden-Heimspielen hatten die Münchner zwölf Großchancen (vier pro Spiel), in vier Auswärtsspielen nur vier (eine pro Spiel). Zum Vergleich: Borussia Dortmund traf 2012 auswärts mit jedem sechsten Torschuss (17 Prozent) - in Heimspielen nutzten die Bayern im Schnitt immerhin noch jeden achten Torschuss (12 Prozent).

"Wir leben in einem Eine-Woche-gut-und-eine-Woche-schlecht-Rhythmus", moniert Thomas Müller - und meint die Spiele zu Hause und auswärts. Damit es endlich auch wieder in der Fremde läuft, müssen an der Säbener Straße schnellst möglich Lösungsansätze her. Ansonsten muss das Bayern-Motto erst einmal eingemottet werden.

Johannes Fischer