Gelsenkirchen - Wenn Javi Martinez trifft, ist das schon etwas Besonderes. 30 Monate hat der Spanier Anlauf genommen, um in der Bundesliga für den FC Bayern wieder erfolgreich zu sein - und einen besseren Zeitpunkt als beim 3:1-Sieg der Bayern auf Schalke hätte er sich dafür kaum aussuchen können.

Robert Lewandowski will Martinez zwar keine Konkurrenz machen. Doch für einen kurzen Moment stand der Verteidiger beim Spiel auf Schalke genau dort, wo ein Mittelstürmer stehen muss. Im Strafraum tauchte er plötzlich genau zwischen Schalkes Abwehrduo Benedikt Höwedes und Joel Matip auf und köpfte die Flanke von Arjen Robben perfekt ins gegnerische Netz. 2:1 für die Bayern nach 69 Minuten, der Dosenöffner zum 3:1-Sieg und der Wegweiser zum neuen Startrekord mit 37 Punkten aus 13 Spielen.

Tor als i-Tüpfelchen

Ausgerechnet Javi Martinez, könnte man sagen. So lange war der 27-Jährige verletzt, fiel erst nach seinem Kreuzbandriss und dann mit Problemen an der Patellasehne monatelang aus. So schwer musste er sich wieder in die Mannschaft zurückkämpfen, stand gegen Schalke erst zum vierten Mal in dieser Saison in der Starformation. Und so ausgelassen fiel auch sein Jubel aus – strahlendes Lachen, Luftsprung und ein feiernder David Alaba huckepack auf dem Rücken inklusive.

Die Mitspieler wissen, was dieses Tor als i-Tüpfelchen einer durch und durch starken Leistung auf Schalke für Martinez bedeutet. "Hinter ihm liegt eine schwere Zeit mit Verletzungen, das Tor war sicher etwas Besonderes für ihn", freute sich Arjen Robben. Und musste zugleich lächelnd den Kopf schütteln: "Ich weiß auch nicht, was Javi da im Strafraum gemacht hat. Er ist einfach reingelaufen und macht das Ding gut rein. Vielleicht ist das ja eine neue Position für ihn!?"

Auch Pep Guardiola musste nach dem Abpfiff darüber schmunzeln, "dass er da als Innenverteidiger auftaucht". Zugleich durfte sich der Trainer einmal mehr in seiner Wertschätzung für seinen spanischen Landsmann bestätigt fühlen. Erst vor kurzem hatte Guardiola betont: "Javi ist so wichtig für uns. Mit seinem Herzen, mit seiner Leidenschaft. Er ist ein super Typ, ein super Mensch. Er ist der geborene Teamplayer."

Kampf statt Kunst

Und so war es auch kein Zufall, dass an diesem Abend in Gelsenkirchen Javi Martinez besonders in den Fokus rückte und zum Matchwinner für die Bayern wurde. Denn Leidenschaft und Herz waren vor allem gefragt in dieser Partie, in der Bayerns Zauberfußball dieses Mal kaum zum Tragen kam. Kampf statt Kunst hieß die Devise auf tiefem, matschigem Geläuf und gegen einen Gegner, der sich in jeden Ball warf und zudem "einen Bus vor dem eigenen Strafraum geparkt hatte", wie es Thomas Müller mit Blick auf Schalkes Fünfer-Abwehrkette formulierte.

In einem solchen Spiel gehe es "dann eben um Kampf und um Leidenschaft, aber auch um Disziplin", bestätigte Robben im Interview nach der Partie. Arbeiten und kämpfen – das sei auch die Botschaft des Trainers vor Anpfiff gewesen. Und "immer an die 100 Prozent gehen, sonst geht es nicht", wie Müller ergänzte.

Trotzdem hatte sich der Tabellenführer lange Zeit schwer getan gegen die diszipliniert verteidigenden Gastgeber – bis Javi Martinez mit seinem Vorstoß und seinem Tor den Bann brach und seine eigene Leistung krönte. Denn auch seinen ureigenen Job als Abwehrchef in Vertretung von Jerome Boateng erledigte der Spanier derart souverän, dass defensiv wenig anbrannte. Genau einmal zielte Schalke konkret aufs Bayern-Tor – das zwar erfolgreich, aber ohne Verschulden von Martinez.

Das erklärt auch, warum der Nationalspieler bei Guardiola zurzeit als Innenverteidiger gesetzt scheint. Alle neun Pflichtspiele in dieser Saison hat Martinez auf dieser Position absolviert. Und auch die Statistik spricht für ihn: Er weist nicht nur eine gute Zweikampfquote aus und kommt ohne viele Fouls aus, sondern glänzt auch als Anspielstation und Ballverteiler. Beim Arbeitssieg auf Schalke hatte Javi Martinez nach Vidal und Alonso (beide 138) die meisten Ballkontakte (131) und spielte stolze 115 Pässe – die meisten auf dem Platz.

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte