Zusammenfassung

- "Bei der Borussia kann wirklich jeder kicken"

- "Ich kann auch im defensiven Mittelfeld spielen. Aber ich sehe mich selbst als Innenverteidiger"

- "Gladbach gilt in Dänemark als großer Verein, nicht zuletzt weil hier viele Dänen sehr erfolgreich waren"

Mönchengladbach - Dänen haben eine lange, erfolgreiche Tradition bei Borussia Mönchengladbach. So ist Neuzugang Jannik Vestergaard bereits der 17. Borusse, der aus unserem nördlichsten Nachbarland stammt. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Vestergaard über seine Familie und seine ersten Tage bei Borussia, über sein Selbstverständnis als Innenverteidiger und über die Gründe dafür, dass dänische Fußballer ein echter Exportschlager sind.

bundesliga.de: Herr Vestergaard, seit einigen Tagen sind Sie Gladbacher Borusse. Wie ist Ihr erster Eindruck vom neuen Team?

Jannik Vestergaard: Ich kenne einige der Jungs bereits aus der Vergangenheit. Das vereinfacht das ohnehin völlig problemlose Eingewöhnen bei Borussia noch einmal und man lernt die ungeschriebenen Regeln in der Kabine noch schneller als das sonst vielleicht der Fall wäre. (lacht) Jonas Hofmann etwa kenne ich noch aus der Jugend bei der TSG 1899 Hoffenheim, dasselbe gilt für Tobias Strobl. Und mit meinem Landsmann Andreas Christensen habe ich häufig gemeinsam für die dänische U21-Nationalmannschaft und zuletzt auch für das A-Team gespielt. Insgesamt ist mein Eindruck, dass bei Borussia jeder mit jedem gut kann und dass wir eine sehr angenehme, sehr homogene Truppe sind. Was das Fußballerische betrifft: Wenn man das erste Mal mit den Jungs auf dem Platz steht, merkt man sofort, welche Qualität diese Mannschaft hat. Hier kann wirklich jeder kicken.

bundesliga.de: Haben Sie auch schon einen Eindruck von der Stadt?

Vestergaard: Ich wohne zurzeit noch im Hotel. Um in der Freizeit nicht nur auf dem Zimmer zu hocken, bin ich mit meiner Freundin und meinem Hund oft draußen unterwegs. Wir erkunden dann schon einmal die Stadt und die nähere Umgebung und bis jetzt gefällt uns alles sehr gut.

bundesliga.de: Ihr deutscher Opa wohnt in Krefeld, und sogar bei Borussia gibt es Verwandtschaft...

Vestergaard: Das ist richtig. Mein Cousin Mika spielt in dieser Saison für Borussias U15. Es ist schön, wenn zumindest Teile der Familie so nah sind.

bundesliga.de: Ihre Eltern leben in Dänemark. Ihre deutsche Mutter ist Cellistin, Ihr dänischer Vater Beamter im Justizministerium...

Vestergaard: Auch mein Papa hat ursprünglich eine Karriere in der Musik angestrebt, er war Pianist. Als er aber erkennen musste, dass es für eine Karriere als Konzertpianist vielleicht doch nicht reichen und nur ein Job als Musiklehrer in Frage kommen würde, hat er umgesattelt.

bundesliga.de: Hätten sich so künstlerisch veranlagte Eltern für Sie nicht auch eine musische Karriere gewünscht?

Vestergaard: Meine Familie ist durchaus auch eine fußballverrückte Familie. Mein Opa Hannes (Schröers; d. Red.) hat u. a. für Fortuna Düsseldorf gespielt, mein Onkel Jan (auch Schröers; d. Red.) war deutscher  Junioren-Nationalspieler. Deshalb war immer klar, dass, würde sich mir tatsächlich einmal die Möglichkeit bieten professionell Fußball zu spielen, meine Familie das hundertprozentig unterstützen würde. Dass ich allerdings - Stand heute - kein Abitur habe, das hat sich mein Papa wohl nicht vorstellen können als ich noch klein war. Aber er hat die Schule auch abgebrochen und das Versäumte erst nachgeholt, als ihm klar wurde, dass sich sein Traum von der Karriere als Konzertpianist nicht verwirklichen lassen würde.

bundesliga.de: Sind Sie denn wenigstens ein bisschen musikalisch?

Vestergaard: Ich würde nicht sagen, dass ich komplett "ohne Ton" bin. (lacht) Aber Musizieren hat für mich nie eine so große Rolle gespielt wie beispielsweise für meine Schwestern, die sehr gerne singen und auch ein Instrument spielen können. Bei mir ist es schon immer der Fußball gewesen, der absolut im Mittelpunkt steht.

Video: Vestergaards neue Heimat

bundesliga.de: Wussten Sie schon vor Ihrem Wechsel um die große dänische Tradition von Borussia mit Spielern wie Ulrik le Fevre, Henning Jensen, Allan Simonsen oder aktuell Andreas Christensen?

Vestergaard: Borussia Mönchengladbach gilt in Dänemark als großer Verein, nicht zuletzt weil hier so viele Dänen so erfolgreich waren. Man muss sehen, dass Dänemark kein allzu großes Land ist. Umso mehr sind Dänen stolz auf ihre Landsleute, die solche Erfolge feiern können, die auch international Bedeutung haben – egal ob es sich dabei um Fußballer, Designer, Musiker oder Schauspieler handelt.

bundesliga.de: Dänemark, Norwegen oder auch Schweden sind – was die Einwohnerzahl betrifft – relativ kleine Länder, die aber immer wieder international erfolgreiche Fußballer und Künstler hervorbringen. Ein Resultat des Wikinger- oder auch Entdecker-Gens?

Vestergaard: Ich bin kein so guter Historiker, um das im Detail erklären zu können. Aber es stimmt, dass wir sehr offen und nach außen orientiert sind. In Dänemark werden Spielfilme und Serien zum Beispiel immer im Original mit Untertiteln gezeigt. So wachsen Dänen von Kind an mit der englischen Sprache auf. Wir wissen sehr genau, dass Dänemark nicht das Zentrum der Welt ist, und sind uns deswegen nicht zu schade, unsere Inspirationen auch jenseits der Grenzen Dänemarks zu suchen und zu finden.

bundesliga.de: Was macht Dänen besonders im Vergleich zu den skandinavischen Nachbarländern?

Vestergaard: Wir sind Skandinavier! Skandinavien ist nach unserer Definition Dänemark, Norwegen und Schweden. Und erst dann kommen vielleicht noch Finnland und Island dazu. (lacht) Ich habe überhaupt nichts gegen Finnen und Isländer. Aber vor allem mit den Schweden, da gibt es durchaus eine große Rivalität. (lacht) Das ist natürlich alles eher spaßhaft gemeint. Wir Dänen sind uns bewusst, dass wir keine Weltmacht sind. Wenn wir im Weltgetriebe mithalten wollen, müssen wir offen sein. Und ich glaube, dass es diese Offenheit ist, die uns ganz besonders auszeichnet.

bundesliga.de: Wären Sie auch nach Gladbach gekommen, wenn nicht mit Andreas Christensen bereits ein Landsmann bei der Borussia wäre?

Vestergaard: Auf jeden Fall! Borussia ist ein seit Jahren hervorragend geführter Verein mit einer sehr jungen Mannschaft, die tollen Fußball spielt. Ich möchte wissen, ob ich auf diesem Level mithalten und den nächsten Schritt in meiner Entwicklung machen kann. Dass ich zudem gemeinsam mit Andreas spielen kann, das ist ein toller Bonus.

bundesliga.de: Eine Innenverteidigung mit Ihnen und Christensen müsste sich durch die Erfahrungen in den dänischen Auswahlteams nicht erst finden...

Vestergaard: Diese Erfahrungen können in der Tat nicht schaden. Aber ich glaube, dass umgekehrt in Zukunft vor allem die dänische Nationalmannschaft davon profitieren wird, dass Andreas und ich jetzt tagtäglich zusammen trainieren. Und vielleicht auch häufig zusammen spielen werden.

>>> Vestergaard: Gladbachs fehlendes Puzzleteil

bundesliga.de: Lieber in einer Dreier- oder in einer Viererkette?

Vestergaard: Das würde für mich keine Rolle spielen. Ich fühle mich in beiden Systemen gleich wohl. Und es wäre mir auch egal, ob links, rechts oder in der Mitte einer Dreierkette. Egal, welche Taktik und welche Aufgabenstellung der Trainer für das jeweilige Spiel für passend hält - ich werde alles daran setzen, meine Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen.

bundesliga.de: Wie interpretieren Sie die Rolle des Innenverteidigers in einem System, in dem die gesamte Mannschaft sehr hoch agiert?

Vestergaard: Hoch verteidigt - das haben wir mit Werder Bremen in der vergangenen Saison im Borussia Park auch. Einmal hat das sehr gut geklappt (im DFB-Pokal beim 4:3-Sieg; d. Red.), einmal nicht (beim 1:5 am 20. Spieltag; d. Red.). Der größte Unterschied für mich wird sein, dass wir in aller Regel mehr Ballbesitz haben werden als ich das aus der Zeit bei Werder Bremen kenne. Und längere Ballbesitz-Passagen könnten da schon einmal zu etwas Übermut und so dazu führen, dass man sich zu sehr in die Offensive einschaltet und plötzlich hinten offen für Konter ist. Deshalb sehe ich es als meine Aufgabe an, dass ich gemeinsam mit meinen Kollegen den Defensivverbund so organisiere, dass es zu solchen Situationen nicht kommt. Ballverluste werden immer einmal passieren. Dann muss man versuchen, die Kugel sofort zurückzuerobern. Und gelingt das nicht, muss man wenigstens so gut organisiert stehen, dass es nicht gefährlich werden kann fürs eigene Tor.

bundesliga.de: Sie sind durchaus auch im defensiven Mittelfeld einsetzbar...

Vestergaard: Ich kann auch im defensiven Mittelfeld spielen. Aber ich sehe mich selbst als Innenverteidiger und glaube, man hat mich vor allem auch für diese Position geholt. Sollte es aber notwendig sein, helfe ich selbstverständlich immer dort, wo die Mannschaft mich gerade braucht.

bundesliga.de: Welche Ziele haben Sie sich für Ihre erste Saison gesetzt?

Vestergaard: Ich möchte mich an das Level bei Borussia heranarbeiten und zeigen, was ich kann. Natürlich wünsche ich mir dafür so viele Einsatz-Minuten wie eben möglich. Die Voraussetzung dafür aber ist tägliche, harte Arbeit.

bundesliga.de: Was trauen Sie Borussia zu?

Vestergaard: Die vergangene Saison hat für Borussia sehr schlecht begonnen und dann ist daraus doch noch ein sehr, sehr gutes Jahr geworden. Das zeigt, dass man erst einmal ein paar Spieltage abwarten sollte, bevor man eine Prognose abgibt. Ich werde jetzt jedenfalls bestimmt keinen Tabellenplatz als Ziel nennen. Wir werden sehr viele Spiele haben. Gelingt es uns, in allen drei Wettbewerben einen guten, konstanten Fußball zu zeigen – was eine Herausforderung ist, weil das eine große Belastung nicht nur für den Körper, sondern auch für den Kopf bedeutet – wäre das eine tolle Sache.

Das Gespräch führte Andreas Kötter