Leverkusen - Er ist das Gesicht von Bayer 04 Leverkusen. Seit zehn Jahren erzielt Stefan Kießling nicht nur in schöner Regelmäßigkeit seine Tore, sondern zählt zu den beständigsten Profis der Bundesliga überhaupt.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der 31-jährige über die nicht nur für ihn nicht ganz einfache vergangene Saison, über den Abschied von Rolfes, Reinartz und Castro und die Neuen, und über die Bundesliga-Rückkehr von Arturo Vidal.

"Von 49 Pflichtspielen 49 absolviert"

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bundesliga.de: Herr Kießling, die vergangene Saison war sicherlich nicht Ihre glücklichste Zeit als Bundesliga-Profi; trotzdem war es wie immer in den vergangenen zehn Jahren bei Bayer 04 , Sie haben gespielt und Ihre Tore gemacht...

Stefan Kießling: Nimmt man die statistischen Werte, hatte ich in der Vergangenheit schon mehr Torchancen als 2014/15, habe in den Spielzeiten zuvor auch mehr Tore geschossen und mehr vorbereitet. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich mich in die neue Rolle, die man mir zugedacht hat, hinein gefunden habe. Nichtsdestotrotz habe ich von 49 Pflichtspielen 49 absolviert, war bei den Zweikämpfen und der Laufleistung wieder gut dabei und bin deshalb wie Sie der Meinung, dass es am Ende doch eine ordentliche Saison war.

bundesliga.de: Nicht nur Sie, die gesamte Mannschaft brauchte Zeit, um sich an die Vorstellungen von Trainer Roger Schmidt zu gewöhnen...

Kießling: Das ist korrekt (schmunzelt). Wir haben es in den ersten Spielen der vergangenen Saison zwar sehr gut gemacht. Dann aber hat man gespürt, dass wir gerade in Bezug auf die Einteilung unserer Kräfte etwas cleverer agieren müssen. In der Winterpause haben wir das analysiert und in der Rückrunde ist es viel besser gelaufen. Auch ich selbst habe wieder öfter getroffen, weil ich etwas anders agieren konnte als in der Vorrunde - klar, wenn ich im Mittelkreis die Bälle verteilen soll, wird es ziemlich schwierig die Dinger vorne auch noch rein zu machen (lacht).

bundesliga.de: Mit Ihren neun Treffern haben Sie Rudi Völler aus der Top Twenty der ewigen Torschützenliste geworfen, bei weiteren sechs winkt gar die Top 15; durchaus ein Grund stolz zu sein auf das Erreichte...

Kießling: Darauf bin ich auch sehr stolz. Ich glaube, dass ich einiges erreicht habe im Laufe meiner Karriere. Ich war Torschützenkönig und habe in zehn Jahren bei Bayer 04 immer meine Spiele gemacht, ob in der Liga oder in der Champions League. Und eine "Randnotiz" wie die ewige Torjägerliste ist auch nicht so verkehrt.

"Rolfes, Reinartz, Castro? – Ein herber Verlust!"

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bundesliga.de: Mit Simon Rolfes, Gonzalo Castro und Stefan Reinartz haben drei Kollegen Bayer verlassen, mit denen Sie zum Teil diese zehn Jahre zusammen gespielt haben; was bedeutet dieser Verlust sportlich?

Kießling: Das ist ein herber Verlust. Nicht nur sportlich, sondern gerade auch menschlich, weil alle drei charakterlich top sind. Aber im Fußball ist es nun mal so, dass sich Wege irgendwann trennen können. Umso wichtiger ist es, dass die Neuzugänge passen. Wir haben sehr viele junge Spieler, die ein Wahnsinnspotenzial haben. Wenn es denen gelingt dieses Potenzial zu bestätigen, bin ich davon überzeugt, dass wir eine sehr schlagkräftige Truppe stellen.

bundesliga.de: Werden Sie beim Gedanken an Simon Rolfes, der dem Fußball Lebewohl gesagt hat, ein bisschen wehmütig, weil Sie spüren, dass auch die eigene Karriere im Herbst angekommen ist?

Kießling: Solche Gedanken kommen einem tatsächlich schon mal. Simon hat mit 33 aufgehört. Mein Vertrag bei Bayer 04 läuft in zwei Jahren erst einmal aus, dann werde ich ebenfalls 33 sein. Aber ich versuche so wenig wie möglich daran zu denken und die Zeit zu genießen. Fußball ist meine Leidenschaft und ich bin dankbar für jedes Spiel, das ich machen darf. Auch wenn mir hoffentlich noch ein bisschen Zeit bleibt...

bundesliga.de: Ist die Integration der neuen Spieler soweit gelungen, dass die Mannschaft anknüpfen kann an die Leistungen der Rückrunde?

Kießling: Man wird sicherlich erst einmal abwarten müssen, wie es jetzt läuft. In den Testspielen kann alles super funktionieren, das ist aber keine Garantie dafür, dass es in den Pflichtspielen genauso gut klappt. Grundsätzlich haben wir in der Vorbereitung sehr gut gearbeitet und gegen Levante und Verona sehr gute Tests absolviert, in denen wir nahezu alles umsetzen konnten, was wir uns vorgenommen hatten. Die Kunst ist es, diese Leistungen von Beginn an Spiel für Spiel abzurufen. Ich hoffe, dass wir diesbezüglich dazugelernt haben und nicht erst sechs, sieben Spiele brauchen.

"Christoph Kramer hat sich hervorragend entwickelt"

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bundesliga.de: Einer der Neuen ist Christoph Kramer. Wie ist Ihr Eindruck vom Weltmeister?

Kießling: Christoph hat sich hervorragend entwickelt. Er ist sportlich und menschlich gereift, und wir hoffen alle, dass er an seine hervorragenden Leistungen in Gladbach anknüpfen kann.

bundesliga.de: Mit Mehmedi ist nach Drmic erneut ein Stürmer da, der scharf auf Ihren Platz in der ersten Elf sein dürfte; oder sehen Sie eine sozialverträgliche Lösung?

Kießling: Ich sehe Admir nicht als zentralen Stürmer. Er ist ein sehr guter Fußballer, hat eine unglaubliche Technik und ein gutes Auge für die Mitspieler, ist sehr variabel und kann damit auf jeder Position in der Offensive spielen. Er wird uns garantiert weiterhelfen. Klar, ich will auch spielen. Und wenn ich meine Leistung bringe, wird das auch geschehen. Aber warum nicht gemeinsam mit Admir?!

"Bei Vidal passt das ganze Paket"

bundesliga.de: Mit Arturo Vidal kehrt ein alter Bekannter von Bayer 04 in die Bundesliga zurück. Wie haben Sie Vidal in Erinnerung?

Kießling: Ich habe Arturo diese Entwicklung zugetraut, weil er ein exzellenter Fußballer ist, der zudem sehr mannschaftsdienlich spielt. Von seiner Mentalität her hat er zwar den Hang dazu ein Hitzkopf zu sein. Aber ich habe den Eindruck, dass er sich bei Juventus Turin weiter entwickelt hat und gereift ist. Bei ihm passt das ganze Paket.

bundesliga.de: Sind die Bayern nun überhaupt noch zu stoppen?

Kießling: Es werden wieder sehr viele Mannschaften um die begehrten Champions League-Plätze kämpfen. Ich glaube, dass Borussia Mönchengladbach erneut eine gute Saison spielen wird. Schalke hat sich verstärkt, und die Dortmunder werden ebenfalls zurückkommen. Dann ist da natürlich noch Wolfsburg. Und wir sind auch noch da. Aber es bringt nichts, um den heißen Brei herumzureden. Die Bayern vom Thron zu stoßen - das dürfte wohl ganz schwierig werden. Bei den Münchnern müsste schon sehr viel schief laufen und bei den Herausforderern alles klappen. Wir werden auf jeden Fall versuchen unsere Leistung zu bringen. Ich bin überzeugt, dass wir uns am Ende wieder in der Spitzengruppe der Bundesliga behaupten werden.

Das Gespräch führte Andreas Kötter