Zusammenfassung

- Im Exklusiv-Interview spricht Pierre Littbarski über die Chancen der Deutschen bei der EM

- "Defensiv hat sich die Mannschaft gut verkauft"

- "Bei einem engen Spiel ist Podolski für die letzte Viertelstunde immer eine Option"

Köln - Die deutsche Nationalmannschaft ist als Gruppensieger und ohne Gegentor ins Achtelfinale der Europameisterschaft eingezogen. Dort wartet am Sonntag die Slowakei auf den Weltmeister. Während hinten die Null steht, hat die Offensive noch nicht vollends überzeugen können. Im Interview mit bundesliga.de spricht Pierre Littbarski, Weltmeister von 1990 und heute Leiter der Scoutingabteilung beim VfL Wolfsburg, über die Offensivoptionen von Bundestrainer Joachim Löw und seine Eindrücke von der EM.

bundesliga.de: Herr Littbarski, wie hat Ihnen die Vorrunde bei der Europameisterschaft gefallen?

Pierre Littbarski: Durchwachsen. In vielen Spielen gab es einige interessante Dinge zu beobachten. Ich fand aber kaum ein Spiel durchgehend richtig gut. Beim Spiel Portugal gegen Ungarn ging es immerhin einmal richtig hin und her. Als Fan wünscht man sich so ein 3:3.

bundesliga.de: Was sagen Sie zu den Auftritten der deutschen Mannschaft?

Littbarski: Ich habe bisher noch keine bessere Mannschaft als die deutsche gesehen. Ich bin recht zuversichtlich, was den weiteren Turnierverlauf angeht.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass durch den neuen Turniermodus bedingt durch die höhere Teilnehmerzahl defensiver gespielt wird, weil auch viele Dritte mit wenig Punkten weiterkommen konnten?

Littbarski: Das ist möglich. Ich hatte aber mehr den Eindruck, dass die Variabilität im Angriff und der Mut zum Risiko bei vielen Teams fehlte. Ob das taktisch bedingt war, weiß ich nicht. Viele Mannschaften haben auch keine Antworten gegen kompakt stehende gegnerische Abwehrreihen gefunden. Ob es am Modus oder eine Frage der Qualität war, kann ich nicht beurteilen.

bundesliga.de: Bis zum von Ihnen bereits angesprochenen letzten Portugal-Spiel haben die großen vier Torjäger des internationalen Fußballs - Thomas Müller, Robert Lewandowski, Zlatan Ibrahimovic und Cristiano Ronaldo - nicht getroffen. Dann netzte der Portugiese zweimal ein. Ist es Zufall, dass die Topstars noch Ladehemmung hatten?

Littbarski: Man darf nicht Rückschlüsse nur aus der Tatsache ziehen, dass die genannten Spieler noch nicht getroffen haben. Wenn ein Thomas Müller viele Chancen hat, ist das erst einmal eine gute Sache. Er hat den Pfosten getroffen, die Latte, der Keeper hat ein paar Mal gut gehalten. Das passiert. Auch Ronaldo hatte einige Möglichkeiten und hat nun getroffen, Ibrahimovic und Lewandowski hatten dagegen wenige, sie können auf jeden Fall besser spielen.

bundesliga.de: Vor dem Turnierbeginn hat die deutsche Elf viele Gegentore bekommen, die Defensive schien die Problemzone zu sein. Jetzt steht hinten die Null und die Offensive tut sich schwer. Wie hat Ihnen die deutsche Mannschaft bislang gefallen?

Littbarski: Durch das letzte Spiel gegen Nordirland wird ein viel positiverer Blick auf die deutsche Mannschaft geworfen, weil man gesehen hat, dass sie vorne nicht nur wie eine Handballmannschaft um den Strafraum herumspielt, sondern auch in die gefährlichen Zonen geht. Das spricht dafür, dass wir verschiedene Möglichkeiten haben. Die Basis ist, dass Abwehr und Mittelfeld kompakt stehen. Defensiv hat sich die Mannschaft gut verkauft.

bundesliga.de: Im Sturmzentrum hat Bundestrainer Joachim Löw zunächst auf Mario Götze gesetzt, dann auf Mario Gomez, mal spielt auch Müller weit vorne. Was hat Ihnen am besten gefallen?

Littbarski: Ich hätte gerne mehr von Julian Draxler gesehen - und das nicht nur weil er ein Wolfsburger Spieler ist. Er hat auf der Mittelfeldposition recht positiv agiert. Ihm fehlt das Erfolgserlebnis. Er hat vielleicht ein noch etwas schwierigeres Standing als Götze, dem auch noch das Erfolsgerlebnis fehlt. Die letzte Formation mit einem großen Stürmer, der die Innenverteidiger bindet, bietet mehr Möglichkeiten.

bundesliga.de: Es gibt mit Leroy Sané und Lukas Podolski Offensivspieler, die noch gar nicht zum Zuge gekommen sind. Glauben Sie, dass die beiden noch Einsätze bekommen?

Littbarski: Das hängt von der Frage ab, welche Räume man bearbeiten möchte. Sané ist kein Spieler, der ganz über die Außenpositionen kommt. Er zieht oft nach innen. Dann wird verglichen, ob Götze der Mannschaft mehr gibt. Wahrscheinlich geht die Tendenz mehr zu der Mannschaft, die das Turnier bisher ordentlich bestritten hat.

bundesliga.de: Wie wichtig ist ein Lukas Podolski noch für das Team?

Littbarski: Bei einem engen Spiel ist er für die letzte Viertelstunde immer eine Option, weil er unberechenbar ist und aus einer halben Chance ein Tor machen kann. Seine Torquote ist außergewöhnlich. Er kann noch eine Hilfe sein, weil er auch für den Gegner etwas unorthodox spielt. Er ist positionsmäßig nicht richtig festzumachen.

bundesliga.de: Was für ein Spiel erwarten Sie nun im Achtelfinale gegen die Slowakei, gegen die Deutschland im vorletzten Testspiel bei der Wasserschlacht von Augsburg 1:3 verloren hat?

Littbarski: Die Slowaken sind unbequem zu spielen und defensiv stark. In der Offensive haben sie außer Marek Hamsik aber keine außergewöhnlichen Persönlichkeiten. Sie spielen ihr Spiel solide runter. Es wird ein Geduldsspiel. Normalerweise sollte Deutschland das Spiel gewinnen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski